Zeit-Räume

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Vorsichtige Annäherung:

Lange hab ich mich in diesem vergangenen Raum meines Lebens nicht mehr blicken lassen. Die in der Zeit des Geschehens gespeicherten zentralen Emotionen waren Trauer und Verlust, Kollaps und Verzweiflung, Scheitern und Scham. Das wirkt weder ermutigend noch anziehend. Von den Etiketten abgeschreckt, die ich selbst angesichts von Chaos und Zerstörung dieser fernen, fremden Zeit gegeben hatte, habe ich die verschollenen Räume und Ereignisse kaum einmal bewusst und freiwillig in meinen Gedanken besucht. In der Realität existieren sie ja nicht mehr.

Auch wenn die Gebäude und Parkanlagen großen Teils noch stehen, sind die Menschen und Kontexte nicht mehr dieselben. Mein Zugang zu den Räumen ist - wenn vorhanden - nicht mehr der gleiche. Die Routinen und Abläufe sind verschwunden. Die Bedeutung meiner Aktionen in den noch zugänglichen Räumen hat sich verändert. Ich bin und bin nicht mehr dieselbe Person. Die Räume sind und sind nicht mehr dieselben Räume.

Das Haus und die Wohnung, wo ich einmal gewohnt habe, haben nur in meinen Er-Innerungen die gleiche Gestalt und Bedeutung wie in jener Zeit, als ich noch dort lebte. Zu keinem anderen Zeitpunkt und von keiner anderen Person werden und wurden die Räume in der selben Weise verstanden und genutzt wie damals von mir und heute in meinen Er-Innerungen. Wobei auch die Erinnerungen ihre Eigenheiten haben.

Sonnige Tage:

Ich könnte diesen Erinnerungen durchaus Etikettenschwindel vorwerfen. Denn während bei dem Haupt-Etikett für jene Zeit Entsetzen und Demütigung angesichts des plötzlichen Chaos, des Versagens und Heraus-Fallens aus allen Bezügen überwiegt, finden sich in einem parallelen Universum der Erinnerungen zum gleichen Zeitraum diese zarten, langsamen, sonnigen Tage, von denen ich viele in einem nahe gelegenen Park auf einer windgeschützten sonnigen Bank verbracht habe, mit offenen Sinnen die wenigen Veränderungen aufnehmend, die eine für mein reizüberflutetes Nervensystem erholsam vielschichtige, aber ereignisarme Umgebung anzubieten hatte. Einige Bänke auf einer Anhöhe waren fast den ganzen Tag besonnt und man konnte es dort selbst an Wintertagen für einige Zeit aushalten.

So ähnlich stelle ich mir das langsame Erwachen aus dem Koma bei schweren Schlaganfällen und einer Rehabilitation nach Bobarth vor: Lange, lange ereignisarme Zeiten in einer stabilen, differenzierten Lage mit stabiler, differenzierter Umgebung helfen dem Nervensystem, sich neu zu strukturieren. Ich habe dieses Wunder der Wiederauferstehung zerstörter Nervensysteme persönlich erlebt, habe aber auch erlebt, wie ich einem ehemaligen Star-Neurochirurgen von diesem Wunder erzählte und er mich ungläubig anschaute.

Späte Sonne:

Vielleicht war es dieses intensive, doch zugleich ungemein zurück genommene Erleben, das es mir als vielleicht einzigem von ihren Kindern ermöglichte, das alltägliche der Sonne Hinterher-Wandern in den späten Tagen meiner Mutter zu entziffern.

Als ich die von der Gier meiner Geschwister verwüstete Wohnung betrat, war so ziemlich alles, was einen Wert zu haben schien, nicht mehr da. Und das, was übrig blieb, lag meist in durchwühlten Haufen herum. Die meisten Möbel waren verschwunden. Was noch stand, war entweder andernorts nicht zu brauchen oder hatte bereits einen neuen Besitzer, war aber noch nicht abgeholt.

In diesem Chaos erkannte ich mehrere Sitzplätze, die meine Mutter wohl im Laufe des Tages aufgesucht hatte. Sie reichten von dem Schlafraum meiner Mutter, der einmal unser Esszimmer war, bis in den Garten. Anfangs konnte ich in diesem Muster keinen Sinn erkennen, bis ich in den verlassenen Räumen einige Tage verbracht hatte und beobachten konnte, wie im Laufe des Tages die Sonne all jene Plätze für längere Zeit besuchte. Ja, meine Mutter war in ihren späten Tagen zur Sonnen-Anbeterin geworden. Die Sonne strukturierte ihre bescheidenen Tage.

Ein eingeschränktes Leben:

Diese Frau war so angefüllt mit traumatischen Erlebnissen, ihre Vergangenheit war so übersät mit Minenfeldern, dass ein zurück genommener Alltag mit seinen einfachen Freuden die einzige Lösung war. Genau das hab ich vor ihrem Tod nicht verstanden, einfach weil sie für mich noch immer jene quasi allmächtige Gestalt war, die meine Kindheit und Jugend beherrschte, nicht jenes verletzliche, zerrissene Geschöpf, das Frieden sucht.

Das Leben In Fülle Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt