Schwarz und Weiß sind Nachbarn und gehen gelegentlich unvermerkt ineinander über, ohne dass das das Bewusstsein der Betrachter streift. Wie das?
Beispiel 1:
In dem Film 'Hidden Figures' ist Catherine Goble Jones eine von drei afroamerikanischen Mathematikerinnen, die sich in einem von Vorurteilen und Rassen-Trennung dominierten Umfeld behaupten müssen. Inspiriert von dem Film, der zu meinen Lieblingen gehört, hab ich mich nach dem Original umgeschaut und war überrascht, als ich auf das erste Foto gestoßen bin. Ich hätte die Frau nicht als Afroamerikanerin erkannt.
Im Buch 'Hidden Figures', auf dessen sorgfältigen Recherchen der Film aufbaut, erfahre ich dann, dass sie nach damaligem Recht den Schwarzen zugerechnet wurde, obwohl sie nicht danach aussah. Der Film fasst die im Buch enthaltenen Geschichten von x schwarzen Mathematikerinnen aus mehreren Jahrzehnten, die im Buch detailliert beschrieben werden, in drei Geschichten innerhalb von wenigen Jahren zusammen. Bei dieser Gelegenheit wandern einige Schwierigkeiten, die andere hatten, in die Geschichte von Catherine Goble Jones ein, die davon weniger belastet war.
Der Film ist vielschichtig, differenziert, lustig, dramatisch und in der Tiefe wahr. Das Phänomen "weißer Neger" war da einfach nicht mehr unterzubringen.
Beispiel 2:
Ausgerechnet meine Mutter, Jahrgang 1923, Hauptschulabschluss, Lehre als Schneiderin, brachte das Thema zum ersten Mal auf. Das war ihr wichtig und Anlass war ein alter amerikanischer Film, wo die Tochter schwarzer Eltern, deren Hautfarbe nicht wirklich dunkel war, versuchte, heimlich in der Welt der Weißen Karriere zu machen, dabei ihre Familie verrät und unglücklich wird.
Auf einem afroamerikanischen Youtube Kanal fand ich dann neulich historische Beispiele für das Phänomen des Übertritts in die Mehrheitsgesellschaft, wo Leute, die hinreichend weiß aussehen, heimlich Karriere machten und Positionen erreichen, die ihren Fähigkeiten entsprechen, ihnen aber in einer von Rasse-Denken verseuchten Gesellschaft kaum offen stehen. Der Preis für den persönlichen Erfolg ist oft der Verzicht auf Kinder und den Kontakt zur Ursprungs-Familie. Denn in den Kindern kann sich das alte Erbgut erneut zeigen.
Meiner Mutter war es wichtig, über dieses Thema zu reden, Menschen, bei denen die dunkle Hautfarbe, die zu ihrem Erbgut gehört, nicht sichtbar ist. Diese Leute haben Eltern mit dunkler Haut und unter ihren Kindern können erneut Fälle von dunkler Haut auftreten, auch wenn sie sich nicht mit anderen Menschen mit dunkler Haut paaren.
Sepharden:
Als europäisches Beispiel nannte sie spanische Juden, die sich vor Jahrhunderten mit den Mauren vermischt hätten - so ihre Deutung.
Shlomo Sand entwirft in 'The Invention of the Jewish People' eine alternative Deutung, indem er die sephardischen Juden aus einem zum Judentum bekehrten nordafrikanischen Stamm und den Juden Spaniens entstehen lässt, die noch aus der römischen Antike übrig waren. Wie dem auch sei: Bei Sepharden finden sich noch Generationen später unter ihren Nachfahren dunklere Hauttöne als bei den Aschkenasen.
Als ich später zum ersten Mal ein Foto von Ernst Toller, der ältesten Tochter von Sigmund Freud oder von Alexander Luria sah, dachte ich: "Hoppla, da hat jemand sephardische Vorfahren." Bei diesen Leuten, so die Theorie meiner Mutter, konnten eventuell auch plötzlich Kinder auftauchen, die wesentlich dunkler aussahen als ihre Eltern. Woher hatte sie das Wissen und dieses Interesse?
Gemischt:
Ob es allein der nordafrikanische Stamm war, der hier seine Gene eingebracht hat oder ob schon unter den spanischen Juden der Antike ganz unterschiedliche Ethnien vertreten waren? Ich weiß es nicht. Ich habe vor Ewigkeiten etwas über Juden im antiken Spanien gelesen, aber wenig davon im Kopf und den Text nicht mehr zur Hand. Meine Vermutung: Die blühenden Gemeinden Spaniens waren genauso gemischt wie die in Tarsus oder anderswo.
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Das Leben In Fülle
SachbücherEigentlich wollte ich nur eine Mail schreiben. Doch die wurde zu lang und niemals abgeschickt. Ich wollte einem Bekannten, mit dem ich vor Monaten über Nachhaltigkeit und Entfremdung gesprochen hatte, berichten, welcher stetige Strom an Gedanken aus...
