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Ich hörte viele Bewegungen um mich herum, hörte ein aufgeregtes Stimmengewirr und das Rollen von Rädern, die über den Boden geschleift wurden. Eine Stimme ragte deutlich aus den anderen Stimmen heraus: „Die Narkose ist fast vorbei. Wir brauchen eine neue Ladung. Nadia ..." Ein Piksen in meinem Unterarm ließ mich zusammenzucken, dann wurden die Geräusche wieder leiser und verstummten gänzlich.

Die Sonne ging in allen möglichen Farbkombinationen - buttergelb, primelgelb,  orange, kirschrot, burgunderrot, flieder, lavendel, lila, violett, mauve, neonblau, marine, petrol, schwarz - am Horizont unter. Das Meer und seine schäumende Gischt waren in tiefes kobaltblau getaucht und schimmerten in den letzten Sonnenstrahlen, die der Tag hervorbrachte. Einzig das Gurgeln des Wassers und das leise, monotone Zirpen der Zikaden waren in der Stille der Nacht zu hören.
Mein Blick war auf den um wenige hundert Meter entfernten Strand geheftet. Dort, mitten auf dem weißen Sand, war ein Feuer zu erkennen. Ein Großes, dessen Flammen weit in den dunklen Himmel hinausragten und dessen Funken mit der rötlichen Sonne zu verschmelzen schienen.
Ich drehte mich um, als ich den warmen Atem von André in meinem Nacken spürte. Es kitzelte und ich kicherte leise.
Andrés Augen fanden die meinen und ich fiel in deren Tiefe, als wären sie der Tunnel, der einen in eine andere Welt führt. Mein ganzer Körper prickelte aufgeregt und mich durchzuckte ein elektrischer Schlag, als André seine Arme um meine Hüfte schwang.
Seine raue Stimme hallte in der Stille nach: „Du bist wunderschön ... Bereit?"
Ich nickte.
Mein Herz und meine Seele waren in einen Freudentanz verfallen und mein Magen füllte sich allmählich mit Schmetterlingsschwärmen.
André und ich wandten uns von der Terrasse ab, auf der wir gestanden hatten, und liefen gemütlich die steinernen Stufen, die von ihr ausgingen, herunter auf die Straße. Wir begaben uns auf den Weg zum Lagerfeuer, zu dem wir eingeladen worden waren - oder zumindest André.
Freunde von ihm - wohlgemerkt: Ich kannte sie nicht - hatten am heutigen Abend eine Strandparty angesetzt und ihn eingeladen. Er sollte jemanden mitnehmen, wenn er wolle, hatte er mir gesagt und mich aufgefordert, mitzukommen.
Ich war ein wenig aufgeregt, denn ich kannte weder jemanden, noch wusste ich, wie eine Party überhaupt verlief. Schließlich hatten sich meine Eltern nie dazu herabgelassen, mich an einer solchen teilhaben zu lassen. So hatte ich vor wenigen Stunden auch nicht gewusst, was ich anziehen sollte.
Glücklicherweise hatte sich André so aufmerksam erwiesen, mir ein Kleid zu schenken. Es war ein knielanges, blassgelbes Trägerkleid mit spiralförmigen Mustern und Blumen. Eine lange Kette hing mir um den Hals. Das Amulett mit dem Bild meiner Eltern, das ich zu meinem 14. Geburtstag bekommen hatte, hing an ihr und erinnerte mich wohl versehentlich daran, dass ich meine Eltern angelogen hatte, als ich ihnen sagte, ich würde in den Ferien mit Freundinnen an die Küste fahren. Okay, ich war an der Küste, aber davon abgesehen ... Nun ja ...

Wir liefen durch leblose Straßen, die überall nach Meersalz rochen. Ich drückte Andrés Hand, um ihm zu zeigen, dass ich ihm vertraute. Er wusste, dass ich mir Sorgen machte, ob seine „Freunde" ein Ballettmäuschen wie mich akzeptieren würden, zumal ich sehr - ähm - engstirnigen Eltern entstammte, doch meine Gefühle dies betreffend waren unbegründet gewesen.
Als wir den Strand erreichten, begrüßten uns die Anwesenden fröhlich. Ein hochgewachsener, spindeldürrer Junge kam auf uns zu und klatschte in Andrés Hand ein, bevor er sie festhielt und schüttelte.
„Ah! Das ist also deine Freundin ... Schönes Mädchen. Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass eine solche-"
Er unterbrach sich räuspernd.
„Ich meine, dass jemand wie - wie sie sich für jemanden wie dich interessieren könnte ... Hmm ... Vielleicht sollte ich mich auch bei deiner Schule anmelden und-"
Wieder wurde er unterbrochen, denn ein für seine Verhältnisse kleines, rundliches Mädchen kam auf ihn zu.
„Du wirst doch nicht hinter meinem Rücken ein anderes Mädchen anbaggern, Jack!"
Ihr wütender Blick wurde weicher, als sie mich und André sah. Sie lächelte mich an.
„Süßes Kleid."
Dann warf sie Jack einen komm-jetzt-oder-du-kriegst-es-mit-mir-zu-tun-Blick zu und beide verschwanden zurück zum Lagerfeuer.

*****

Dieses Kapitel widme ich @SweetLittleLie für die anregenden Kommentare und Verbesserungsvorschläge! Ich werde sie teilweise auf jeden Fall einbringen, wenn ich Yesterday überarbeite ;)
Ansonsten, wie immer: Lasst doch gerne mal ein paar Worte und Votes da :D

LG, Joe

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