Seit einer halben Ewigkeit wartete ich schon auf Melia. Sie sollte längst hier sein, schließlich wollten wir das Ritual durchführen. Ihr müsst wissen, sie würde so etwas niemals verpassen.
„Tut mir leid, Lils, habe die Zeit aus den Augen verloren."
„Wurde auch Zeit. Wir müssen zehn Minuten vor Mitternacht beginnen, um keinen Dämonen zu bekommen, und dank dir werden es immer mehr..."
„Jaja, hab schon verstanden."
„Hast du alles?"
Sie zeigte mir die Sachen, die sie im Rucksack verstaut hatte.
„Komm, lass uns beginnen."
Gemeinsam gingen wir in den Wald. Ich stellte meine Kamera auf, um unserer Community live zu zeigen, wie wir das Ritual machen – und ob es klappt oder nicht. Melia und ich waren beide skeptisch gegenüber allem Übernatürlichen. Um der Welt zu beweisen, dass es Geister nicht gibt, hatten wir einen YouTube-Kanal namens Grußelfaktorypur ins Leben gerufen. Wir reisten durch verlassene Häuser und düstere Landschaften, die angeblich von Geistern und bösartigen Kreaturen heimgesucht wurden. Naja, bisher hatten wir nichts Ungewöhnliches entdeckt. Doch das würde sich schneller ändern, als wir dachten...
„Hallo, liebe Leute, und herzlich willkommen bei einem neuen Video von Grußelfaktorypur", begann ich, wie jedes Mal.
„Ihr habt euch gewünscht, ein bestimmtes Ritual durchzuführen, und natürlich haben wir uns davor nicht gescheut. Also, hier sind die Details: Bei diesem Ritual müssen wir bestimmte Gegenstände, die wir lieben, in die Mitte eines aus Ästen bestehenden Kreises legen. Danach zünden wir Kerzen an und stellen sie außerhalb des Kreises auf. Mit einem bestimmten Sprichwort schließen wir das Ritual ab und können dann mit den Geistern kommunizieren und spielen. Mehr Infos könnt ihr euch in der Infobox durchlesen", erklärte Melia, während ich alles, wie sie es sagte, vorbereitete.
„Wir können beginnen."
Das war mein Stichwort. Melia legte die Kamera auf einen Stein, so dass wir perfekt im Bild waren. Wir stellten uns um den gebildeten Kreis und sprachen das auswendig gelernte Sprichwort laut und deutlich.
„Lebe, wer kann,
sterbe, wer soll,
komm, wir rufen,
renn, wenn du kannst.
Hast du Angst?
Hast du Leid?
So sag mir Bescheid.
So geh und schweig,
du bist grausam,
doch so liebevoll.
Komm, wir rufen,
wollen bluten,
und wollen spielen!"Ich gebe zu, das, was wir da sagten, ergab keinen Sinn, aber es war irgendwie gruselig. Besonders, wenn man bedenkt, dass es tief in der Nacht war, fünf Minuten nach Mitternacht. Erst jetzt wurde mir bewusst, wie spät es schon war. Man sagt, dass man für jede Minute nach Mitternacht einen weiteren Dämonen sieht. Auch wenn ich solchen Geschichten keinen Glauben schenke, fühlte sich das alles plötzlich nicht mehr so sicher an.
Langsam bewegte sich Melia in Richtung Kamera, um sie zu holen und die Kommentare zu beantworten.
„Ihr seid viel zu spät dran.
Ihr hättet das Ritual auf morgen verschieben sollen.
Seid ihr beide lebensmüde?"„Leute, keine Panik, wir wollten euch nur zeigen, dass dieses Ritual nicht funktioniert", sagte ich ruhig, obwohl ich die Bedenken der Zuschauer nicht ganz verstand.
Gelangweilt warteten wir bereits zehn Minuten darauf, dass etwas passierte, während wir weiter Kommentare lasen und beantworteten. Doch dann ließ mich ein Kommentar aufschrecken. Ein kaltes Frösteln kroch mir über den Rücken. Mein Herz blieb fast stehen, als ich den Text las. Langsam und ängstlich sah ich zu Melia, um zu sehen, wie sie darauf reagierte. Doch im Gegensatz zu mir wirkte sie völlig gelassen und nahm den Kommentar nicht ernst.
Und dann begann es – immer mehr Leute schrieben denselben Kommentar:
„Da ist ein Kind hinter euch!"
Mir blieb das Blut in den Adern stehen. Ein kaltes Schaudern ergriff mich, und mein Blick wanderte unwillkürlich über unsere Schulter. Doch da war niemand. Der Wald, düster und still, wirkte so vertraut und doch plötzlich so unheimlich.
„Leute, das ist nicht lustig", sagte ich, mehr zu mir selbst, doch meine Stimme zitterte.
Melia sah mich an, immer noch unbeeindruckt. Doch ihre Miene veränderte sich, als immer mehr Kommentare kamen. „Es ist da! Hinter euch!", schrieben sie.
Die Dunkelheit schien plötzlich dichter zu werden. Meine Augen huschten ängstlich von einem Baum zum nächsten. In meinem Kopf hallte das Wort „Kind" wider. Doch ich konnte nichts sehen.
Mit jedem neuen Kommentar spürte ich, wie sich eine unheimliche Präsenz hinter uns aufbaute. Ich schloss die Augen, klammerte mich an Melia, wollte weglaufen, doch meine Beine waren wie gelähmt. Angst, pure Angst, schnürte mir die Kehle zu.
Ich fühlte ein kaltes Hauch hinter mir. Ein Hauch, der so nah war, dass ich es fast hören konnte...
„Lils...", flüsterte Melia, ihre Stimme plötzlich ängstlich.
„Was ist... was ist da?"
Ich wagte nicht, mich umzudrehen. Ich wusste, dass etwas hinter uns war, etwas, das wir nicht sehen konnten, aber spüren mussten.
Da war wirklich ein Kind. Hinter uns.
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Pentatonix- sugar plum fairy
https://www.youtube.com/watch?v=jt3oAyK_IG8
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Das Ritual
HorrorVorsicht! Dieser Text könnte alles verändern, was du bisher über Rituale und deren Konsequenzen geglaubt hast. Du hast es so gewollt... Es gibt ein Ritual - ein gefährliches Ritual, das das Leben kosten kann. Glaube nicht, was du hörst? Nun, es ist...