Wirklich? Ein Teelicht?

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POV Ju
Frustriert von mir selbst sitze ich auf meiner Bettkante. Es tat - tut - mir weh, Rezo so abzuweisen, aber ich konnte einfach noch nicht mit ihm darüber sprechen.
Die Situation im Büro kam so unerwartet und plötzlich. Ich konnte einfach nichts tun, um mich davor zu schützen und geschweige darauf zu reagieren. Wie ein Jaguar, der im Dschungel auf seine Beute wartet und den Kapuzineraffen ohne Vorwarnung mit seinen scharfen, langen Klauen erlegt - ich bin offensichtlich das viel zu naive Äffchen.
Es tut mir auch noch immer unendlich weh, dass ich einfach gegangen bin, dass ich Rezo einfach so sitzen gelassen habe.
Doch ich musste weg. Wäre ich nicht gegangen, hätte ich etwas gesagt, was ich bereuen würde. Klar haben wir uns schon Sachen an den Kopf geschmissen, aber nichts, was ausschlaggebend gewesen ist.

Seufzend stehe ich vom Bett auf und mache mich auf den Weg ins Bad, doch ich bleibe inmitten meiner Bewegung stehen - da sitzt jemand auf meiner Couch.
Viel zu spät realisiere ich, - obwohl die blauen Haare ziemlich markant sind - dass es Rezo ist.
Was macht er hier? Ich dachte, er sei gegangen.

Leise und vorsichtig gehe ich weiter auf ihn zu und bemerke, dass sein Atem einen ruhigen und langsamen Rhythmus verfolgt - er schläft. Er muss in dieser sitzenden Position eingeschlafen sein.
Sofort überkommen mich Schuldgefühle. Wie konnte ich ihn hier so sitzen lassen?
Mit behutsamen Berührungen und Bewegungen bringe ich ihn in eine liegende Position und lege noch eine Decke über ihn, sofort kuschelt er sich in diese.
Für ein paar Momente bleibe ich neben ihm noch sitzen und sehe ihm einfach beim Schlafen zu.

Die blauen Haare, die ihm ins Gesicht hängen, kitzeln ihn an seiner Nase. In seinem Schlafstatus versucht er, sie sich aus dem Gesicht zu streichen, doch sie fallen direkt wieder an ihren vorherigen Platz. Damit er nicht doch noch aufwacht, nehme ich ihm die Last ab und streiche sie sanft nach oben, ohne, dass sie wieder direkt zurückfallen.

Auf behutsamen Schritten gehe ich ins Bad und mache mich etwas frischer und das erste Mal seit Stunden schaue ich auf mein Handy - 4:53 und viele Nachrichten, inklusive ein paar verpasste Anrufe. Seufzend lasse ich den Gegenstand wieder in meine Hosentasche gleiten mit dem Gedanken, die Nachrichten und Anrufe erst später zu beantworten.

In der Küche mache ich mir einen Kaffee und setze mich an den kleinen Tisch. Wenn Rezo wach ist, erkläre ich es ihm.
Ich war in dem Moment einfach zu überwältigt und war geschockt, dass jemand so homophobisch handeln kann. Ich dachte immer, dass es sich in den letzten Jahren deutlich gebessert hätte, doch ich muss mich geirrt haben. Ich war anscheinend in meiner Bubble der heilen Welt und merkte nicht, dass die Welt nicht weniger grausam geworden ist.
Ohne etwas nebenher zu tun, was bei mir sonst üblich ist, trinke ich meinen Kaffee.

Ich muss noch eine neue Location finden. Ursprünglich hätte an der jetzt abgesagten die Hochzeit stattgefunden. Wir brauchten ziemlich lange, bis wir etwas geeignetes gefunden hatten, da wir eine abgegrenzte Wiese brauchten, ohne irgendwelche Bäume mittendrin. Meistens waren es zu viele Bäume oder eben nicht abgegrenzt mit einem Zaun oder so.

Meine Gedankengänge werden durch ein Geräusch aus dem Wohnzimmer unterbrochen und sofort wird mein Herzschlag schneller und ich merke, wie Unruhe in mir aufsteigt. Ich werde an meinem Plan festhalten und ihm alles erklären, doch am liebsten würde ich mich einfach im Bett unter mehreren Schichten von Decken verstecken - wäre auch gar nicht auffällig, wenn ein Berg an Decken mitten auf dem Bett wäre.
Mein Blick hält sofort an dem verschlafenen Blauhaarigen fest, als er langsam in die Küche kommt.

Gegenseitig sehen wir uns in die Augen und eine unangenehme Stille breitet sich aus. Ich sollte das Gespräch eröffnen. Sollte diese unangenehme Situation beenden. Weiß ich wie? Ich habe keinen blassen Schimmer.
Irgendwann bin ich unter seinem Blick aufgestanden und zu dem bereits aufgebrühten Kaffee gegangen, um ihm ebenfalls eine Tasse zu geben.
Die schwarze dampfende Flüssigkeit fließt in die Tasse und das gluckernde Geräusch dabei klingt hundertmal lauter als sonst in dieser Stiller. Wortlos gebe ich sie ihm und setze mich wieder an meinen vorherigen Platz.
Stumm trinkt er von dem Gebräu und lehnt sich weiterhin an die Arbeitsfläche der Küche an.

Eine Auszeit nehmenWhere stories live. Discover now