Distrikt 3: Ariel Gember

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Angst. Das einzige Wort, das beschreiben könnte, wie ich mich gerade fühle. Furchtbare Angst vor den anderen Tributen, der Arena, dem Countdown. Meinem Tod.

Ich sitze mit meiner Stylistin Gemma in einem der 24 extra für uns errichteten Starträume, tief unter der Erde in den Katakomben und warte auf mein mit jeder verstreichenden Sekunde näherkommendes Todesurteil. Ich beiße mir auf die Unterlippe. Fünf Minuten noch, dann muss ich mich auf die Plattform stellen und werde nach oben gefahren. Gemma streicht mir über mein dunkles Haar.

"Ariel, du darfst jetzt nicht aufgeben. Du musst an dich glauben! Halte dich an den Plan, den du mit deinem Mentor ausgemacht hast. Du wirst es schaffen! Die anderen Tribute werden sich ganz auf sich selbst konzentrieren. Das kannst du ausnutzen."

Das ist wahr. Wenn ich wollte, dann hätte ich eine Chance. Eine geringe zwar, aber immerhin den Hauch einer Chance. Und ich bin flink, klein, geschickt. Ich werde so schnell wie möglich vom Füllhorn verschwinden und versuchen, in der näheren Umgebung einen Unterschlupf zu finden. Aber was ist, wenn ich zu langsam bin? Was ist, wenn jemand auf mich aufmerksam wird und mich kaltblütig ermordet?

Der kleine Funken Hoffnung, den Gemma mir gerade gegeben hat, verschwindet sofort wieder. Ich kann nicht überleben. Das weiß ich selbst seit dem Tag der Ernte und es weiß jeder. Die Leute in meinem Distrikt, die anderen Tribute, die Spielmacher, die Sponsoren. Auch Gemma weiß es, da bin ich mir sicher. Sie will mich nur aufmuntern.

Als die Zeit gekommen ist, stelle ich mich auf die Plattform, die mich in den sicheren Tod fahren wird. Gemma drückt ein letztes Mal meine Hand. "Viel Glück, Ariel. Ich weiß, dass du es schaffen kannst." Dann schließt sich der Glaszylinder um mich und ich bin allein.

Langsam merke ich, wie ich nach oben gefahren werde. Ich zittere so stark, dass ich beinahe das Gleichgewicht verliere.

Oben angekommen wage ich es nicht, die Augen aufzumachen. Ich höre den Countdown.

59, 58, 57...

Ich öffne die Augen und blinzele. Ich blicke in helles Sonnenlicht. Ein fremdartiger Duft steigt mir in die Nase und ich bin nun im Begriff, das Füllhorn zu betrachten.

53, 52, 51...

Langsam drehe ich den Kopf zur Seite und erblicke das grimmige, wutverzerrte Gesicht des Jungen aus Distrikt 1. Seinen Namen habe ich vergessen.

46, 45, 44...

Mein Blick schweift zum golden in der Sonne glänzenden Füllhorn. Bis oben hin ist es voll mit Waffen, Rucksäcken, Proviant und anderen lebenswichtigen Utensilien.

40, 39, 38...

Um das Füllhorn herum verstreut sehe ich nützliche Dinge. Etwa 4 Meter von meiner Plattform entfernt sehe ich einen gelben Rucksack. Er muss prall gefüllt mit Essen und anderen nützlichen Dingen sein, aber ich denke, dass die besten Sachen auch am nächsten am Füllhorn sind.

31, 30, 29...

Ich schaue mir der Reihe nach alle Tribute an, die ich sehen kann. Meine Angst steigt, ich zittere immer noch.

23, 22, 21...

Ich drehe meinen Kopf und blicke auf einen tiefen, dunklen Wald. Ein gutes Versteck, aber es lauern sicher sehr viele gefährliche Tiere und vor allem Mutationen des Kapitols darin.

17, 16, 15...

15 Sekunden. Eine Viertelminute bis zu meinem sicheren Tod.

13, 12, 11...

Sicherer Tod? Nein. Ich könnte vom Füllhorn entkommen, bevor ich getötet werde.

10, 9, 8...

Ich entschließe mich dazu, so schnell wie möglich in den wald zu rennen. Vielleicht habe ich so eine Chance.

7, 6, 5, 4...

Ich blende meine Angst aus, so gut es geht und stelle mich in Startposition.

3, 2, 1.

Der Gong ertönt.

Und dennoch bin ich vor Schreck wie gelähmt. Ich schaffe es nicht, loszulaufen. Viele Tribute sind schon auf halbem Weg zum Füllhorn, nur ich stehe noch wie angewurzelt auf meiner Plattform.

Dann wage ich einen Schritt. Zwei. Drei. Weiter komme ich nicht, da ich Zeuge des schlimmsten Blutbads werden muss, das je in meine Gedanken gekommen wäre.

Ich habe hier nichts zu suchen, denke ich und mein Kopf dröhnt. Tränen steigen mir in die Augen. Tränen der Angst, des Schreckens, der Hilflosigkeit.

Und dann kommt der Junge aus Distrikt 1 auf mich zu. Grinsend wischt er das fremde, junge Blut von seinem Messer. Es ist riesig. Ich schreie laut auf, doch ich weiß, dass es zu spät ist.

Nun steht er ganz nah vor mir und auf einmal wirft er mich zu Boden. Da liege ich nun, gekrümmt vor Angst vor dem, was gleich kommen wird.

Der Junge holt aus und rammt sein Messer mitten in meine Brust. Ich mache nichts, liege nur da und lasse alles über mich ergehen. Es wäre sinnlos, sich zu wehren. Ich habe mich schon längst aufgegeben.

Der Junge sticht noch ein paarmal auf mich ein, dann lacht er. Aber ich meine, in seinen Augen so etwas wie Mitleid und Selbsthass zu sehen.

Mir wird langsam schwarz vor Augen. Der Schmerz zerreißt mich innerlich, ich spüre, wie ich langsam aber sicher verblute. Doch von außen sieht man nichts davon. Ich liege einfach nur da, auf dem feuchten Gras, und sterbe.

Wie ich es vorhergesehen habe. Wie alle es vorhergesehen haben. Ich war von Anfang an nur zu diesem Zweck bestimmt gewesen.

Ich denke an meine Familie, wie sie jetzt zuhause vor dem Fernseher sitzen wird. Meine beiden Brüder. Mein Vater. Und ich sehe vor mir, dass sie bei mir sind, wenn ich gehe.

Und dann sterbe ich einfach. Das Licht vor meinen Augen erlischt und ich bin weg.

In meinem letzten Atemzug fällt mir auch der Name meines Mörders wieder ein.

Marvel.

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