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Wie jedes andere Kind auch hatte Elina Geschichten gehört.

Geschichten von gruseligen Männern, die Dinge versprachen und kleine, ahnungslose Kinder in Wohnungen und Vans lockten.

Und je älter sie wurde, desto stärker wandelten sich die Geschichten. Aus noch recht harmlosen Erzählungen, zur Abschreckung von Kindern wurden Gruselgeschichten von wiederkehrenden Axtmördern und verwirrten Kindergeistern, die die Geschichten zu spät hörten.

Und schließlich wurden es Wahrheiten. Die hässlichen Wahrheiten der Opfer, die sich nicht mehr vor ihrer eigenen Naivität retten konnten und an ihrer Freundlichkeit zu Grunde gingen. Opfer, die sich nicht wehren konnten und keine Wahl hatten.

Elina fragte sich, ob sie bald eine dieser Geschichten sein würde.

Sie fühlte sich wie entweder die Hauptperson eines veralteten Videospiels oder aus einem drittklassigen Horrorfilm. Noch war sie nicht ganz sicher, welchen Vergleich sie besser fand, während sie auf den schwarz verwuschelten Hinterkopf des Jungen vor ihr starrte, der sie durch das Dämmerlicht des Waldes führte.

War es Elina egal, ob sie mitten im Wald von irgendeinem Jungen namens Darian umgebracht wurde? Sie war sich nicht ganz sicher.

Aber wer heißt schon Darian?

Das Mädchen konnte spüren, wie sich Brombeeren durch ihre Hosenbeine arbeiteten, nur um einen wertvollen Tropfen ihres Blutes zu erhaschen. Und als mit dem nächsten Schritt all ihre Arbeit zu nicht gemacht wurde, rissen sie empört an dem Stoff.

Vielleicht hoffte sie unterbewusst, dass die Hose nicht riss, aber eigentlich hatte die Braunhaarige größere Probleme.

Ihre Stirn knallte zwischen Darians Schulterblätter und der Junge stolperte einen Schritt nach vorne. Sie hörte ihn leise fluchen, er sagte aber nichts.

Vielleicht ist er doch ganz in Ordnung...

Braune Augen bohrten sich nachdenklich in seinen Nacken. Der Junge ignorierte das Gefühl. Wieso, wusste er auch nicht so genau.

Langsam erwärmte sich das kalte Metall der Taschenlampe, die er gerade aus seiner Jackentasche gezogen hatte und kurz spielte er mit dem verschlissenen Gummiknopf herum, bevor er das Licht endlich anschaltete.

Der Wald erstrahlte im weißen Licht, als der neue Mond in die Dunkelheit geboren wurde.

Elina zog überrascht die Luft ein, als das Licht von den Statuen des Waldes zurückgeworfen wurde. An sich war es hier wirklich schön, wäre es nun auch Tag...

Etwas blitzte in der nahen Ferne und braune Augen versuchten sich verzweifelt darauf zu fokussieren.

"Ich kenne hier ein Versteck...", Darian schien ihren Blick gesehen zu haben - wie wusste sie auch nicht so genau. Vielleicht hatte er aber auch mit sich selbst gesprochen. Mal wieder. Ein seltsam sentimentaler Unterton lag in seiner Stimme.

Nein! Das hätte ich niemals gedacht!

Gerade wegen dem Unterton biss sie sich auf die Zunge.

Gerade weil sie dieses sentimentale Gefühl einer längst vergangenen Zeit kannte.

Unterbewusst zuckten Elinas Mundwinkel in eine mitfühlende Grimasse, bevor sie wortlos einen weiteren Schritt machte:

"Dann zeig es mir."

Erneut blitzte etwas in der Ferne auf und erneut versuchte sie die Augen darauf zu fokussieren. Erneut ohne Erfolg.

Aber nun hatte sie eine Vorahnung. Ein Gefühl, das an ihrem Hinterkopf kratzte.

Und wie sich herausstellen sollte, behielt Elina Recht.

Als das Licht das nächste Mal von der glatten Oberfläche zurückgeworfen wurde, erkannte sie das Glas in den Fenstern der kleinen Blockhütte. Im Dunkeln und zwischen all den Bäumen in ungefähr der gleichen Farbe fiel das Gebäude so gut wie gar nicht auf und das Mädchen musste zugeben, wenn sie diesen Ort gekannt hätte und sich vor etwas verstecken musste, wäre das auch so etwas wie ihre erste Wahl gewesen.

Sie kam sich vor wie in einem amerikanischen Western, auch wenn ihr keine Szene einfallen wollte, auf die ihre momentane Situation passte.

Das Geräusch von Metall auf Metall erfüllte die Luft und katapultierte das kleinere Mädchen aus ihren Gedanken. Dann steckte Darian den Schlüssel in das Schloss.

"Wow!", Elina konnte den erstaunten Ausruf, der ihren Mund nur als ein hauchdünnes Flüstern verlies, nicht unterdrücken.

"Der Kachelofen bleibt aus. Sobald es dunkel wird, sind die Rollläden unten und bevor du sonst irgendwas machst, sprichst du das mit mir ab!", er schaltete das Licht an und drehte sich dann zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit zu Elina um.

Diese ignorierte den toternsten Blick gekonnt:

"Willkommen in Deutschland. Einer freien Demokratie. Jeder kann hier machen, was das Herz begehrt." Im Nachhinein und aus dem Kontext gerissen, kam der Satz irgendwie falsch rüber...

"Ach du hast ja recht...", Darian drehte sich im Türrahmen um und lehnte sich gegen das polierte Holz. Der Eingang war für das Mädchen nun komplett versperrt, "mach, was auch immer du willst. Wenn dir deine Freiheit so wichtig ist, dann soll ich dir da nicht im Weg stehen."

Er beugte sich etwas nach vorne und Elinas armes Herz klopfte doppelt so schnell wie zuvor.

"Letztendlich kann ich dich auch in deinen Untergang laufen lassen. Zwar wären dann all meine Mühen umsonst, aber wenigstens habe ich dann noch einen schönen, hoffnungslosen Witz zum Schluss", mit Schwung stieß er sich vom Türrahmen ab und drehte sich um, dann blickte er erneut zu der Braunhaarigen zurück, "warte. Den hab ich ja jetzt schon."

Kurz war Elina beleidigt, dann schüttelte sie das Gefühl ab. Er war es nicht wert und sie wäre so viel cooler als er, wenn sie sich nichts daraus machte:

"Deine Beleidigungen scheinen abends besser zu werden. Gut für dich, aber das Niveau reicht mir noch nicht. Für die Mühe bekommst du noch 2 von 5 Sternen."

Darian trat ins Haus. Zwar konnte die Braunhaarige nun nur noch auf die Rückseite des dunklen Hoodies starren, aber trotzdem konnte sie sein leises Lachen hören, als er ihr endlich den Weg frei machte.

Auch von innen sah die Hütte aus wie aus einem alten Western. Viel Holz. Sehr viel Holz.

Bambis Mutter und ihr Cousin dritten Grades warfen graue Schatten auf das vom silbernen Mond beschienene Parkett. Die Gummisohlen quietschten leise auf dem Holzboden, als der Junge wie ein verlorenes Tier von links nach rechts strich und einen Rollladen nach dem anderen herunterließ.

Elina konnte die dreckigen Fußabdrücke, die er dabei auf dem polierten Parkett hinterließ, nur erahnen, aber sie wusste, dass sie sich beide am Morgen wünschen würden, er hätte seine Schuhe vorher ausgezogen.

Und genau aus diesem Grund zog sie ihre Schuhe vorher aus. Sie war einfach besser.

"Wenn du gerade aus und dann links gehst, ist da ein Schlafzimmer. Du kannst da schlafen", mit seinen Worten wusch eine unglaubliche Müdigkeit über Elina hinweg.

Darian schaltete das Licht an, doch sie war zu erschöpft, um das Haus nun auch im helleren Licht zu untersuchen. Das Mädchen schlurfte einfach nur seiner Wegbeschreibung nach.

Eigentlich hatte sie erwartet, dass sie wegen irgendwelchen von Adrenalin noch ewig nicht schlafen würde, doch da hatte die Braunhaarige wohl die Anstrengung unterschätzt, denn fast sofort, als ihr Kopf das Kissen berührte, legte sich ihr Schalter um und all ihre Lichter waren aus.

VollmondaugenWo Geschichten leben. Entdecke jetzt