Urbane Räume

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In Krakau hatten wir insgesamt drei Führungen: einmal wie erwähnt das musikwissenschaftliche Institut, dann die riesigen ehemaligen Tuchhallen in der Mitte der Stadt und 'last but not least' das beeindruckende Königsschloss auf dem Wawel.

Ich habe im Laufe der Jahre viele deutsche und europäische Städte neugierig durchwandert, weil mich die komplexe Struktur urbaner Räume fasziniert. Aber so etwas wie die riesigen Tuchhallen am Hauptmarkt von Krakau ist mir weder vorher noch nachher jemals irgendwo begegnet. Jedenfalls nicht aus der Zeit der Renaissance, sondern allenfalls aus dem 19., 20.,21. Jahrhundert.

Da im Laufe der Jahre viel an konkreten Erinnerungen verloren gegangen ist, nehme ich Wikipedia zu Hilfe, um meine erinnerten Daten auf den neuesten Stand zu bringen und ggf zu korrigieren. Doch was ich lese, stimmt mit meinen Erfahrungen überein. Nur dass sich die Fakten etwas weniger holprig präsentieren.

Tuchhallen:

Die Tuchhallen entstanden bereits im Mittelalter, wurden aber in der Renaissance durch die heutigen Gebäude ersetzt und später noch einmal leicht umgebaut und erweitert. Heute dienen sie touristischen Zwecken. Es gibt dort Verkaufsstände mit allen erdenklichen spezifisch polnischen Produkten. Und die Verkaufsfläche ist auch für heutige Verhältnisse riesig. Das heißt, Krakau war im Mittelalter und in der frühen Neuzeit ein international bedeutender Umschlagplatz für hochwertige Textilien.

Ich kannte die stolze ehemalige freie Reichsstadt, Handels- und Finanz-Metropole Augsburg mit ihrem beeindruckend großen Renaissance-Rathaus. Aber Krakau war noch einmal ein ganz anderes Kaliber. Die weit reichenden Handelsverbindungen in dem schieren physischen Ausmaß, das hier zu Tage trat, hat mich überwältigt.

Über Polen wusste ich aus meinem Geschichtsunterricht jenseits von polnischen Teilungen und dem deutschen Überfall auf das für Deutschland faktisch ungefährliche Land schlicht gar nichts. Sonst wäre ich nicht so erstaunt gewesen. Jetzt, wo ich angefangen habe, mich mit mittel- und osteuropäischer Geschichte zu beschäftigen, besteht auch mein deutsches und westeuropäisches Geschichts-Verständnis nicht mehr überwiegend aus Lücken. Es zeichnen sich ungeahnte Verbindungen ab und alles ergibt plötzlich so viel mehr Sinn.

Anfänge:

Der Stamm der Polanen hat sich weitgehend unbemerkt von äußeren Mächten im Verlauf des frühen Mittelalters im Raum Gnesen angesiedelt, formiert und konsolidiert. Von dort aus beginnt mit dem 10. Jahrhundert eine systematische Eroberung umgebender slawischer Gebiete, deren Bevölkerung archäologischen Funden nach zu urteilen gezielt in das polnische Kerngebiet verschleppt und unter Kontrolle gebracht wurde. In den ursprünglichen Siedlungsgebieten dieser unterworfenen Stämme finden die Archäologen einen Horizont der Zerstörung und Entvölkerung. Mit diesen rabiaten Methoden mausert sich das neue Staatsgebilde innerhalb weniger Jahrzehnte zu einem anerkannten Spieler auf dem europäischen Spielfeld der Macht.

Um sich vor böhmischen Übergriffen zu schützen, unterstellt sich der polnische Herzog zeitweilig dem Schutz des deutschen Kaisers. Um der Abhängigkeit vom deutschen Reich zu entkommen, wechselt Polen kurze Zeit später unter den Schutz des Papstes und der Herrscher strebt - nach einiger Zeit erfolgreich - die Königswürde an. Polen wird zu einer bedeutenden Macht, die Stadt Krakau, die schon länger existiert, zur Königsstadt.

Auf dem Weg vom unbekannten Stamm am Rande der damaligen 'zivilisierten Welt' zur an wechselnden Bündnissen beteiligten Königsmacht steht die freiwillige Taufe des Herrschers und die allmähliche Christiannisierung des Volkes, die zum einen einer Besetzung und Zwangs-Christiannisierung des eigenen Landes zuvor kommt und zum anderen mit der Lizenz verbunden ist, benachbarte Völker zu überfallen und zu christianisieren. Polnische Könige spielen das Spiel damaliger Könige. Das Land wächst und gedeiht.

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