Kapitel - 2

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Auch die nächsten Tage regnet es noch in Strömen, erst am Ende der Woche, Freitag, hört er auf, doch die Sonne lässt sich immer noch nicht blicken. Meinen Kommilitonen versuche ich ganz normal zu begegnen, doch denke ich, dass sie schon ein wenig mitbekommen haben, dass ich ruhiger und mehr in mich gekehrt auftrete. Glücklicherweise haben sie aber bisher keine Fragen gestellt. Ab und zu lache ich auch wieder mit ihnen, aber in Momenten, in denen ich glaube, dass ich für mich allein bin, da denke ich wieder an sie und stelle sie mir mit ihrem traurigem Gesichtsausdruck vor, der mich selbst ganz stumm werden lässt. Was hat dieses Mädchen nur erlebt, dass sie derart ihre Fröhlichkeit verloren hat und sich in keinster Weise ermuntern lässt? Ihr Blick schnürt mir die Kehle zu, mein Herz verkrampft bei diesem Ausdruck, jedesmal wenn ich ihn mir vorstelle. Mittlerweile habe ich es für mich schon fast zum Ritual werden lassen, jeden Donnerstag Abend an den Kulkwitzer See zu gehen, der nicht allzu weit von meiner Studentenwohnung im Westen von Leipzig liegt. Dort setze ich mich dann ans Ufer und betrachte den Sonnenuntergang.  

In den nächsten zwei Monaten traf ich sie noch dreimal und erfuhr dabei ihren Namen, als ich sie einmal fragte: „Elena". Vielmehr erzählte sie aber nicht, denn die meiste Zeit schwiegen wir, während sie immer neben mir saß. Gemeinsam sahen wir uns den Sonnenuntergang an und einmal legt sie sogar ihren Kopf an meine Schulter und ich merkte dabei, wie sehr sie innerlich kämpfte nicht in Tränen auszubrechen. Immer wieder schluckte sie schwer, doch sie sah nur der Sonne entgegen, die unterm Horizont verschwand.

>> Sie saß ruhig auf einem grossen Felsen und blickte in die weite Landschaft ringsumher. Dort grasten Schafe und Kühe vor sich hin. Ab und zu muhten sie oder machten mäh. Doch sie beachtete niemand. Keiner hatte einen Blick für sie und sah ihre Tränen, die sie wieder laufen lies. Sie rannen ihre zarten geröteten Wangen hinunter bis an das Kinn. Dort hielten sie sich noch einen ganz kurzen Moment, bevor sie sich dann fallen liesen, zu Boden, wo sie zwischen den Grashalmen verschwanden. Niemand war da, der diese auffing und niemand war da sie zu trösten. Warum zeigte ihr niemand, das die Welt auch noch schönes zu bieten hat? Wer trägt sie auf Händen durch die Welt und zeigt ihr all die schönen Dinge des Lebens? <<

Gemeinsam laufe ich mit ihr gerade am Strand entlang. Der Abend rückt mit großen Schritten näher und die Sonne nähert sich stetig dem Horizont. Immer kräftiger wird ihr roter Glanz und doch blendet sie mich noch zu dieser späten Stunde. Doch ich gehe nicht alleine. Neben mir spaziert noch Elena, das Mädchen, welches ich erst vor ein paar Monaten kennen gelernt habe. In Stille entlang den Strand führt uns unser Weg, schweigsam einen Fuß vor den anderen im feuchten Sand unter den immer kräftiger werdenden Sternen des Abendhimmels. Wir erreichen einen großen Stein, auf den wir uns setzen und der untergehenden Sonne entgegen blicken. Eine ganze Weile sehen wir noch dem Abendrot hinterher, bis das letzte Anzeichen ihres Lichts verlischt.

„Vor drei Jahren war ich schon einmal an diesem Ort und hatte einen sehr traurigen Moment gehabt", beginnt sie zu erzählen, „Ich habe tagelang nicht mehr mich aus dem Haus getraut und noch länger hatte ich kein Wort mehr gesprochen. Doch noch niemanden habe ich meine Geschichte erzählt." 

Nichts weiß ich darauf zu antworten und blicke mit melancholischen Gefühlen hinaus auf den See. Ich bin gerührt, ihre Geschichte nun hören zu können und doch weiß ich, dass ich es nicht ertragen werde. 

„Ich hatte keine Lust mehr zu leben, dachte schon daran, dieses selbst zu beenden. Ich weiß nicht was mich davon abgehalten hatte."

Eine kurze Pause entstand, da sie sich selbst erst zu fassen schien, bevor sie Kraft hat ihre Erzählung zu beginnen.

"Der Tag an dem ich meine Stimme verlor, begann mit schrecklichem Wetter. Nicht nur dass ich verschlafen hatte, nein es regnete stark, stärker als ich es je erlebt hatte. Max, mein Freund, ..."

Tränen rannen ihr wieder aus den Augen und ihr Blick war starr raus auf den See gerichtet, dorthin, wo die Sonne uns ihrer letzten Strahlen geschickt hatte. Die Erinnerung an ihren Freund, der mehr als nur ein Freund war, zebrach ihr immer noch das Herz.

"Der, der, der ...", sprach sie langsam, innerlich kämpfend und doch ruhig. "Der Sturm bließ kräftig, dass die Fenster in ihren Angel klapperten und der Regen mit einer Wucht gegen die Scheiben prasselte, dass ich jedesmal das Gefühl hatte, sie würden jeden Augenblick unter dem Druck zusammenbrechen und der Regen würde ins Zimmer schlagen. Mein Herz bangte in diesem Moment aber nicht um mich sondern um die Tiere auf der Weide. Ich lebte noch auf dem Pferdehof meiner Eltern. Und die Pferde waren auf der Weide ..."

Ruhe lag wieder zwischen mir und Elena. Wieder kämpfte sie gegen ihre inneren Gefühlswallungen an, doch diesmal schien auch Wut mit im Spiel zu sein. Ihr Gesichtsausdruck war auf einmal streng, aber auch Trauer war in ihren Augen zu erkennen. Die Hände zu Fäusten geballt und doch waren ihren Wangen feucht.

"Musste er denn raus bei diesem mächtigen Gewitter? Warum musste der Blitz in den Baum einschlagen, sodass Aldhibah ausschlug und ihn am Kopf traf?!"

Und da ist es nun raus. Sie kann ihre Tränen nicht mehr zurückhalten und es kommt über sie, als würde in ihr eine ganzer See einen Damm durchbrechen. Die Hände vor ihr Gesicht gehalten, muss sie immer wieder kurz und kräftig Luft holen, bevor sie weiter ihrem Schmerz Ausdruck verleiht und herzergreifend schluchzt. Sie weint unaufhaltsam. Sogar ihren Kopf legt sie an meine Schulter, sodass ich ihren Krampf, der ihren ganzen Körper seit Ewigkeiten erfüllt haben muss, spüre. Und auch ich steh kurz davor Tränen zu weinen, da ich mit ihr fühle, aber bei weitem nicht all den großen Schmerz, den sie in sich trägt und dies auch noch lange tun wird.

Ungezählte Minuten, vielleicht gar Stunden, sitzen wir nun schon am See. Elena hat zwar aufgehört laut zu schluchzen, doch immer noch fließt es aus ihren dicken Augen, die vom Tränenwasser und dem Reiben gerötet sind. Auch der Mond hat seinen höchsten Punkt schon überschritten und folgt nun langsam der Sonne gen Horizont. Elena hat auch ihre ganze Geschichte mir erzählt, wie genau ihr Freund bei diesem Unwetter vor sieben Jahren ums Leben gekommen ist.

< Aldhibah war der stolze Araber-Hengst von ihr, welches sie damals auf dem Hof ihrer Eltern geritten war. Seitdem reitet sie auch nicht mehr und Aldhibah wurde verkauft. An jenem Abend vor sieben Jahren herrschte das schlimmste Unwetter seit Aufzeichnungen in der Gegend und Max versuchte noch den Hengst seiner Freundin in den Stall zu bringen. Das Gewitter erschwerte durch den heftigen Wind nicht nur den Gang auf die Koppel, sondern wirbelte Laub und Sand auf, dass auch das Sehen schwer fiel. Das machte auch Aldhibah ganz wild, dem als Araber dann die Gefühle durchgingen und er wild um sich schlug. Max musste ihn zuerst versuchen, mit einem Strick einzufangen um ihn dann an diesem von der Koppel in den Stall zu ziehen, was bei diesem Pferd schon bei normalen Bedingen schwer ist, wenn er Mal keine Lust hat. Bei diesem Sturm war dies mehr als ein sinnloser Versuch. Doch genau in dem Moment, als Max gerade bei Aldhibah stand und im den Strick um den Hals zu legen, schlug ein Blitz in die alte Eiche am Rand der Koppel ein und das Pferd bäumte sich, schlug nach vorne aus und traf dabei Elenas Freund am Kopf. Dabei brach die Schädeldecke von ihm. Es wäre glimpflich ausgegangen, hätte Max sich fangen können und würde sanft zu Boden gegangen sein. Doch Aldhibah rasent vor Wut, Angst und Schrecken, bäumt sich ein zweites Mal auf und stieß Max von sich, sodass dieser rückwärts taumelnd umfiel und mit dem Kopf auf einen Stein auf der Wiese fiel, was im nicht nur ganzlich den Schädel zertrümmerte, sondern auch gleich das Ende für ihn bedeutete. Max war sofort tot und blieb regungslos liegen. Aldhibah rannte quer über die Koppel und war im Sturm nicht mehr auffindbar. >

< Erst als das Unwetter sich am nächsten Tag gelegt hatte, konnte man den Leichnam abtransportieren und fand auch Aldhibah, verwundet am anderen Ende der Koppel, weil dieser noch in der Nacht, als das ganze Drama sich abspielte, über den Zaun springen wollte, sich aber verschätzte und mit den Vorderhufen gegen die Latten geprallt war. Aldhibah wurde langsam gesund, da die Eltern von Elena sich liebevoll um das Tier kümmerten. Doch weil Elena seit dem ganze drei Jahre lang kein Wort mehr geredet hat, entschieden sie sich dann, das Pferd zu verkaufen. Elena saß von nun an nie wieder auf einem Pferd und hat auch nie jemanden von ihrer Geschichte erzählt, bis heute Nacht. >

Die Liebe eines MenschenWo Geschichten leben. Entdecke jetzt