Teil 10

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Es ist nicht die Erinnerung die schmerzt, sondern der Schmerz

Melisa und ich haben in den Warteräume  Patz gefunden und es uns gemütlich mit einem Kaffee gemacht, den sie natürlich bezahlt hat. Ich nippe an meinem Kaffee unbehaglich, wissend, dass mich die Menschen in diesem Raum anstarren. Ich hasse es angestarrt zu werden und das bleibt auch nicht unbemerkt. Melisa rückt mit ihrem Stuhl näher zu mir und flüstert mir ins Ohr: Hey, ich weiß, dass du angestarrt wirst, denk nicht, dass es nur dir auffällt. Wenn du dich nicht wohl fühlst, können wir auch draußen Platz nehmen. Es gibt außerhalb des Krankenhauses auch Lautsprecher, damit die Patienten aufgerufen werden, falls sie mal frische Luft schnappen wollen oder Eine rauchen müssen.''

Und wieder bin ich ihr dankbar. Sie versteht mich und erkennt meine Sorgen, ohne dass ich es sagen muss. Sie ist wirklich eine bemerkenswerte nette Person. Ich hatte noch vor einigen Wochen Vorurteile gegen sie gepflegt, dass sie eingebildet wäre, hochnäsig und sehr selbstbezogen wäre, aber das ist sie wirklich nicht. Obwohl ich nichts über sie weiß, scheint sie mir so vertraut zu sein. Ich fühle mich in ihrer Gegenwart wohl. Doch trotzdem schwirren unzählige Fragen in meinem Kopf, wer sie wirklich ist und was sie überhaupt von mir will, denn ich denke sie möchte definitiv nicht meine Freundin sein. Keine Nichtmuslim wollte es. Sie haben Angst vor mir und sie bestimmt auch.

Das Krankenhaus besitzt einen riesen Garten mit einem großen Spielplatz für Groß und Klein. In den Schaukeln und Wippen könnten Erwachsene problemlos sitzen und ihren Spaß haben. Wahrscheinlich ist dieser Spielplatz auch für Behindert Kranke Menschen errichtet worden beziehungsweise gedacht. Ich habe plötzlich einen Geistesblitz, als ich mir den Spielplatz genauer ansehe. Jetzt erinnere ich mich wieder. Vor genau 8 Jahren wurde ich in so einem ähnlichen Spielplatz geschlagen. Die schmerzende Erinnerung, sie kommt wieder hoch. Die Tritte und Schläge, wie sie sich angefühlt haben, spüre ich jetzt wieder, als wäre es gestern erst passiert. Es war in einem behinderten Spielplatz, wo ich verprügelt wurde, bis ich bewusstlos auf dem Boden lag. Sie haben mich alleine gelassen. Ich bin drei Woche lang nicht zur Schule gegangen, weil mir die Blutergüsse und blauen Flecken einfach zu peinlich waren und ich wollte auch, dass es keiner mitbekommt. Keiner sollte mitbekommen, dass erwachsene Frauen und Männer über mich hergefallen sind, weil ich ein behindert krankes Kind vor dem Tod gerettet habe.

Es war im Frühling, in einem späten Nachmittag. Ich kam von der Schule und war sehr müde, daher nahm ich eine Abkürzung, die mich schneller nach Hause führen sollte. Ich ging aber diesen Weg sehr ungern, da die Menschen in diesem Spielplatz, nun ja, sehr eigen sind. Sie beleidigen Menschen dort mit anderer Herkunft und verfluchen jeden Muslim, der es nur wagt sich in diesem Spielplatz blicken zu lassen. Keiner hatte sich beschwert und jeder folgte den übertrieben Verlangen der einheimischen, bis ich eines Tages, aber mich für einen Tag nur, dagegen entschloss. Ich war zu müde und erschöpft um eine halbe Stunde länger zu gehen und wenn ich den Park überqueren würde, würde ich in ein paar Minuten schon zu Hause sein. Ich fasste mir ein Herz und ging einfach zum Park. Es war sehr ruhig und kein Mensch war in Sicht. Mein Herzklopfen beruhigte sich wegen dieser Erleichterung, doch trotzdem beeilte mich auch ein wenig mit dem Gehen. Laufen wollte ich nicht, denn ich war nicht mal in der Lage aufrecht zu stehen. Unerwartet überrumpelte mich ein kleines behindertes Mädchen mit blonden Zöpfchen im Alter von 5 Jahren vielleicht. Ich war zu überrascht um sie zu begrüßen, denn sie reichte mir die ganze Zeit ihre Hand und wollte somit meine Hand schütteln. Als ich dann endlich merkte, was sie von mir eigentlich will, war sie stinksauer geworden, weil ich es zu spät begriff und dann rannte sie zur Richtung Straße, schreiend und weinend. Ich lief ihr natürlich nach, weil ich keine Erziehungsberechtigende fand und es als meine Schuld empfand, dass sie weglief. Kurz bevor sie an der Straße angekommen war, und ihren sicheren Tod gerufen hätte, wenn sie wahllos die Straße überqueren würde, schließlich gab es keine Ampeln und die Autos fuhren in dieser Gegend besonders rücksichtslos.

Schnell schnappte ich mir ihre Hand und nahm sie sofort im Arm und ging in Richtung Park zurück. Das kleine Mädchen fing natürlich an zu weinen und ich versuchte vergeblich sie zu beruhigen. Mir fiel dann der Geduldfaden, weil ich einfach zu müde und erschöpft war und bald nur schwarzgesehen hätte, wenn sie nicht aufhören würde zu schreien. Daher habe ich sie angeschrien. Plötzlich hörte ich Stimmen. Stimmen von Eltern. Stimmen von besorgten Eltern. Sie kamen zu mir rennend und stellten mich als Kind Quälerin da. Sie haben mir unterstellt, ich würde mit dem Kind abhauen wollen und es im Schwarzmarkt verkaufen. Was für ein Blödsinn... Sie haben ernsthaft behauptet ich würde diesem Mädchen etwas antun. Schlagartig rissen sie mir das Kind vom Arm und fingen an mich zu schlagen. Erst war es einer der zuschlug. Dann kamen die Schläge und Tritte von allen Richtungen. Ich konnte mich nicht wehren. Ich war zu erschöpft meine Nerven am Ende und war einfach unterlegen.

Als sie fertig mit mir waren, ließen sie mich zurück. Sie ließen mich mit den ganzen offenen Wunden am Boden liegen. Doch Ich raffte mich auf mit Mühe und Not nach einigen Stunden und rief einen Krankenwagen an. Den Ärzten und meinen Eltern erzählte ich, ich wäre von Gangster einfach vermöbelt worden, weil ich ihnen mein Geld nicht geben wollte. Diese Ausrede glaubten sie mir zum Glück. Zu diesem Zeitpunkt gingen nämlich einige Gangster in ärmeren Gegenden Menschen an und schlugen sie, wenn sie nicht das taten, was man von ihnen verlangt hatte.

Als sie mich fragten, wie diese Unmenschen ausgesehen haben, die mich so hingerichtet haben, log ich wieder und meinte sie hätten mir ein Verband um meine Augen gebunden, bevor sie mich nach meinem Geld gefragt haben.

Ich wollte mit niemanden darüber sprechen, ich wollte, dass niemand über mich spricht, ich wollte, dass niemand in meiner Schule über mich spricht.

Von diesem Geschehen ist außer der schrecklichen Erinnerung eine kleine Narbe geblieben. Auf meinen rechten Finger. Einer von ihnen hat nämlich sein Taschenmesser rausgezogen und auf mich gezielt, dabei streifte er nur meinen rechten Finger. Als er wieder auf mich zielen wollte, hielt ihn eine Frau davon ab. Denn sie meinte mit dem Messer würde er es übertreiben. Tzz.

Ich berühre die Narbe leicht und streiche sie ein wenig mit meinem Zeigefinger und es fallen mir schlug artig die Tränen hinunter. Ich versuche schnell sie abzuwischen und nicht in Melisas Richtung zu sehen, die sich eine Schaukel geschnappt hat und jetzt schaukelt und lacht wie ein Kleinkind, das zum ersten Mal eine Schaukel entdeckt hat.

Um mich von diesem Schmerz abzulenken, blicke ich zum Krankenhaus. Plötzlich sofort weiden sich meine Augen. Ich sehe ihn wieder. Dort ist er. Vor der Eingangstür ist der Typ mit der Kapuze!

Und wie es aussieht hat er meinen Blick gefangen, den nun blickt er auch zu mir.

The veiled girlGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt