Um ehrlich zu sein, war sich Elina nicht komplett sicher, wie genau sie letztendlich hier gelandet war.
Auf einem viel zu kleinen Sofa, zusammen mit einem fast fremden Jungen. Mit irgendeinem alten Film. Fast in den Kniekehlen besagten Jungens sitzend.
Fast wie der verdammte Hund einer gewissen Freundin.
Vielleicht verbrachte sie auch einfach zu viel Zeit mit besagter Freundin. Vielleicht war es ja auch ganz niedlich...
Sobald der Gedanke zu Ende gebracht war, hätte sie ihn am liebsten für immer und ewig vernichtet. Vergessen. Sie spürte, wie sich Hitze in ihrem Gesicht ausbreitete.
Aus Angst, der Junge neben ihr würde die Bewegung in seinem Augenwinkel bemerken, hielt sie ihre Hände davon ab, sich an ihre Wangen zu heben. Stattdessen verflochten sich ihre Hände in ihrem Schoß fast schmerzhaft ineinander.
Ehrlich gesagt hatte Elina keine Ahnung, was gerade auf dem alten und ungewohnt kleinen Bildschirm vor ihr passierte. Ganz zu schweigen was für ein Film lief.
Das Mädchen war voll und ganz damit beschäftigt, sich selbst zurückzuhalten - bloß kein Geräusch machen.
Gleichzeitig versuchte sie den Damm wieder aufzubauen.
Den Gottverdammten Hoover Dam, den die kleinen, imaginären Männchen ihrer Gedanken nachgebaut hatten, um sie vor einer anhaltenden Trauma-Reaktion zu bewahren.
Elina gab zu, dass das so ein bisschen dramatischer klang, als sie beabsichtigt hatte.
Aber es entsprach der Wahrheit.
All die Arbeit, nur um den Damm zu fluten, weil man gegen eine verdammte Türzarge gelaufen war!
Der rötlich gefärbte Verband an ihrer Hand war schon fast lose. Sie konnte einfach die Hände nicht davonlassen.
Langsam zupfte sie die ineinander verklebten Schichten auseinander.
"Lass das. Ich habe nicht genug Mullbinden für sowas", Darian wandte nicht einmal den Blick vom Fernseher ab.
Für einige Sekunden hielt Elina Inne, dann drückte sie auf ihre Handfläche, als wolle sie den Verband in seine alte, verklebte Position zurückschieben.
Der Junge neben ihr atmete belustigt durch die Nase aus, doch sie bekam davon nichts mit.
Sie war schon wieder zurück in die fremden Dimensionen hinter dem schwarzen Loch gesogen worden. Dort, wo Logik keinen Wert hat und die Bäume über dein Scheitern lachen.
Dort, wo die Hölle ein bisschen wie der Himmel aussieht und du an manchen Tagen gar nicht bemerkst, dass sie dich Stück für Stück zerhacken.
Als Elina wieder wirklich sah lief der Abspann des Films. Sie blinzelte zwei dreimal, bis sie es verstand.
Nicht, dass sie ein Problem damit hatte - sie hatte ja quasi nichts von dem Film gesehen - ihr war nur nicht bewusst, dass man wirklich auch in echt so weit abdriften konnte.
Oder war sie vielleicht doch eingeschlafen...?
Es dauerte noch mindestens drei weitere Blinzeln, bis wirklich all ihre Sinne wieder nach außen gekehrt waren. Die Braunhaarige hatte während ihres kurzen Aufenthalts in dem Blockhaus ganz vergessen, wie gespenstisch der Wohnraum doch bei Nacht aussah.
Vielleicht war es ihr aber auch einfach nie aufgefallen...
Sie konnte leises, stetiges Atmen neben ihr vernehmen und als sie ihren Kopf wandte und die Knochen ihrer Wirbelsäule knackend nacheinander wieder in Position rückten, konnte sie einen Blick auf die schlafende Gestalt ihres neuen Mitbewohners werfen.
Von ihrem Standpunkt aus, sah er irgendwie jünger aus.
Damians ewig ernste Gesichtszüge waren zu einem ruhigen und neutralen geworden und vielleicht bildete Elina es sich nur ein, aber sie glaubte sogar zu sehen, dass sein Mundwinkel leicht nach oben zeigte. Beinahe schnaubte sie. So klischeehaft.
Die Stelle, wo die Beine der beiden Teenager sich ein bisschen berührten, war etwas wärmer als der Rest ihrer Körper und die Haut des Mädchens kribbelte an dieser Stelle auf eine seltsam angenehme Weise. Sie wollte sich wirklich nicht bewegen.
Aber Elina musste aufs Klo.
Das war wieder so typisch.
Ihre Nerven waren an manchen Stellen noch etwas taub, als sie sich langsam und mit zitternden Beinen hinter dem Jungen hervorkämpfte. Das Mädchen tat wirklich alles, was in ihrer Macht stand, um den Schwarzhaarigen nicht zu wecken und wäre deshalb beinahe gegen die Kante des kleinen Kaffeetisches vor ihr geknallt, als sie endlich ihre Füße auf dem Boden abstellte.
Doch sie hatte Glück. Es schien, als würde der größere immer noch Schlafen, als sie leise in Richtung des Badezimmers trippelte.
"Ich habe auf der Badewanne ein paar alte Sachen von mir abgelegt, die dir vielleicht passen könnten. Dann musst du nicht wieder in Jeans schlafen."
Die Braunhaarige glaubte gerne, dass sie schon sicher die Hälfte des Flurs zurückgelegt hatte, als seine Stimme durch die fast etwas einsame Totenstille des Hauses hallte.
Morpheus hatte es sich auf den Stimmbändern des Jungen gemütlich gemacht und weigerte sich auch nun, als er aufgewacht war, die vibrierende Wärme seines Halses zu verlassen. Fast hätte sie deshalb die etwas tiefere, schleppende Stimme nicht erkannt, als die schweigenden Vorhänge zerschnitten wurden.
Ihr Herz hatte für eine kleine Sekunde ausgesetzt und danach mindestens doppelt so schnell weitergeschlagen, bis sie endlich verstand.
"Und morgen gehe ich in die Stadt. Überleg dir also, was du vielleicht brauchen könntest", jetzt klang Damians Stimme schon etwas wacher. Vielleicht hatte er sich ja aufgesetzt.
Elina wollte es wirklich nicht herausfinden. Elina wollte einfach nur aufs Klo.
Eine Gänsehaut Strich wie Geisterfinger ihr Rückgrat hinauf, als ihre Füße die kalten Fliesen berührten.
Erst dann, mit einer Sekunde Verspätung schaltete sie das Licht an.
Flackernd und gelblich erwachte die alte Glühbirne zum Leben und erhellte den gefliesten Raum. Fast konnte sie den Kohledraht ganz weit hinten in ihrem Ohr summen hören.
Schon früher am Tag hatte sie sich gefragt, wie alt dieses verdammte Zimmer sein wollte. Vielleicht sollte sie Darian mal eine Renovierung vorschlagen. Sonst würde ihnen bald der Putz in die Haare rieseln.
Tatsächlich lag auf dem weiß leuchtenden Rand der Badewanne ein Haufen dunkler Stoffe - Kleidung.
Manchmal - in den letzten 24 Stunden - fragte sich Elina, ob der Junge jemals etwas anderes als dunkle Farben besessen hatte. Andererseits war es ja nicht gerade so, als wäre das nicht die Situation jedes existierenden Teenagers zwischen 14 und 20.
Jugendliche waren die Dunkelheit. Zumindest dachten das die meisten in irgendeinem Moment. Und ihnen lag an nichts mehr, als das der ganzen Welt klarzumachen. Es war wirklich traurig.
Der dunkelblaue Hoodie mussten schon seit Jahren in dieser Hütte liegen, denn egal wie schlecht ihr Augenmaß war, die Braunhaarige konnte sich nicht vorstellen, dass der Junge da noch reinpassen würde.
Und trotzdem.
Trotz all den Jahren in irgendwelchen alten Schränken, in denen nur noch Chemikalien den Kampf gegen die Motten aufnahmen, roch der Stoff noch genau wie er.
Irgendwie nach Nebel und Regen und nassem Holz und Nadelholz.
Als sie den weichen Stoff ihr Rückgrat hinunterwandern ließ kitzelte der einzigartige Geruch in ihrer Nase. Und Gott! Es war so schön warm.
Vielleicht hätte Elina es wenigstens etwas bedenklich finden sollen, wie angenehm der trotz allem etwas zu große Pulli ihren Körper umschlang. Aber in diesem Moment überwältigte sie das Serotonin.
Und es schien, als gäbe es nichts, was ihr nicht nicht egal sein konnte.
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Vollmondaugen
RomanceVollmondaugen substantiv neutrum//plural ° Augen mit dem Aussehen des Vollmondes ° Augen, die das gleiche Gefühl geben, wie beim Betrachten des Vollmonds - Wieder huschten die grauen Mondaugen ihr Gesicht hoch und runter. Auf. Ab. Auf...