Mein Beitrag zum Prompt "zu spät" aus dem Halloween-Special von den Kreaturen-der-Nacht .
Viel Spaß beim Lesen!
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Entspannt lehnte ich mich in dem großen Ohrensessel zurück.
Draußen war es bereits dunkel, durch die Fenster fiel das Licht der Straßenlaternen und der vorbeifahrenden Autos in das ansonsten dunkle Wohnzimmer.
Aus dem Flur hallte das Klicken eines Schlosses wieder, dann würde die Tür aufgestoßen und knallte gegen die Wand.
Ungerührt von dieser, auf andere vielleicht bedrohlich wirkenden, Geräuschkulisse blieb ich entspannt sitzen.
Sie würden schon noch zu mir kommen, also konnte ich auch meine Beine ausstrecken und hier auf sie warten.
Im Flur ging das Licht an und eine Frau stöhnte erschöpft auf, während anscheinend einige Sachen auf dem Boden abgestellt würden.
Dann schepperte die Haustür erneut, der Lärm der vorbeifahrenden Autos wurde abgedämpft und einige Sekunden raschelte ein Schlüsselbund, bevor auch diese Melodie verstummte.
Einen Augenblick herrschte Ruhe, herrliche Ruhe, wie ich sie in meinem Berufsalltag nur sehr selten zu hören bekam.
Ich schloss die Augen und atmete tief durch.
Zögerliche Schritte auf dem Flur, leises Geflüster.
Man hatte meine Anwesenheit bemerkt.
Ob es wohl an dem leichten Schwefelgeruch in der Luft lag? Oder meiner Jahrtausende alten Aura, die die meisten Menschen schon dazu veranlasste ihre Nackenhaare zu sträuben, bevor sie überhaupt mein umwerfendes, engelsgleiches Gesicht erblickten?
Im Türbogen erschien die Silhouette einer Frau, die sich dunkel gegen das gelbliche Licht abhob.
Komm doch etwas näher, meine Teuerste!
Natürlich war der Kosename "Teuerste" etwas weit hergeholt, sie war nämlich nicht teuer gewesen. Genau wie jeder andere Mensch mit dem ich ein Geschäft gemacht hatte, musste man ihnen nur den richtigen Köder vor die Nase halten.
"Du!", fuhr die Frau mich an.
Nun erhob ich mich doch aus dem Sessel, strich mein Jackett glatt und schloss die zwei Knöpfe.
Die Frau trat mutig näher, obwohl ich sie locker um einen Kopf überragte, ihr Zeigefinger bohrte sich in meine Brust.
"Was willst du hier? Du hast kein Recht hier aufzutauchen, korrupter Scharlatan!"
Mit einem angewiderten Blick wischte ich ihren Finger weg.
"Ich bin kein Scharlatan, immerhin habe ich unsere Abmachung eingehalten und nun bin ich gekommen um meine Bezahlung abzuholen.", erwiderte ich in vollendeter Höflichkeit.
Es regte die Menschen mehr auf, wenn man ihrer Wut mit geschäftsmäßiger Ruhe begegnete und ihr Schreck, wenn sie bemerkten, dass sie zu weit gegangen war, war herrlich zu beobachten.
Während ich sprach, trat die Frau einige Schritte zurück, als erahnte sie, dass sich etwas zusammenbraute. Sie wirkte nun eher verzweifelt, als rasend vor Wut.
Zu sagen, ich liebte diesen Job, wäre eine Untertreibung.
"Du hast mir versprochen, du würdest Jimmy retten! Vor acht Jahren habe ich ihn begraben, weil er sich auf irgendeiner Party mit seinen Huren totgesoffen hat. Mein Gott, ich weiß noch nicht einmal, was ich unserem Sohn sagen soll, falls er herausfinden, dass sein Vater an einem Giftcocktail aus Drogen und Alkohol gestorben ist."
"Ich habe versprochen, ihn von den Tumoren in seinem Körper zu befreien, das habe ich getan. Alles was danach geschehen ist, war allein Jimmys Entscheidung."
"Wie soll das Jimmys Entscheidung gewesen sein? Er war ein verantwortungsvoller, bodenständiger Mann, der sich ein Haus, einen Garten, zwei Kinder und einen Hund wünschte und kein drogenabhängiger Ehebrecher! Diese zwei Jahre waren fast schlimmer als mit seiner Krankheit. Du hast ihn umgebracht, nur viel langsamer! Ich weiß es, ich habe es in seinen Augen gesehen und jetzt besitzt du die Unverfrorenheit nach einer Bezahlung zu verlangen, erbärmliches Schwein!"
"Was du in den Augen deines Mannes gesehen hast, waren wohlmöglich einfach die Drogen. Jimmy hat ein Jahr im Krankenhaus auf seinen Tod gewartet, vollgepumpt mit starken Medikamenten. So eine Erfahrung verändert Menschen und vielleicht war er auch schon längst abhängig, bevor ich ihn geheilt habe.
Ich bewundere immer wieder, wie verblendet ihr Menschen doch seid, wenn es um die offensichtliche Wahrheit geht. Lieber lebt ihr in eurer eigenen konstruierten Realität, als euch mal die Fakten anzusehen.
Aber du wirst noch lange Zeit haben darüber nachzudenken.
Komm jetzt, ich habe nicht die ganze Nacht Zeit."
Immer die gleichen langweiligen Gespräch, immer versuchten sie sich herauszuwinden, doch ich hatte noch einen Schocker im Ärmel, der die Sache etwas beschleunigen würde.
"Nein, ich kann doch meinen Sohn hier nicht allein lassen! Vergiss es!"
Wie aufs Stichwort!
"Ich kann auch ihn an deiner Stelle mitnehmen, oder du hinterlässt deiner Schwester eine Nachricht ihn abzuholen, du hast die Wahl."
"Das kannst du nicht machen!"
Konnte ich tatsächlich nicht.
"Ich habe dich nie belogen, Mary."
Zumindest nicht bis jetzt.
Mit Panik in den Augen riss die Frau ihr Handy aus der Hosentasche und hackte mit den Fingern auf den Bildschirm ein.
Zur Antwort vibrierte das Handy einige Sekunden später und kurz wirkte ihr Gesicht erleichtert.
"Darf ich mich noch verabschieden?", fragte sie vorsichtig.
"Nein!"
Was soll ich sagen, ich war eben was ich war.
"Irgendwie werde ich einen Weg finden, du wirst schon sehen", versprach sie unheilvolle, "ich töte dich!"
Mein Gesicht verzog sich zu einem wölfischen Lächeln, dass die Fänge in meinem Ober- und Unterkiefer entblößte.
"Schätzchen, ich bin doch schon tot."
Mit übermenschlicher Geschwindigkeit überwand ich die Distanz zwischen uns und bohrte die Klauen meiner Hand durch ihre Brust, bis sich meine Finger um ihr Herz schlossen.
Als seine Tante eintraf und mehrmals klingelte, kam der elfjährige Max aus seinem Zimmer geschlendert um die Haustür zu öffnen.
Mit entsetzten Gesicht stürmte die Schwester seiner Mutter in den Flur und rief nach seiner Mum.
Sie antwortete nicht, merkwürdig, er war doch mit ihr nachhause gekommen.
Die Einkäufe standen unangetastet im Flur und als seine Tante im Wohnzimmer das Licht einschaltete, hallte ihr lauter Schrei durch die Wohnung.
Aus Max Verwunderung wurde Angst und er eilte ihr hinterher.
Da lag sie.
Auf dem Dielenboden, ohne ein Anzeichen, dass sie noch lebte.
Den Blick, aus den aufgerissenen, matten Augen, hatte sie schockiert zur Decke gerichtet, ihre Brust hob sich nicht mehr und die leicht geöffneten Lippen bewegten sich nicht.
Später würde der Gerichtsmediziner ihnen sagen, seine Mutter sei an einem Herzinfarkt gestorben und es gäbe keine Anzeichen irgendeiner Gewalteinwirkung.
Doch Max hatte ihn gesehen!
Die kalten, roten Augen und die blutverschmierten Klauen, verfolgten ihn noch jahrelang in seinen Träumen.
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Nicht ganz so gruselig, aber immerhin eine dunkle Kreatur.
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Sucker for Creativity
De TodoK U R Z G E S C H I C H T E N ~ Cover ~ [Tags] ~ Entries ~ Everything that fits nowhere else! [Language: English and German] Shortstorys: Hier findet ihr auch einige Kurzgeschichten, die meisten gehen in eine düstere Richtung, also wer Lust auf ein...
