...........
Ich seufze. Die Verbrechen alleine zu dokumentieren ist schon anstrengend, aber eine neue Gruppe, über die noch nichts bekannt ist aufzuspüren, ist eigentlich nicht das was ich gerne machen möchte. Erstens bedeutet das eine Menge Arbeit und zweitens und noch viel wichtiger ich hab so etwas noch nie gemacht.
„Möchtest du da den ganzen Tag stehen?", holt mich eine Stimme aus meinen Gedanken.
Ich schrecke hoch. Ein Junge mit blauen Augen, kurz geschnitten, blonden Haaren, grinst mich an. Er trägt eine Jeans, die von Löchern überseht ist und ein einfaches weißes T-Shirt, welche heute Morgen wohl mit dem Geschmack von Kaffee in Berührung gekommen ist. Der Fleck wurde versucht raus zu waschen, dieses hat ihn zwar unauffälliger gemacht, aber er ist immer noch zu sehen und vor alle zu riechen.
„Was willst du Anton?"
„Nichts, ich finde den Anblick einfach nur faszinierend, wie du den Brief anstarrst und ein Gesichts machst, als hätte man dir gesagt das du Geister jagen sollst.", bringt er in den kurzen Pausen zwischen seinem Lachen heraus. So lustig es sich anhört, hatte er irgendwo ja Recht: Ich musste Geister jagen. Diese Vorstellung brachte nun auch mich zum Lachen. Da standen wir beide so da und lachten. Anton schafft es immer mich in den dunkelsten Zeiten aufzumuntern, in den letzten Jahren ist er ein Bruder für mich geworden.
„Wer war den die Kleine, die dich gesucht hat? Die sah nicht so aus, als wäre sie von hier."
„ Sie stammt aus irgendeiner reichen Familie"
„Wie ist denn ihr Name? Vielleicht bekomme ich mehr über sie heraus.", fragt er, mit einem mir so bekannte Unterton, das ich schmunzeln muss. Anton ist von Natur aus ein sehr neugieriger Mensch und immer wenn er probiert alles zu erfahren, hat er diesen Ton in der Stimme. Für einen Moment überlege ich, ihm den Namen zu sagen, doch dabei fällt mir ein, dass ich den Namen nicht kenne. Habe ich wirklich grade einer komplett fremden Person angeboten, in meiner Wohnung zu leben. Was in aller Welt hat mich dazu getrieben. Normalerweise hätte ich so etwas nie gemacht, aber bei ihr. Warum? Mir fällt keine Antwort ein, dafür aber das ich ja eigentlich mit Anton geredet habe. So hebe ich meinen Blick und sage leise: „Dich geht nicht immer alles was an."
Doch bevor er antworten kann, ruft ein Junge am Eingang seinem Namen, worauf er sich verabschiedet und mich einfach an der Tür stehen lässt. Na toll, das nenne ich mal eine gelungene Unterhaltung. Eigentlich wollte ich noch nach seinem Job fragen, aber das muss wohl warten. Es lief für ihn ganz gut, er hat Journalistik studiert und es sah alles so aus, als würde er einen Job bekommen und erfolgreich werden. Doch dann muss irgendwas passiert sein und er ist unter den armen gelandet, ohne Job, ohne Zukunft, ohne alles. Mein Vermieter hat ihn vor 6 Jahren angeschleppt und seitdem lebt er hier. Bei ihm halte ich mich an meine Regeln und frage nicht nach. Ich glaube manchmal ist es besser nicht zu wissen, denn die Wahrheit kann einen für immer verfolgen, dann ist es besser in Ungewissheit zu Leben. Dieses meint zu mindestens mein Meister.
Kopfschüttelnd schließe ich die Tür hinter mir und meine Gedanken kreisen wieder um mein anderes Problem: der Brief. Ich steure auf mein Bücherregal zu und probiere in meinen Erinnerung die Stelle zu finden, wo ich die Akten zu den Night Side Beasts hingestellt habe. Meine Finger überstreichen die Bücher, sodass ich die verschiedenen Texturen auf ihren Buchrücken spüren kann. Bei einem Buch, auf dessen Rücken ein wunderschöner goldener Buchstabe zu sehen ist, stoppe ich. Langsam hole ich es heraus und öffne es. Es ist zwar nicht das wonach ich gesucht habe, aber mein Auftrag hat auch noch Zeit bis Morgen. Vorsichtig öffne ich das Buch und streich über die erste Seite. Ein handgeschriebener Text erscheint vor mir:

DU LIEST GERADE
Out of the Shadow
Mystery / ThrillerMein Leben ist mein Beruf und mein Beruf kostet Leben. Aber ich kann nicht aussteigen, nicht wenn man so viel weiß, so lange es schon macht. An sich ist es ein gutes Leben: ich habe ein Dach über den Kopf und meine Arbeit ist einfach: Informationen...