Sünder

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Trigger Warnung: Homophobie

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POV Julien
Ich finde meinen Bruder unten im Büro vor und mache mich durch ein Klopfen an der Tür bemerkbar, danach schließe ich sie wieder.
Er hört gerade seinem Gesprächspartner auf der anderen Seite aufmerksam zu, bis er selbst das Wort erhebt. "Wir können doch mit Sicherheit einen Kompromiss finden, so schlimm-" Er scheint unterbrochen worden zu sein, da er frustriert seine Hände hebt. Wir beide halten den Augenkontakt und ich versuche in einem leisen Ton zu sprechen, so, dass es auf der anderen Seite des Telefonats nicht gehört wird "Soll ich übernehmen?" Sofort schüttelt er verneinend seinen Kopf "Bitte beruhigen Sie sich, es-" Doch er wird wieder unterbrochen.

Wissend, dass Shawn keinen Satz sprechen kann, ohne, dass er unterbrochen wird, nehme ich ihm mit etwas Kraft das Handy aus der Hand. Als ich es an mein Ohr halte, dröhnt mir schon die Stimme eines etwas älteren Mannes entgegen "-das kann ich hier einfach nicht gestatten! Sie hätten von Anfang an sagen sollen, wer kommt und nicht einfach annehmen sollen-" Doch da unterbreche ich ihn "Hallo Herr Schlegel, was ist denn das Problem?" Ich höre, wie er angespannt Luft holt "Sind Sie es, mit dem ich als erstes vor ein paar Wochen gesprochen habe?" "Ja, Julien Budorovits"
Shawn sieht mich entschuldigend und mit einer gewissen Trauer in seinen Augen an "Sie haben ja wohl Nerven! Auch noch mit mir sprechen zu wollen! Alle, die wie Sie sind - so falsch und von Gott abgewandt - sollten sich nicht in meine Gegenwart trauen! Ich werde dafür sorgen, dass Sie entweder zu Besinnung kommen oder für die Sünde Buße tun" Nun komplett verwirrt, warum er so außer sich ist, ziehen sich meine Augenbrauen zur Verwirrung "Ich kann Ihnen nicht ganz Folgen, was-" Herr Schlegel unterbricht mich wieder und was er sagt, lässt mein Blut zu Eis gefrieren und legt einen großen Stein in meinen Bauch. "Natürlich können Sie mir nicht Folgen! Schwule, Sünder - Missgeburten - stellen sich immer dumm, wenn man ihnen auf der Schliche ist! Sie werden mir keinen Fuß auf meinen Boden setzen, solange Sie krank sind. Ich rate Ihnen: Finden Sie einen Exorzisten und lassen Sie Ihren Dämon austreiben!" Und mit diesen Worten legt er auf.

Das Handy immer noch am Ohr haltend, da ich in meiner Position wie eingefroren bin, wird mein Atem unruhiger. 
Mein Blick liegt unfokussiert auf der Wand gegenüber. Mein Hals schnürt sich zu und jede Bewegung scheint auf einmal unmöglich schwer zu sein.

Irgendwann habe ich das Handy dann doch von meinem Ohr genommen und halte es meinem Bruder hin "Ju-" Ich hebe abweisend meine Hände. "Ich-" meine Stimme bricht ab, doch ich setze neu an "Gib mir Zeit". 
Mit diesen Worten stürme ich schon fast aus dem Büro. 

Vorbei an Joon.

Vorbei an Thomas.

Vorbei an Rezo, der gerade aus der Küche kommt.

Meine gerade noch so steifen Glieder sind jetzt nicht mehr zu stoppen und ich verlasse das Haus, ohne auch nur einmal zurück zu schauen oder auf die Rufe von den anderen zu hören.

POV Rezo
Nicht wissend, warum Ju aufeinmal so aufgebracht ist, streife ich mir in Rekordgeschwindigkeit meine Schuhe über und will hinter ihm her, als mich Shawn an meiner Schulter aufhält "Ich weiß nicht, ob es gut ist, wenn du ihm jetzt hinterher gehst" Ich schüttle entschieden meinen Kopf. 
Dies akzeptiert er und lässt mich gehen. Sofort mache ich mich daran, den Schwarzhaarigen einzuholen.

Kurz vor seiner Wohnung hole ich ihn endlich ein und halte ihn an seinen Schultern fest "Beruhige dich Ju" Mit einem gewissen Nachdruck drehe ich ihn zu mir um.
Er sieht mir verzweifelt, verwirrt, - wenn ich es nicht besser wüsste - ängstlich entgegen.
Mit einer Armbewegung seinerseits streift er meine Berührung ab und entfernt sich etwas. Sofort versetzt es mir einen Stich und ich muss mich zusammenreißen, um nicht wieder direkt auf ihn zuzugehen "Was ist passiert?" Er schüttelt widerwillig seinen Kopf und fährt mit seinen Händen durch seine Haare und über sein Gesicht. "Bitte sprich mit mir" 
Für einen kurzen Moment sieht er mir in die Augen "Können wir in meine Wohnung?" Fragt er mit einer ganz und gar nicht festen Stimme, sofort nicke ich zustimmend "Klar".

Eine Auszeit nehmenWhere stories live. Discover now