5. Who are you?

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Es dauert vier Tage, bis ich mich dazu durchringe, ihn anzurufen.  Mit zitternden Fingern halte ich das Telefon in der Rechten, und den  Zettel mit der Nummer in der linken Hand. Was, wenn es zu spät ist? Oder  wenn er jetzt kein Interesse mehr hat? Vielleicht hat er in der Zeit  eine andere Frau kennen gelernt? Ich schüttle den Kopf und lege das  Telefon zur Seite. Warum mache ich mir Hoffnungen? Und warum tue ich  Jamie das an? Ich weiß, dass er mir bedingungslos vertraut, genau wie  ich ihm, und es wäre unverzeihlich sein Vertrauen zu missbrauchen. Ich  sollte mich von Patrick fernhalten.

Nachdem ich die Nummer wieder in der Jackentasche verstaut habe, mache  ich mich auf den Weg in die Küche, aus der ein leckerer Geruch durch den  Flur zieht. Jamie steht am Herd und versucht, etwas zu kochen. Ich  bleibe hinter ihm stehen und bewundere ihn. Wie gut er aussieht... Ich  schlinge meine Arme von hinten um seinen Bauch und ziehe ihn an mich.

„Amy!", schreit er überrascht, bevor er meine Arme löst und sich zu mir herumdreht.
„Ich hoffe du hast nichts dagegen, dass ich koche?", fragt er und grinst  mich verführerisch an. Ich werfe einen flüchtigen Blick in die Pfanne,  doch ich kann das, was darin brutzelt, nicht definieren.

„Äh, nein", sage ich und gebe ihm einen Kuss, während Jamie mich an sich zieht.

„Hast du heute noch etwas vor, Baby?"

„Wieso?"

„Ich dachte, wir könnten nach dem Essen einen Film gucken, oder... etwas  anderes tun."

Wieder liegt dieses Anziehende in seinem Blick, dem ich  nicht wiederstehen kann.

"Das Essen muss wohl noch warten", flüstere ich  und ziehe ihn ins Schlafzimmer...



Am Abend sitze ich alleine auf  der Couch und sehe mir zum zehnten Mal „Bridget Jones" an. Jamie musste  plötzlich weg, er sagte einer seiner Kumpels bräuchte jetzt dringend  jemanden zum Trinken. Ich bin leicht enttäuscht, weil der Tag so  vielversprechend begonnen hat. Als ich über den Flur gehe, um aus der  Küche Schokolade zu holen, komme ich wieder an Patricks Jacke vorbei.  Nach kurzem Zögern nehme ich den Zettel hinaus und hole das Telefon,  bevor ich mich wieder aufs Sofa pflanze. Meine Bedenken, ob Patrick  überhaupt zu Hause ist, und vor allem, ob er alleine ist, schiebe ich  beiseite. Was soll denn schon schief gehen?, denke ich mir, als ich  seine Nummer wähle. Nach dem siebten Tuten will ich gerade auflegen, als  der Hörer abgenommen wird.

„Hallo?" Seine Stimme hört sich verschlafen an, irgendwie heiser. Mir bleibt das Herz stehen. Was soll ich sagen?

„Hallo, wer ist da?"

Ich hole tief Luft. „Hallo Patrick, äh, hier ist Amy."

„Oh..."

Oh? Ich halte die Luft an, wieder bleibt mein Herz stehen. Was soll oh heißen?

„Amy, das ist schön, dass du anrufst. Es ist nur... ich hab irgendwie nicht mehr damit gerechnet."

Achso. Ich ziehe die Augenbrauen hoch. Hat er mich schon vergessen?

„Ich äh, ja. Ich habe die Nummer jetzt erst gefunden", lüge ich und komme mir im nächsten Moment schlecht vor.

„Achso."

„Ja." Nervös knabbere ich an meinen Fingernägeln. Warum sagt er nichts  mehr? Am liebsten würde ich auflegen, doch dann höre ich, wie er tief  Luft holt.

„Wie geht's dir, Amy?"

„Mir geht es... gut. Ja, ganz gut eigentlich."
Dann fällt mir wieder  unsere letzte Begegnung ein. „Ähm, danke dass du mich nach Hause  gebracht hast, neulich. Wann willst du deine Jacke wieder haben?"

AmelieWo Geschichten leben. Entdecke jetzt