Vollmond, eine der schlimmsten Zeiten für mich, in der ich keine Kontrolle über meine Kräfte habe. Ich kann Menschen verletzen, sie umbringen. Ich kann mich verletzen, ohne es verhindern zu können. Die einzige Person, die in der schweren Zeit sicher in meiner Gegenwart ist, ist Damien. Er hat die volle Beherrschung über seine Kräfte und kann sich vor mir schützen. Um niemanden zu verletzen, verbringe ich jeden Vollmond in seiner kleinen Wohnung im 5. Stock.
Ich stieg die mehreren Treppen hinauf, da das Hochhaus, in dem er wohnt, keinen Fahrstuhl hat. Stolz und erschöpft erreichte ich die Tür, die in seine Wohnung führt. Der Vollmond bringt nicht nur meine Kräfte außer Kontrolle, sondern nimmt mir all meine Kraft, sodass ich schwach bin, wobei ich doch meine ganze Kraft brauche. Damien öffnete mir sofort die Tür, ich brauchte nicht zu klopfen. „Hast du wieder aus dem Fenster geschaut und auf mich gewartet?", fragte ich und betrat seine Wohnung. Mir stieg der Geruch von frischen Veilchen in die Nase. Er hat sie im ganzen Haus verteilt stehen. Sie symbolisieren Verschwiegenheit, was sehr auf ihn zutrifft. Es ist nicht einfach, etwas über seine Vergangenheit zu erfahren, oder von ihm die Geschichte meiner Eltern erzählt zu bekommen. „Ich habe nur zufällig aus dem Fenster gesehen", erklärte er mir auf meine Frage. Ich sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an, weil ich weiß, wann er lügt. „Was ist daran denn so schlimm, wenn ich aus dem Fenster schauend auf dich warte?", fragte er verärgert. „Es ist eigenartig", sagte ich und ging setzte mich auf das Sofa. Sein Flur und das Wohnzimmer sind ein Raum. Er hat ein kleines Bad in seiner Wohnung, eine Küche, die modern eingerichtet ist und ein Schlafzimmer mit vielen unterschiedlichen Möbeln. Sie scheinen nicht zu einander zu passen, wenn man sie einzeln ansieht, aber betrachtet man das ganze Zimmer, passt alles zusammen.
Meine Anspannung stieg, je dunkler es draußen wurde. Schließlich stand der Mond am Himmel, aber er war noch nicht voll. Damien bereitete sich darauf vor, sich in Schutz zu nehmen. Er hatte ein altes Familienbuch, das er von meinem Vater vor dem Tod meiner Eltern bekommen hatte, auf den Boden gelegt, eine Seite in etwa der Mitte des Buches aufgeschlagen und murmelte einen langen Text vor sich hin. Still saß er da mit geschlossenen Augen. Er könnte genauso gut auch meditieren, was aber viel leichter ist. Beim „Zaubern" benötigt man eine Menge Kraft. Deshalb nutzen wir die Kraft der Natur wie z.B. den Mond. Damien kam langsam zum Ende und ich wusste, dass es gleich soweit sein würde und ich mich ganz ihm überlassen müsste. Damien würde versuchen, mir die Kräfte zu nehmen, damit mir nichts passiert. Ich musste mich ihm anvertrauen.
Ich hatte lange gebraucht, bis ich Damien vollkommen vertrauen konnte. Ein Jahr hatte es gedauert. Er gewann mein ganzes Vertrauen, als mir von meinen Eltern erzählte. Viel war es nicht und schon gar nicht alles, was ich wissen sollte, aber er bewies, dass er meine Eltern kannte und über ihre Vergangenheit Bescheid weiß. Was er mir erzählte war, dass sie nicht an einem Unfall starben. Es war ein natürlicher Tod. Ich würde ihn aber nicht verstehen, noch nicht, hatte Damien gemeint. „Zu kompliziert für dein jetziges Wissen", hatte er gesagt und nie wieder darüber gesprochen. Ich aber warte darauf, dass sich mein Wissen erweitert, er mir mehr erzählt und ich erfahre, woran meine Eltern starben.
Zusammen warteten wir auf den Mond, der voll ausgefüllt sein muss, damit ich die Kontrolle verliere. Normalerweise geschieh dies früher, aber bei diesem Mal dauerte es ewig. Plötzlich stieg in mir eine unbekannte Hitze hoch. Ich wusste, dass etwas nicht stimmte, Damien verstand ebenfalls, dass etwas nicht in Ordnung war. Ich lag auf dem Sofa und bekam kaum Luft. Meine Lunge schien zu brennen, mein ganzer Körper schien zu brennen. Damien versuchte mich an den Schultern zu packen, aber verbrannte bloß seine Hand. Ich sah ihn verzweifelt an und rang nach Luft, die ich nicht zugeführt bekam. Mir fiel ein Spruch ein, der mir die Schmerzen nehmen sollte. Ich schrie ihn und wartete darauf, dass etwas geschah, aber mir wurde nicht besser. Ich sah aus dem Fenster in die Nacht. Der Mond schien ins Zimmer auf mich. Ich versuchte mich durch den Anblick zu beruhigen. Es geschieht aus einem Grund, diese Hitze ist normal, veruschte ich mir diese Hitze zu erklären. Damien kam mit einem Eimer kaltem Wasser. Als er ihn brachte, klatschte viel Wasser auf den Boden. Die Pfützen auf dem Fliesenboden erreichten meine Füße. Schließlich kippte Damien das gesamte Wasser auf mich. Die Hitze in mir verging und wandelte sich sogleich in eiserne Kälte um. Es fühlte sich an, als würden tausende kleine Nadeln auf meinen Körper piecksen und ich konnte nicht dagegen machen. Ich biss mir stark die Zähne zusammen und schrie leise auf. „Ruhig, ganz ruhig. Ich bin hier", sagte Damien und hockte sich vor mir auf den Boden. Es kam der Moment, in dem meine Kräfte ihr Ganzes gaben. Damien hatte alle Bilder von den Wänden entfernt und auf den Boden gelegt, aber die Glaäser der Bilderrahmen zerfielen in Splitter. Damien wurde plötzlich an die Wand gerammt. Ich sah ihn entschuldigend an, denn enur wegen mir, wurde er verletzt. Er saß an der Wand, hatte vermutlich starke Schmerzen und hob seine Hände. Er versuchte mir die Kräfte zu nehmen, aber es fiel ihm zu schwer. Seine Arme sanken langsam zu Boden. Ich wurde auch immer schwächer. Nur einen kurzen Augenblick lang hatte ich das Gefühl, wieder stark zu sein. Ich zündete auf die Schnelle einige Kerzen an, um mich an ihnen zu wärmen. Das kleine Feuer der Kerzen wurde zu einer großen Flamme in der Wohnung, als ich wieder die Macht über meine Kräfte verlor. Nur die Feuerwehr könnte diese Flamme zum Erlöschen bringen. „Wir müssen hier weg!", rief Damien. Mit ihm ging ich auf's Dach des Hochhauses. Das Dach schien unter mir zu einem großen Loch zu werden. Alles wurde schwarz und ich hatte das Gefühl zu fallen, bis ich gar nichts mehr spürte, keine Kälte, keine Kraft, rein gar nichts.
„Leila", flüsterte Damien in mein Ohr. Ich öffnete die Augen. Die Nacht war vorbei. Wegen dem Sonnenlicht musste ich einige Male blinzeln. Wir waren noch auf dem Dach. Es schneite kleine Flocken auf und herab. Es war der erste Schnee in dem Winter. Damien hatte einige Flocken auf den Haaren. Ich wunderte mich, dass ich nicht fror. „Was war das gestern?", fragte ich ihn. „Ich weiß nicht. Ich dachte, du würdest sterben." Ich hatte nicht das Gefühl zu sterben. Nicht in der Nacht. „Was ist mit deiner Wohung?", fragte ich und stand daraufhin in Asche. Die Möbel waren verbrannt und die weiteren Zimmer beschädigt. Die Feuerwehr hatte lange gebraucht, um zu kommen. Währenddessen hatte sich das Feuer ausgebreitet. „Tut mir leid", sagte ich und schaute zu Boden. Ich wusste, wie viel ihm an dieser Wohnung liegt und hatte diese Kerzen angezündet, obwohl ich doch hätte wissen müssen, dass es ein Fehlers sei. Eine Vase mit Veilchen lag auf dem Boden. Damien hob sie auf. „Sie stehen auch für die Unschuld. Ich schenke dir eine", sagte er. Ich sah ihn schief an. „Du bist nicht schuld an diesem Chaos. Es lag an einer anderen Sache." „Woran?", fragte ich. „Deinen Eltern."
Er sprach von meinen Eltern. Ich hatte das Gefühl, endlich mehr über sie erfahren zu können. „Sie sind tot", sagte ich. „Nein. Sie leben. Nicht auf dieser Welt, vielleicht auch doch, aber das wichtigste ist, dass sie gestern mit deinen Kräften gespielt haben. Sie haben dich herausgefordert." Sie leben. Das heißt, es gibt einen Weg sie wiederzusehen. „Wo kann ich sie treffen? Ich meine meine Eltern." „Du kannst sie nicht wiedersehen. Nicht jetzt. Es ist nicht so einfach auf die andere Seite zu gelangen." „Warum haben sie mit meinen Kräften gespielt?" „Sie wollten dich testen, aber du bist noch nicht soweit, Leila. Du kannst nicht zu ihnen." Wieder bekam ich das Gefühl, der Boden unter mir würde sich in ein Loch verwandeln und ich würde fallen. Aber ich stand noch neben Damien. Ich konnte nicht weg. „Wann werde ich bereit sein? Wird es noch Jahre dauern? Ich warte bereits so lange darauf, dass du mir von ihrer Vergangenheit erzählst. Ich möchte auch mehr von dir erfahren, aber du bist so verschlossen und gibst nie Antworten, die ich brauche. Bitte, erzähl mir endlich alles und hilf mir, meine Eltern zu finden!", flehte ich ihn an. Meine Geduld war vorbei. Ich wollte nicht länger warten. Ich brauchte die Wahrheit. „Ich helfe dir schon seitdem du deine Kräfte hast, aber es ist schwerer, als ich dachte." „Was sollen wir tun? Ich mache alles", sagte ich. Langsam begriff ich mein Glück. Meine Eltern leben und ich kann sie wiedersehen. Es liegt bloß an mir. „Zuerst erzähle ich dir alles, was du wissen möchtest und solltest", sagte Damien. Ich wusste nicht, worauf ich mich da einließ, aber ich war bereit zu kämpfen.
