Das Haus war schon etwas heruntergekommen, sah aber immer noch so schön einladend aus, außerdem stand Lukes Fahrrad neben der Holztür, was ein gutes Zeichen für mich war. Ich wusste nicht, ob ich klopfen sollte oder einfach hineingehen sollte, aber eigentlich war es ja auch mein Haus also ging ich einfach hinein. Da das Haus ja nur aus einem Raum bestand, war es nicht schwer, Luke zu finden, der zusammengekauert auf der Couch lag und schlief. Ich nahm mir einen Stuhl und stellte diesen neben die Couch und setzte mich drauf. Lukes Augen waren angeschwollen und sein Gesicht war nass, das bemerkte ich, als ich ihm über die Wange strich. Hatte er etwa geweint? War das mit seinem Vater etwa so etwas Ernstes? Er tat mir irgendwie leid und es tat mir weh, ihn so zu sehen.
Ich mag es generell nicht, wenn Leute weinen, weil ich nie weiß, was ich dann machen soll. Trotz der roten Augen sah er schon ziemlich süß aus. Mir fiel auf, dass er zitterte und ich ging zu einer Kiste, die er für dieses Haus zur Verfügung gestellt hatte, und nahm eine Decke raus und legte diese über ihn. Kurz dachte ich, dass er jetzt aufwacht, aber er drehte sich nur auf die andere Seite, sodass ich seine verstrubbelten Haare sehen konnte. Es war zwar noch nicht einmal mittags, aber ich war trotzdem müde und deshalb suchte ich mir eine ausklappbare Matratze, die wir in irgendeiner Kiste versteckt hatten. Früher brauchten wir sie noch, weil wir öfter hier geschlafen hatten und die Couch noch nie für uns beide reichte. Ich musste wohl etwas laut gewesen sein, als ich die verschiedenen Kisten öffnete, denn Luke war auf einmal wach.
„Mary? Was machst du da?"
„Ich bin müde und habe dich gesucht und ha-„
„Warte. Du hast mich gesucht? Wieso?"
„Naja, du weißt schon. Das mit deinem Vater. Ich wollte dir sagen, dass es mir leid tut, dass ich dir gestern nicht zugehört habe und das, obwohl es dir nicht gut ging. Aber wir hatten einfach so lang keinen richtigen Kontakt mehr und ich dachte, du willst mich eh nur ausnutzen und"
„Schon gut. Es ist alles okay. Ich bin derjenige, der dich immer schlecht behandelt hat. Ich kann dich verstehen, weißt du? Im Diner war ich auch ziemlich fies zu dir, aber da waren halt meine Kumpels dabei. Ich bin der Anführer, ich muss cool sein, auch, wenn es mir echt leidgetan hat, weil ich die Zeit mit dir manchmal echt vermisse. Und ich dachte, damit habe ich es sowieso alles kaputt gemacht." So dachte er also über mich? Er mochte mich doch noch? Das machte mir irgendwie ein gutes Gefühl und ich musste lächeln.
„Luke, oh mein Gott, ja, genauso dachte ich auch immer. Abgesehen von dem Anführer-Getue."
Wir mussten beide lachen und irgendwie hatte ich das Gefühl, es könnte wieder so wie früher werden. Früher, als alles noch besser war. Als wir mit 6 Jahren noch eine Kindheit hatten und kein Tablet oder Smartphone in der Schultüte hatten. Früher, als wir noch rausgegangen sind, um uns zu treffen und Buden gebaut haben, einfach kreativ waren. Heute sitzt die jüngere Generation nur noch im Wohnzimmer und haut auf irgendwelchen Tasten rum. Ich bin so froh, dass ich in der Zeit ein Kind war, wo Takeshis Castle im Fernsehen kam, der WinX-Club die schönsten Mädchen waren und wir immer im Schwimmbad H2O gespielt haben. Ja, diese Zeit, wo ein Tamagotchi das Größte war und man trotzdem nicht nur im Haus war, sondern wirklich immer etwas erlebt hat. Luke kam auf mich zu und nahm mich in den Arm. Dieses Gefühl hatte ich so vermisst, endlich jemanden zu haben, der einen in den Arm nimmt und nicht mehr loslässt und man allen Kummer und alle Sorgen vergisst. In diesem Moment wurde mir klar: Ich brauche Luke. Und seit diesem Tag waren Luke und ich wieder Freunde.
-
Mein Wecker klingelte und ich wurde somit unsanft aus dem Schlaf gerissen. Langsam fiel mir alles von gestern wieder ein, nachdem er mich in den Arm genommen hatte, haben wir noch ein bisschen erzählt, gelacht und geweint. Er wegen seinem Vater und ich, weil er mir so leidgetan hat. Er hatte mir erzählt, dass sein Vater einen Herzinfarkt im Auto bekommen hatte und dann gegen einen Pfeiler raste, er hatte wohl extreme Blutungen und liegt jetzt im Koma. Seine Mutter war auch im Auto, liegt aber nur mit einem Schock im Krankenhaus. Wir blieben bis zum späten Abend im Häuschen und irgendwann hat Luke mich auf seinen Gepäckträger gesetzt und wir sind nach Hause gefahren. Es war so schön, er hat mich sogar gefragt, ob wir zusammen zur Schule gehen wollen. Natürlich habe ich ‚Ja' gesagt und jetzt stehe ich vor dem Spiegel und mache mich fertig. Heute wollte ich mal besonders aussehen. Nicht immer nur so langweilig, also entschloss ich mich für eine Jeans mit Löchern, ein schwarzes Top, das bis zum Bauchnabel ging und dann mit Spitze weiterverlief. Außerdem trug ich noch einen Cardigan und meine schwarzen Vans.
DU LIEST GERADE
Girl, you're so classic
Teen FictionDas Leben ist ein Labyrinth der vielen Wege zwischen denen wir uns einen aussuchen können. Immer wieder gibt es neue Wege um ans Ziel zu kommen. So geht es auch Mary. Sie hat ihn noch nicht gefunden.
