Kapitel 3

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Ich hatte es leichter erwartet, Kontakt zu dem Mann aufzunehmen, der uns von dem Weg zur anderen Seite erzählen könnte, viel einfacher. Neben Damien saß ich an dem Todesort des Mannes. Wir hatten ein Feuer angezündet, um die Kraft der Wärme zu nutzen. Ansonsten nutzen wir auch die Kraft der Bäume, die kahl waren. Der Wind brachte uns ebenfalls ein Vorteil. Die Kälte des Schnees aber brachte uns zum Frieren und es ist am strengender zu zaubern. Das Feuer erlosch nicht. Es war auf einer kleinen schneefreien Fläche. Ich unterstütze Damien dabei, Kontakt zu dem Mann aufzunehmen. Mit zittrigen Händen und klappernden Zähnen saß ich zusammengekrümmt. Ich sah mir die stechenden Flammen an. Das Fackeln. Ich dachte an die Wärme und bekam Heimweh. Zu welchem Zuhause ich wollte, konnte ich aber nicht deuten. Vermisste ich mein altes Leben, das ich als Kind geführt hatte in dem schönen Zuhause am See und der weiten Weiden, die ich aus dem Fenster meines Zimmers sehen konnte oder vermisste ich mein weiteres Zuhause, bei meinen Pflegeeltern? Ich war tief in meinen Gedanken versunken und merkte erst wenig später, dass die Flamme erloschen war und der Schnee unter mir zu hartem Eis wurde. „Woran hast du gedacht?", fragte Damien. An dem eisernen Boden und der erloschenen Flamme war ich schuld. Bei Erinnerungen an die Vergangenheit fällt es mir ebenfalls nicht einfach, mich unter Kontrolle zu haben. Die Flamme brannte wieder auf, als ich mich weiter konzentrierte. „An nichts Besonderes. Was müssen wir sagen, um Kontakt aufzunehmen?", fragte ich. „Sprich mir nach", sagte er und ich wiederholte daraufhin alles, was er sagte. Nach mehreren Versuchen wurde es dunkel. Ich wurde immer ungeduldiger. Gibt es doch keine Chancen, meine Eltern wiederzusehen? Aus Wut ließ ich die kleine Flamme hell erleuchten und sie breitete sich aus. Das vorher gefrorene Eis wurde zu einer Pfütze Wasser. „Wieso kann ich meine Eltern nicht wiedersehen? Habe ich es nicht verdient?", schrie ich und stand in der Hitze, die ich nicht an mich ran ließ, denn sie strömte aus mir heraus. Damien kämpfte gegen mich an und versuchte, mich zu stoppen, aber keiner seiner Zaubersprüche half. Schnell wandelte sich meine Wut in Traurigkeit um. Ich brach zusammen und das Feuer erstickte. „Es ist nicht viel. Ich möchte bloß zu ihnen, aber es klappt nichts, gar nichts." Damien kniete sich zu mir runter und legte den Arm um mich. In solchen Momenten spreche ich nicht gerne und Damien wusste es. Er half mir bloß auf und brachte mich zum Wagen.
„Vielleicht, ist einfach noch nicht die Zeit gekommen, um sie zu sehen. Vielleicht sollst du noch warten. Der Mann meldet sich nicht ohne Grund nicht bei uns", sagte Damien schließlich bei der Fahrt nach Hause. „Ich weiß, aber ich möchte sie so sehr wiedersehen. Wie starben deine Eltern eigentlich?", fragte ich. „Natürlicher Tod. Sie hatten keine Kräfte. Sie hatten Glück, bis zum Tag ihres Todes." „Das tut mir leid", gab ich leise zurück und schaute wieder aus dem Fenster. Damien nahm meine Hand. Wir hatten uns nicht oft berührt, fast nie. Daher genoss ich diesen Moment in allen Maßen, weil ich wusste, dass es so schnell nicht wieder dazu kommen würde. Er brachte mich nach Hause und fuhr weg, bevor ich ins Haus ging. Alice und William sollten nicht von Damien erfahren. Es sollte keiner von ihm erfahren, mir war jedoch nicht ganz klar, wieso nicht.
Es brach ein neuer Tag an. Ich dachte nicht mehr an die Chance, meine Eltern wiedersehen zu können, sondern an all die Trauer, die ich nach ihrem Tod erlitt und die, die ich verspürte. An dem Morgen fuhr ich mit dem Bus zur Schule. Ich sah aus dem Fenster und bemerkte beim Fahren Damien, der auf einer Bank saß. Sitzt er jeden Morgen hier? Ich konnte es nicht wissen. Der Bus fuhr andere Strecken zur Schule, als die, die Alice immer mit mir fuhr. Bei der nächsten Haltestelle stieg ich aus und machte mich auf den Weg zurück. Mir brannte seit langer Zeit schon eine Frage im Gehirn, die ich mir nicht von selbst erklären konnte. „Wieso bist du mir in diese Stadt gefolgt? Warum hast du mir die Kräfte gegeben und nicht jemand anderem die Aufgabe überlassen? Wieso bist du noch immer bei mir?" Klar, er ist auf mich angesetzt, aber seine Arbeit war getan, als er mir die Kräfte gegeben hatte. Außerdem ist es in vielem Fällen so, dass die meisten ihre Kräfte nicht bekommen. Niemanden kümmert es, ob man angesetzt wurde oder nicht. „Was hätte ich für ein Leben, wenn du nicht wärst? Gar keins." „Wieso?" „Wegen dir durfte ich hier bleiben. Ich wäre schön längst weg, tot, aber du hattest deine Kräfte nicht, hattest deine Eltern verloren. Dir blieb nichts anderes außer mir. Du bist der Grund, warum ich hier stehe." Ich konnte ihm nicht ganz folgen. „Warst du tot?", fragte ich. Es war eine irre Frage, aber ich bekam ein komisches Gefühl, als Damien mir von all dem erzählte. „Für einen kurzen Augenblick, ja. Aber man hatte mich zurückgeschickt, ich habe gekämpft, um dich nicht alleine lassen zu müssen." „Wieso warst du tot?" Mir wurde immer mulmiger im Magen und der Schnee begann vom Himmel zu rieseln. Ich kontrollierte die Natur. „Man hatte mich sterben lassen, weil ich die Person war, die deine Eltern umbringen sollte." „Du hast doch gesagt, dass sie ein Datum bekamen? Was erzählst du mir gerade?", fragte ich fassungslos. „Sie hätten noch weitere 10 Jahre gehabt, aber du warst am Sterben. Erinnerst du dich an die Zeit, in der du im Krankenhaus lagst? Gleich bei deiner Geburt wurdest du verflucht, um zu sterben. Dein Vater sagte zu mir, dass ich ihn und deine Mutter töten sollte. Es gab keinen weiteren Ausweg mehr. Jetzt stehe ich hier und bereue es, nicht mich selbst einfach umgebracht zu haben. Ich habe dir deine Eltern genommen und ich bringe dich auch wieder zu ihnen." Ich erinnerte mich an die Zeit im Krankenhaus, den darauf folgenden Tod meiner Eltern und Damien, der genauso aussah wie jetzt. Er ist kein bisschen älter geworden. Ich kannte ihn.

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