Piangerò

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'Piangerò' ist das erste Wort und damit der Titel einer der beeindruckendsten Arien der 'Cleopatra' in Händels 'Giulio Cesare in Egitto'.

"Piangerò la sorte mia
si crudele e tanto ria
fin che vita in petto avrò."

"Ich werde weinen,
mein Schicksal beweinen,
so grausam und harsch,
solange ich Leben in meiner Brust habe."

Cleopatra hat beschlossen, Cäsar zu verführen, um sich nach dem Tod des Vaters Vorteile im Kampf um die Herrschaft über Ägypten zu verschaffen und ihren ungeeigneten Teenager-Bruder aus dem Rennen zu schlagen. Ihr Plan gelingt und sie verliebt sich gleich mit. Doch gerade, da sie Cäsar gesteht, dass sie nicht wie behauptet eine unbedeutende Dienerin Cleopatras ist sondern Cleopatra selbst, fliegt ihr heimliches Stelldichein auf und Cäsar sieht sich einem wütenden Mob gegenüber, dem er kämpfend zu entkommen sucht.

Cleopatra beschließt, zusammen mit den Römern, die auf ihren Feldherrn warten, und den Truppen, die ihr selbst zur Verfügung stehen, gegen ihren Bruder die offene Schlacht zu wagen - und verliert. Sie ist nun ihrem sadistischen Bruder ausgeliefert, von Getreuen und Verbündeten getrennt. Ihre Zukunft ist ungewiss. Die Arie ist eine Auseinandersetzung mit den eigenen Gefühlen in dieser trostlosen Situation.

Dramaturgie:

Händel folgt mit der Oper der Dramaturgie der italienischen Barockoper, auch 'Opera seria' genannt, weil hier eine Serie von beeindruckenden Arien wie Perlen auf dem handlungstragenden Faden der Rezitative aufgefädelt wird. Die Arien meditieren, vermessen und modulieren Emotionen, während der oft sehr trockene Sprechgesang der Rezitative die Handlung voran treibt. In den konservativen Ecken Italiens, in München und wohl auch Wien hatte die 'Opera seria' mehr trockene Rezitative - recitativi secchi ', die eine sehr informationsdichte, minimalistisch musikalisierte und stilisierte Form von Sprache darstellen. Sprache fast in Sprechtempo in einer sehr raffiniert stilisierten musikalischen Einfachheit zu ihrer absoluten Essenz gerinnen zu lassen, war eine Kunst, die von ihren Fans sehr hoch geschätzt wurde. Als der Kaiser im Anschluss an die erste Aufführung der 'Entführung aus dem Serail' zu Mozart sagte, diese Musik habe zu viele Noten, ist das möglicherweise auf diesem Hintergrund zu sehen. Er hätte es gern schlichter gehabt, während das allgemeine Publikum in Wien und weit darüber hinaus das Stück absolut liebte. (Ich kenne Berichte aus Mannheim und Koblenz.)

In Händels London dagegen verstehen viele Menschen kein oder kaum Italienisch. Also waren bei Händel die trockenen Rezitative kurz, die ariosen Rezitative häufig und die Arien gab es in noch größeren Mengen als im italienischen Original. Händels 'Giulio Cesare' ist quasi durchkomponiert und die beiden Hauptfiguren haben jeweils mehr Arien als bei vielen Opern späterer Zeiten die ganze Oper. Das heißt, ihre Geschichte lässt sich quasi entlang der Arien erzählen.

Funktion der damaligen Königsdisziplin des Dramas war es, das Publikum auf unterhaltsame Weise an die Wechselfälle des Lebens und die damit verbundenen, oftmals überwältigenden Emotionen heran zu führen. Während die Rezitative eine Handlung voran treiben, die zeigt, in welche vertrackten und gefährlichen Situationen Herrscher und Menschen in wichtigen politischen Ämtern gelangen können, buchstabieren die Arien, die Emotionen durch, die sich aus den vertrackten Situationen ergeben. Ihre Struktur ist so gestaltet, dass sie dem Publikum als Erkenntnis-Instrument, als musikalischer Genuss und für diejenigen, die selbst musizieren oder im Stande sind, die Arien nachzusingen, auch als Quelle des Trostes und der Freude dienen.

Form:

'Piangerò' folgt dem klassischen A-B-A Schema der Seria-Arien. Es gibt einen Anfangsteil, der eine Emotion vorstellt, einen Mittelteil, der eine kontrastierende Emotion erkundet, und eine variierte Wiederholung des Anfangsteils. Gewöhnlich hat Händel den A-Teil so minimalistisch gestaltet, dass seine Sänger bei der Wiederholung genügend Spielraum haben, sich richtig auszutoben. Denn Sänger:Innen und Musiker improvisierten damals kräftig. Ihre eigenen Verzierungen waren ihre Visitenkarte.

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