Mich vor der Asche meiner Kameraden verneigen

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Der Vortrag:

Als ich noch in kontinuierlichen großen Kursen unterrichtete, gab es ein Institut, das von seinen Freelance Mitarbeitern zusätzliche Vorträge über diverse Themen erwartete. Ich wählte Dachau, denn ich dachte, damit kenne ich mich aus. Ehrlich gesagt, ich ahnte nicht, was ich mir und meinen Schülern da antue.

Vergessen war angesichts der neuen Aufgabe meine Hilflosigkeit angesichts der Erzählungen des Zeugen Jehovas, dessen Erinnerungen an Dachau nicht in mein Weltbild passten. Noch weiter weg die verstreuten, merkwürdigen Andeutungen meines Vaters.

Ich dachte nur daran, dass ich bei einem exzellenten Geschichts-Lehrer meinen Geschichte-Grundkurs absolviert hatte, inklusive einem ausführlichen Kapitel über das NS-Regime. Dazu gehörten auch Dachau und Co. Ich hatte dann auch noch freiwillig die entsprechende Unterrichts-Sequenz im Leistungskurs besucht, bei einem Lehrer, der, wie ich heute weiß, wohl eine regelrechte lokale Koryphäe war. Also fühlte ich mich bestens gewappnet, dachte, ich geh da mal hin, mach ne Führung mit, frisch mein Wissen auf und erzähl anschließend meinen Schülern davon.

Dachau:

Ich fuhr da hin und stellte fest, dass ich keine Ahnung hatte. Nichts. Ich hatte in meiner Studienzeit Auschwitz besucht und von daher eine vage Vorstellung davon, was dort los war. Doch Dachau war anders. Komplett.

Auschwitz war ein Vernichtungslager - eine relativ späte Entwicklung. Dachau war ein Konzentrationslager, genauer das erste offizielle Konzentrationslager in Deutschland. Es wurde zunächst nicht eröffnet, um möglichst viele Menschen umzubringen. Die große Menge an Toten kam erst später, indem sich das Regime und sein Personal radikalisierten.

Dachau war die Machtbasis, das Karriere-Sprungbrett und Experimentierfeld für Himmler und Heydrich, die in München geblieben waren, abgehängt von der Partei-Elite und nun einen Weg finden mussten, der nach Berlin führt. Da kam die Kontrolle über die Polizei in Bayern sehr gelegen.

Wilde Konzentrationslager, teils von SA, teilweise von der SS, gab es sehr schnell quasi überall. Besonders die Mitglieder der SA hatten ein geradezu unstillbares Bedürfnis, Gewalt gegen politische und fantasierte Gegner auszuüben.

Aber Himmler mit der Polizeigewalt in der Hand, zeigte, wie man das methodisch und systematisch angeht, wie man mit einem verrückten Psychopathen als Leiter und fanatisch gehorsamen, gewaltbereiten Partei-Soldaten als Untergebene einen rechtsfreien Raum schafft, wo alles geschehen kann. Das Erfolgs-Modell setzte sich durch. In ganz Deutschland und später Österreich entstanden Lager nach diesem Vorbild: Buchenwald, Sachsenhausen, Flossenbürg, Neuengamme, Mauthausen und andere. Mit den eroberten Gebieten kamen weitere hinzu und manche wandelten sich in Vernichtungslager.

(Der Historiker Timothy Snyder spricht in seinem Holocaust-Buch 'Black Earth' und den entsprechenden Vorträgen davon, wie wichtig rechtsfreie Räume oder der Zusammenbruch von staatlicher Ordnung für die Entwicklung von Pogromen und Gewaltexzessen ist. Und die Geschichte von Dachau gibt ihm Recht. Denn anfangs gab es noch Richter, die erfolgreich gegen die brutale Behandlung einiger Gefangener vorgingen. Dann wurden die Gesetze geändert und Dachau wurde zum rechtsfreien Raum.)

Ohne Dachau und die dortige schrittweise Ausgestaltung von Konzepten und Strukturen wäre Auschwitz nicht möglich gewesen. Aber Dachau von Auschwitz her zu denken, führte in die Irre.

Kultur der Gewalt:

Wie ging ich damals damit um?  Ich sprach in meinem Vortrag über ein Thema, das jeden vernünftigen Menschen auf dieser Welt angehen sollte: die Entwicklung einer Kultur der Gewalt und des Schreckens - gut belegt mit Aussagen von Fachleuten, Betroffenen und Zeugen aus Dachau und aller Welt, so zum Beispiel auch aus den Lagern für angebliche Kommunisten in Argentinien.

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