Kapitel 3

12 1 1
                                    

Ich glaubte ihm kein Wort. Und langsam wurde mir klar, was er eigentlich getan hatte. Er hatte Menschen umgebracht, und was war, wenn er das zu Unrecht getan hatte? Ich kannte ihn schließlich gar nicht. Mein Leben hatte er zwar gerettet, aber irgendwas war hier einfach faul. V ballte seine Hand zur Faust und schien sich zusammenzureißen. Er stand auf und schwankte dann plötzlich, doch hatte sich dann schnell wieder unter Kontrolle.
„Es ist nicht alles in Ordnung habe ich Recht?" sagte ich jetzt. Mir war es langsam Leid, dass ich keine Antworten bekam.
„Ich sagte, ich komme klar!!" sagte er jetzt laut und heftig. Ich zuckte zusammen, da ich nicht erwartet hatte, dass er direkt so wütend wurde. Es entstand eine lange Pause in der nichts passierte. Niemand sagte etwas und niemand tat etwas. Er stand einfach nur da und starrte den toten Körper von dem Soldaten an. Dann hörte ich ihn seufzen.
„Lass uns weiter gehen!" sagte er diesmal mit einer ruhigen Stimme. Und doch war die Stimmung noch angespannt. Mein Gefühl sagte mir, dass es ihm überhaupt nicht gut ging, doch ich schien erst mal nichts anderes machen zu können als auf ihn zu hören. Ich folgte ihm also weiter, doch ich behielt ihn im Auge. Das Schwanken von ihm gab mir doch Bedenken. Möglicherweise war er verletzt, zeigte dies nur nicht. Und wenn er tatsächlich verletzt war und wir noch mal angegriffen werden, dann hätten wir vielleicht keine Chance mehr. Aus dem Grund sollte er eigentlich mit mir reden, jedoch schien er keine offene Person zu sein. Wahrscheinlich war er so nicht ohne Grund. Dieser Ort war jedenfalls nicht sicher und ich fragte mich erneut, ob ich nicht träumte. Aber normalerweise frage ich mich nicht, ob ich träume, wenn ich wirklich träume. Und sobald ich wusste, dass ich träumte, wache ich normalerweise sofort auf. Das hieß also wirklich, dass ich nicht träumte. Ich bekam eine Gänsehaut, als mir das endgültig bewusst wurde. Ich wäre also wirklich fast gestorben, wenn V nicht gewesen wäre. Er hatte jedoch auch wirklich diese Menschen getötet, was wiederum hieß, dass er dafür bereit ist, anderen ihr Leben zu nehmen. Allerdings fragte ich mich auch immer noch warum das alles überhaupt nötig war. Was war hier nur los?
Ich hatte jetzt das Gefühl, dass es in dem Tunnel immer kälter wurde. Am liebsten hätte ich meine Arme um meinen Körper geschlungen auch um mein allgemeines Unwohlsein zu lindern, doch ich musste unseren Weg weiterhin mit Licht beleuchten. Ich konnte immer noch kein Ende sehen, was mir irgendwie Sorge bereitete. Ich wollte nicht wieder so eine Begegnung mit so einem merkwürdigen Soldat. Diese Leute sahen wirklich so aus wie Soldaten. Sie hatten eine rote Uniform und einen Helm, welcher der Grund war, warum man ihre Gesichter nicht sehen konnte. Es war wirklich gruselig und ich beschloss ganz schnell eine Lösung zu finden, wie ich wieder nach Hause kommen konnte.
V sagte auf dem ganzen Weg nichts mehr. Entweder er hatte Angst, dass hier noch weitere von diesen Männern auftauchen könnten oder er wollte sich einfach nicht mit mir unterhalten. Mir sollte es eigentlich egal sein, auch wenn es wirklich schön gewesen wäre, wenn er mich mal aufgeklärt hätte. Diese Dunkelheit vor mir machte mich jedenfalls langsam wahnsinnig und die Angst und Unsicherheit, die ich dadurch bekam wurde auch immer größer. Ich hatte das Gefühl, dass jederzeit auf uns geschossen werden konnte und da ich die Lichtquelle war, würde ich wohl als erste getroffen werden.
Ich hoffte einfach, dass wir bald da ankamen, wo V hin wollte.
„Ist es noch weit bis zum Versteck?" fragte ich dann leise und vorsichtig.
„Du solltest das hier besser nicht erwähnen. Es können überall Wanzen sein, die alles aufnehmen. Mach deswegen jetzt auch besser das Licht aus. Wir könnten beobachtet werden." Als er das aussprach brach plötzlich einen ohrenbetäubender Lärm aus. An der Decke des Tunnels waren plötzlich rote Lampen zu sehen, die den Tunnel mit rotem rotierendem Licht ausleuchteten. Ich erschrak und wusste, dass wir entdeckt wurden. Das Licht von meinem Handy machte ich sofort aus. Man konnte jetzt den kompletten Tunnel sehen. Er hatte weitere Abzweigungen und Kurven. Ich sah jetzt zu V und hoffte, dass er auch für dieses Problem eine Lösung parat hatte. Er sah sich jetzt hektisch um. Es sah so aus als erwartete er, dass jeden Augenblick Soldaten um die Ecke kommen mussten. Er nahm seine Waffe wieder in die Hand und hielt sie schussbereit. Und dann hörte man sie. Es mussten Hunderte sein. Man hörte wie eine große Anzahl von Soldaten durch die Tunnel liefen. Ich konnte aber nicht sagen aus welcher Richtung.
„Los komm!!" rief V über das laute Warngeräusch hinaus. „Wir müssen hier weg!" Er nahm wieder meinen Arm und lief mit mir los. Mich packte jetzt die Panik. Wie sollten wir es bitte schaffen aus diesem Labyrinth lebend wieder raus zukommen? Mir wurde schwindelig vor Angst. Ich erwartete jeden Moment, dass vor uns eine Meute von Soldaten auftauchte, die uns dann töteten. V bog dann in eine weitere Tunnelabzweigung ab, die erst dunkel war, doch sobald wir rein liefen, fingen auch dort an die roten Lichter zu leuchten und ich konnte schon nicht mehr sagen, von wo dieses ohrenbetäubende Geräusch her kam. Es machte mich jedenfalls wahnsinnig und ich konnte nicht mehr klar denken. V sah sich immer wieder um und sein Blick war tot ernst. Ob er Angst hatte, konnte ich nicht sagen, aber er war konzentriert. Ich konnte nichts anderes tun, als ihm einfach zu vertrauen. Wir liefen immer weiter, immer wieder in andere Tunneleingänge, in denen jedoch auch immer dasselbe passierte. Rote Lichter und das Warnsignal. Dann blieb V plötzlich stehen und öffnete an einer Tunnelwand wieder eine versteckte Klappe. Hinter dieser, kamen wieder Zahlen zum Vorschein, welche er in einer bestimmten Reihenfolge antippte. Daraufhin öffnete sich plötzlich eine versteckte Tür in der Wand, die man vorher absolut nicht gesehen hatte. V schlüpfte schnell hinein und zog mich mit rein. Die Tür schloss sich daraufhin schnell wieder und es war wieder dunkel und man hörte so gut wie nichts mehr von dem Warngeräusch. Das Einzige was man jetzt hörte, war unser schneller Atem und eine drückende Stille. Ich merkte erst jetzt wie ich nach Luft rang. Ich stützte mich erschöpft auf meinen Knien ab und versuchte meinen Atem in Kontrolle zu bringen.
„Hier sind wir jetzt sicher." sagte V ebenfalls mit schwerem Atem. Als ich das hörte war ich so erleichtert, dass ich mich an die Wand lehnte und an dieser runter rutschte. Plötzlich kamen mir die Tränen und ich began zu zittern. Es war alles zu viel. Ich wäre jetzt drei mal fast gestorben, habe Menschen vor meinen Augen sterben sehen, bin um mein Leben gerannt wie eine Irre und jetzt sitze ich hier an einer kalten Wand und mir wird gesagt, ich sei in Sicherheit. Ich wollte nur noch nach Hause zu meiner Mutter und ihr sagen, dass ich sie lieb habe und dass mir das alles Leid tat. Ich wollte, dass das alles nur ein doofer Traum ist und ich jetzt jeden Moment aufwachte. Doch ich wusste auch, dass das nicht passieren würde. Meine Tränen rollten mir die Wangen hinunter und ich schniefte.
„Weinst du?" kam dann plötzlich von V. Mein Schniefer hat es vermutlich verraten, schließlich konnte man mal wieder die Hand vor Augen nicht sehen. Doch diese Frage von ihm wirkte tatsächlich mal besorgt. Ich antwortete nicht. Das Einzige was aus mir raus kam, war ein weiterer Schniefer. Ich spürte dann, wie er sich mit einem Seufzer neben mich setzte.
„Du musst jetzt wirklich keine Angst mehr haben. Hier kann uns nichts mehr passieren." sagte er mit seiner sanften und tiefen Stimme, während er mir dann plötzlich einen Arm um die Schultern legte. Ich hörte sofort auf zu weinen, aber nicht weil ich nicht weniger verzweifelt war, sondern weil mich das überraschte.
Dann auf einmal leuchtete mir etwas ins Gesicht. Hatte er etwa eine Taschenlampe? Ich kniff die Augen zusammen und hielt mir die Hand halb vor das Gesicht, weil er mich blendete.
"Du weinst ja tatsächlich." sagte er und ich drehte den Kopf von ihm weg.
"Und du hast eine Taschenlampe, die wir die ganze Zeit hätten benutzen können." sagte ich trotzig zurück. Ich bemerkte, wie das Licht woanders hin wanderte und mich nicht mehr blendete. Daraufhin sah ich ihn wieder an. Sein Gesicht war halb im Schatten, da er immernoch seine Kapuze übergezogen hatte.
"Ich hatte vergessen, dass ich dieses Ding bei den Jägern eingesammelt habe. Normalerweise habe ich keine Taschenlampe." sagte er während er mich ansah und entschuldigend lächelte. Ich musste zurück lächeln. Das war das erste mal heute, dass mir jemand gegenüber wenigstens etwas freundlicher war. Wieder leuchtete er mir ins Gesicht und ich musste wieder blinzeln.
"So ist das doch schon viel besser." sagte er jetzt grinsend.
Na warte...das kann ich auch. Ich nahm mein Handy und öffnete wieder die Lichtfunktion. Sobald das Licht an war leuchtete ich ihm ebenfalls ins Gesicht und ich konnte es zum ersten Mal deutlich und ohne Schatten sehen. Er war wirklich noch jung und jetzt gerade konnte ich mir nicht vorstellen, dass er vorhin diese Soldaten, oder wie er sie nennt, Jäger, getötet hatte. Er wirkte total unschuldig und sein Gesicht hatte sanfte Züge, die einen sofort in den Bann zogen. Seine dunklen Augen kniff er jetzt ebenfalls zusammen, doch er sah nicht weg.
"Wer bist du?" fragte er mich dann plötzlich mit seiner tiefen Stimme und ich sah ihn irritiert an. Ich wusste nicht, was genau er hören wollte, da diese Frage so klang als erwartete er eine lange und große Erklärung von mir.
"Reona." sagte ich dann jedoch nur kurz und knapp. Aber um von mir abzulenken fügte ich noch hinzu: "Und V ist wirklich dein richtiger Name?" und sobald ich das gefragt hatte, drehte er sich auch schon wieder von mir weg.
"Ja..." sagte er jetzt ebenfalls kurz und knapp. Von seinem Lächeln war jetzt keine Spur mehr zu sehen. Ich seufzte und hörte auf ihm ins Gesicht zu leuchten. Stattdessen sah ich jetzt plötzlich Blut, welches an V's Hemd, in der Höhe seiner Hüfte zu sehen war. Ich erschrak und leuchtete jetzt genau drauf.
"Du bist ja verletzt!!!" sagte ich jetzt besorgt und sah ihn an.

The Other Side (BTS FF)Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt