Kapitel 14: Die Letzte im Bunde

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Den Rest des Tages sitze ich vor einem Gemälde, das nur sehr langsam seine Farbe bekommt. Livia liegt auf ihrem Bett und liest. Sie weiß, dass ich auf etwas warte, aber mehr nicht. Elijahs Manipulation hat gewirkt. Ich habe sie gefragt, was sie heute so gemacht hat, und sie meinte nur, sie hätte die Stadt besichtigt, und als ihr ein paar zwielichtige Gestalten begegnet sind, ist sie wieder umgekehrt.
 Ja, dass man in New Orleans zwielichtigen Gestalten begegnet, kann schon mal passieren. Nicht umsonst ist es die Stadt der Hexen und Vampire.
 Alle zwei Minuten schaue ich auf mein Handy um zu überprüfen, ob ich eine SMS von Nik oder Elijah oder sogar Rebekah bekommen habe. Die einzige Nachricht, die ich empfangen habe, war von Livias Mutter, die wollte, dass Livia auf ihr Handy guckt.
 Gegen neunzehn Uhr legt Livia ihren Roman zur Seite und bindet ihre Haare zu einem Zopf zusammen. Dann öffnet sie ihren Koffer und nimmt eine dünne Jacke hervor.
 "Was machst du?", frage ich sie verwundert und lasse den Pinsel, der gerade den Ast eines Baumes beginnen wollte, sinken. Kalt ist es im Hotelzimmer nicht.
 "Ich gehe zum Abendessen runter." Sie zieht sich die Jacke über und nimmt die Zimmerschlüssel vom Nachttisch. "Willst du auch was?"
 Ich bin hin und hergerissen zwischen Essen und ununterbrochen-auf-mein-Handy-schauen. Zur Sicherheit drücke ich schnell nochmal den Knopf, aber es zeigt keine Nachricht an.
 Livia seufzt. "Wenn du eine SMS von jemandem erwartest, warum schreibst du ihn dann nicht zuerst an?"
 Ich schüttle stumm den Kopf und mache mich daran, meine Malschürze auszuziehen. "Ich komme mit."
 Gemeinsam machen wir uns auf den Weg zum Essensraum. Als wir im Foyer sind, macht Livia vor dem Zeitschriftständer Halt. "Wart kurz, ja? Ich will mir Inspirationen für mein nächstes Gemälde kaufen."
 Seufzend nicke ich und lehne mich an die Rezeption. Ich hole mein Handy aus der Hosentasche hervor und überprüfe das Display. Wie erwartet nichts. Langsam müssen sie doch mal heimkommen, es wird spät. Für die Hinfahrt hat Nik auch nicht so lange gebraucht.
 "Chloey!"
 Eine Stimme lässt mich aufschauen. Durch die Eingangstür sind zwei Menschen gekommen, die ich zuvor aber nur aus dem Augenwinkel wahrgenommen habe. Jetzt stehen sie vor der Drehtür, und der vordere von beiden, ein Mädchen mit mittellangen blonden Haare, kommt mit ausgetreckten Armen auf mich zu. Ungläubig erstarre ich und lasse mich von der Vampirin umarmen. Dann lege auch ich meine Arme um ihren Rücken.
 "Rebekah!" Ich muss lachen und halte sie auf Armesbreite von mir. Sie hat sich völlig verändert. Das letzte Mal, als ich sie gesehen habe, trug sie noch die Mode des neunzehnten Jahrhunderts und jetzt erscheint sie mir hier in neumodischen Jeans und einem Tanktop. Ich umarme sie noch einmal und meine dann: "Du schaust anders aus."
 Meine Freundin grinst mich an. "Du auch. Du bist ein Mensch."
 Ich zucke die Schultern und drehe meinen Kopf in Livias Richtung. Sie steht auf der anderen Seite des Foyers und redet mit dem Verkäufer der Zeitschriften. An ihr Herz gedrückt hält sie eine neue Ausgabe des neuen Promimagazines. Im Gegensatz zu mir malt sie Menschen in den bizarresten Posen.
 "Was hast du gemacht? Warum bist du plötzlich hier?"
 Ich wende mich wieder Rebekah zu. Ihre Freude darüber mich vor ihr zu haben, ist kaum zu übersehen. Ihre blauen Augen funkeln mich an und ich spüre, wie etwas von ihrem Lebensgeist auf mich übergeht.
 "Ich wohne in Irland, und besuche zusammen mit einer Freundin das Malseminar hier. Aber warum bist du plötzlich auf einem College in Helena?"
 "Ach, der Grund ist langweilig. Die Highschool ist zu Ende und ich hatte Lust auf ein College."
 Livia hat ihr Gespräch mit dem Verkäufer beendet und stößt zu uns. "Oh, hallo." Sie wirkt etwas verdattert, als sie Rebekah vor mir stehen sieht.
 "Livia, darf ich vorstellen, Rebekah-"Ich stocke kurz, weil ich nicht weiß, ob ich ihren Nachnamen sagen soll. Livia würde Mikaelson nämlich gleich in Verbindung mit Klaus bringen. Ich räuspere mich. "Rebekah, das ist Livia, besagte Freundin."
 Rebekah strahlt sie an und streckt ihr die Hand hin. "Ich freue mich, eine Freundin von Chloe kennenzulernen."  Livia ergreift zögernd die Hand und schüttelt sie. "Danke, ich ... auch." Dann dreht sie sich zu mir um. "Chloe ... ähm, ich gehe schon mal zum Essen. Kommst du dann nach?"
 Ich werfe Rebekah einen Blick zu. Ich vermute nicht, dass es in ihrem Sinne ist, mich in einen langweiligen Essensraum in einem Hotel zu begleiten. Entschuldigend lächle ich Livia zu. "Nein, geh du ohne mich. Ich gehe noch kurz mit Rebekah wohin, aber ich bin bald wieder zuhause. Okay?"
 Livia nickt, den Blick zu Boden gerichtet, und geht in die andere Richtung. Seufzend blicke ich ihr nach. Ich fühle mich schlecht, weil ich sie einfach so allein lasse, und das wird später noch ganz sicher zu einem Gespräch führen.
 "Kommt ihr, meine Damen?"
 Niks Stimme. Ich fahre herum und sehe ihn an der Drehtür stehen. Wo war er eben? Er fährt sich mit dem Ärmel über den Mund und lächelt uns zu. Sehe ich da etwas Rotes auf seinen Zähnen schimmern? Doch im nächsten Moment ist es weg und ich wende meinen Blick von seinem Mund ab. Nur eingebildet. Während Rebekah und ich Nik nach draußen folgen, frage ich: "Wohin gehen wir?"
 Meine Freundin hält mir die Autotür offen und lässt mich einsteigen. Als sie auf dem Beifahrersitz Platz genommen hat, dreht sie sich zu mir um und antwortet: "Wie feiert man meine Ankunft in New Orleans am Besten, Chloey?"
 "Mit einer Party!"
 Ärgerlich runzelt sie dir Stirn und wendet sich dem Vampir auf der Fahrerseite zu. "Dich hab ich nicht gefragt, Nik." 
 Klaus startet den Motor und wir rollen durch den abendlichen Verkehr von New Orleans. Er sagt etwas und Rebekah schlägt im spielerisch gegen die Brust. Dann lacht er und sie auch und ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen. Es tut gut, sie wieder bei mir zu haben. Sie versprüht überall wo sie hinkommt Energie und schafft es sogar, ihren psychopatischen Bruder zum nicht schadenfrohenLachen zu bringen, und das will was heißen. Jetzt, wo ich Rebekah wieder bei mir habe, kann ich mir gar nicht vorstellen, dieses Leben je wieder hinter mir zu lassen.


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