"Should I sink or swim? Or simply disappear?"
- BMTH
~~~
Die Stadt der Engel.
Marisa schritt am Strand entlang, hinter ihr warf der Santa Monica Pier, mit all seiner nächtlichen Beleuchtung, eine wundervolle Reflexion auf die Meeresoberfläche, die der leichte Wellengang zerstob.
Die salzige Luft füllte ihre Lungen und schien den Ballast des Tages, sowie die Autoabgase und sonstigen Schmutz der Stadt mit sich zu nehmen.
Ihre nackten Füße hinterließen Spuren im feinen Sand, die von den Wellen geglättet wurden, als wären sie nie da gewesen.
Als wären all die Menschen, die hier tagtäglich langgingen, nie hier gewesen.
Als hätte nie jemand die perfekte Oberfläche durchdrungen und einen Macken, einen Kratzer, oder gar eine Narbe hinterlassen.
Marisa könnte einfach dort hinausgehen, immer weiter, bis ihre Füße den Sand nicht mehr berührten...
Irgendeine Welle würde sie mitnehmen und auch all ihre Macken, Kratzer und Narben mit ihr wegspülen.
Einfach weg...
Hier hatte es angefangen und hier könnte es ebensogut enden.
Hinter Marisa näherten sich Schritte, ein Mann atmete erschöpft, bis die Schritte immer langsamer wurden und schließlich nur noch das Keuschen zu hören war.
Sie drehte sich nicht um.
Vor ihr auf den Boden war nun ein zweiter langer Schatten, der mit ihrem verschmolz, als der Mann näher trat und sie an der Schulter berührte.
"Marisa, jetzt warte doch, das war alles ganz harmlos."
Salzige Tränen sammelten sich in ihren Augen.
Als stummes Zeichen ihres Körpers, sich von diesem Leben abzuwenden?
Fünf Jahre, fünf verdammte Jahre hatte sie diesem Mann geschenkt, verdrängt wer sie war und wo sie herkam.
Sie hatte ihr tiefstes Inneres verbogen und verrenkt, es in eine schöne passende Form gequetscht und sorgfältig die Truhe verschlossen, damit sie mit ihm zusammen sein konnte.
Marisa dachte, er sei der Schlüssel für ihr Glück und all diese Kompromisse, das Opfer, das dieses mit sich brachte.
Denn alles hatte einen Preis...
Aber wie sollte sie auch glücklich sein, wenn sie Teile ihrer selbst verleugnete, wenn sie nie sein dürfte, wer sie wirklich war?
Vielleicht war ihre Beziehung an diesem Punkt schon zum Scheitern verurteilt, denn wie sollte Liebe wachsen, wenn sie auf einem verkrüppeltes Fundament stand?
Aber nicht nur sie hatte Fehler gemacht?
Ihr Freund hatte den Tornado ausgelöst, der das ganze zum Einsturz gebracht hatte.
Dieser Tornado hieß Lauren und hatte noch vor ein paar Minuten ihre Zunge so tief im Rachen ihres Freundes, dass man auf die Idee hätte kommen können, sie würde seine Mandeln untersuchen.
Marisa wandte sich mit neuer Entschlossenheit zu dem Mann um, der ihr gerade das Herz gebrochen hatte.
Ein letztes Mal zog sie die Nase hoch und wischte mit dem Ärmel ihres Oberteils über ihre Wangen.
"Meine Mutter gab mir vor einigen Jahren einen guten Rat."
Völlig perplex starrte ihre missglückte Liebschaft in ihre meeresblauen Augen.
Sie wusste nicht, was ihn jetzt aus dem Konzept gebracht hatte, das Erwähnen eines Familienmitglieds oder das sadistische Lächeln auf Marisas vollen Lippen.
"Der schnellste Weg ins Herz eines Mannes, ist durch ein Loch in seiner Brust."
Ihre sichelförmigen dunklen Klauen durchtrennten Gewebe und Rippen mühelos, bis sie das Herz erreichten.
Noch bevor es durch die massiven Verletzungen zu schlagen aufhörte, riss Marisa es heraus, den Blick starr auf das immer noch schockierte Gesicht ihres Ex-Freundes gerichtet und verspeiste den faustgroßen Muskel.
Die Leiche viel zu Boden und Marisa leckte sich die blutverschmierten Finger.
Jetzt hatte sie die benötigte Kraft!
Ohne sich nochmal zu den Überresten ihrer zerbrochenen Liebe umzuwenden steuerte sie auf den Horizont zu, immer tiefer ins Meerwasser.
Die Stadt der Engel war voller Sünder, manche menschlich, wie ihr Ex, andere übernatürliche, wie sie selbst.
Als sie keinen Boden mehr unter ihren Füßen spürte, begann sie sich zu verändern, die Truhe, die fünf Jahre verschlossen in ihrem Inneren gewartet hatte, das sich getrost mit einem Wrack vergleichen ließ, öffnete sich.
Mit den ersten kräftigen Flossenhieben schnitt Marisa wie ein Pfeil durchs Wasser, immer Richtung Horizont.
Frei, wild und endlich wieder glücklich...
~~~
Gruselig ist wieder was anderes, aber vielleicht passen wenigstens Adjektiv wie "irreführend" oder "unerwartet"?
Naja, ich hoffe ein paar hatten Spaß beim Lesen.
Das Prompt "Herzensangelegenheit" findet ihr, wie schon die Male zuvor, im "Countdown to Hell-oween" bei uns Kreaturen-der-Nacht .
Zu erwähnen Annie, hätte mich leicht inspiriert, ist wohl für die Betreffenden offensichtlich, aber ich tue es hiermit trotzdem.
DU LIEST GERADE
Sucker for Creativity
De TodoK U R Z G E S C H I C H T E N ~ Cover ~ [Tags] ~ Entries ~ Everything that fits nowhere else! [Language: English and German] Shortstorys: Hier findet ihr auch einige Kurzgeschichten, die meisten gehen in eine düstere Richtung, also wer Lust auf ein...
