Free

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Die Blätter der Weide rauschten im Wind. Ich saß ganz alleine auf einer der Wurzeln und atmete die frische Frühlingsluft ein.

Durch die Blätter fielen einzelne Sonnenstrahlen auf mein Gesicht und wärmten meine Wangen.

Ich war glücklich. Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit war ich glücklich. Jetzt konnte ich über die vergangenen Dinge nachdenken, die mir passiert waren. Ich konnte sie mir ins Gedächtnis rufen, ohne Angst davor haben zu müssen, wieder daran zu zerbrechen.

Es hatte lange gedauert, den Scherbenhaufen meines Herzens wieder zusammen zu kehren und alles, Stück für Stück, aneinander zu kleben, bis mein Herz wieder schlagen konnte.

Wieder atmete ich die frische Luft ein. Es tat so gut, einfach nur hier zu sitzen, das Gras unter meinen Füßen zu spüren und das Zwitschern der Vögel über mir zu hören.

Ich musste an meine Mutter denken. Sie war in dieser schweren Zeit für mich da gewesen und sie hatte mich verstanden, wenn ich geweint hatte und auch, wenn ich schlechte Laune gehabt hatte.

Ich musste Lächeln. Ja, jetzt war ich glücklich. Jetzt wusste ich, wo ich hingehörte und auf wen ich zählen konnte. Der Weg, auf dem ich gehen musste, um das herauszufinden, war nicht sonderlich schön gewesen. Er hatte viele Biegungen, ging mal steil nach oben und mal einen Abhang hinab und steinig war er auch gewesen, aber er hatte mich stärker gemacht. Er hatte mich erwachsener gemacht. Jetzt war ich nicht mehr naiv und gutgläubig. Jetzt konnte ich unterscheiden, was gut und was schlecht für mich war. Und ich wusste jetzt, wie ich mein Herz wieder zum schlagen brachte, wenn es eigentlich schon aufgegeben hatte.

Obwohl es mich fast kaputt gemacht hatte, war ich froh um all diese Erfahrungen. Ich wusste jetzt, dass es so zerstörerische Menschen gab, die nur darauf warteten, jemand anderen kaputt zu machen. Das machte mich traurig. Doch zugleich erfüllte es mich mit Reue, wie ich auf all das hereinfallen konnte. Und trotzdem war ich jetzt glücklich. Ich war frei! Ich hatte meine Lektion gelernt und neue Freunde gefunden. Ich hatte mich aus meinem Elend befreit und neu angefangen.

Glücklich. Einfach nur glücklich. Wunschlos und frei.

Wieder hoben sich meine Mundwinkel zu einem Lächeln. Jetzt konnte ich selbst diesem Menschen, der versucht hatte, mich zum Boden zu bringen, wünschen, glücklich zu sein. Denn ich hoffte wirklich, dass man glücklich war, wenn man so etwas mit Absicht tat. Wenn es mit Absicht geschieht, dann sollte man doch auch darüber glücklich sein, was man getan hatte, oder nicht?

Ich seufzte. Frei. Endlich frei. Niemand konnte es mir nehmen, dieses Gefühl.

Ich legte den Kopf in den Nacken und blickte den Baum hinauf. So schön sollte es immer sein.

LittleWo Geschichten leben. Entdecke jetzt