„Melia, das kann nicht sein! Sag doch endlich was!", schrie ich frustriert und starrte meine Freundin an. Doch sie blieb vollkommen ruhig – viel zu ruhig. Statt zu antworten, umarmte sie mich einfach.
Wie konnte sie so gelassen sein?
„Es ist alles in Ordnung. Das Kind hat sich bestimmt nur verlaufen."
„Ja, sicher. Mitten in der Nacht..." Mein Blick verfinsterte sich. Ich konnte ihr kein einziges Wort glauben.
Okay, Lily, du schaffst das. Dreh dich einfach um. Es wird schon nicht so schlimm sein. Du hast nur zu viele Horrorfilme gesehen.
Ich zwang mich, tief durchzuatmen, und nahm all meinen Mut zusammen. Gerade als ich mich umdrehen wollte, löste sich Melia sanft aus der Umarmung und ging langsam auf das Kind zu.
Dann sah ich es – und sofort wusste ich, dass etwas nicht stimmte. Es war, als ob die Luft um uns herum kälter wurde, die Dunkelheit dichter. Ich konnte nicht genau sagen, was es war, aber mein Instinkt schrie mich an, davonzulaufen. Doch meine Beine fühlten sich wie Blei an.
Mit zitternden Knien versuchte ich, ruhig zu bleiben und die Kamera festzuhalten.
Kennt ihr dieses Gefühl? Wenn euer Bauch euch warnt, dass etwas absolut nicht stimmt – und ihr trotzdem wie ein Idiot bleibt? Ich fürchte, dass ich gleich die schlimmste Lektion meines Lebens lernen werde.
Zitternd folgte ich Melia und kniete mich schließlich nieder, um auf Augenhöhe des Kindes zu sein.
„Was machst du hier draußen, Kleiner?", fragte Melia, die – im Gegensatz zu mir – scheinbar keine Angst hatte.
„Ich habe Mama verloren."
„Wo ist denn deine Mama?", fragte ich, doch meine Stimme zitterte mehr, als mir lieb war.
Der Junge schüttelte den Kopf. „Nein, sie ist nicht meine Mama. Sie heißt Mama. Sie hat gesagt, dass ich nicht weggehen soll. Aber ich habe so lange gewartet... und dann habe ich Hunger bekommen. Also bin ich losgegangen, um etwas zu essen zu suchen. Dann habe ich ein Licht gesehen und bin hierher gekommen. Aber jetzt... jetzt ist Mama bestimmt böse auf mich, weil ich nicht auf sie gehört habe."
Er schluchzte leise.
Etwas an seinen Worten ließ mir das Blut in den Adern gefrieren.
Aber als ich das Kind so ängstlich vor mir sah, verflog meine Angst für einen Moment. Ich konnte einfach nicht anders. Mit Tränen in den Augen streckte ich meine Arme aus und zog ihn in eine sanfte Umarmung. Es war das, was man eben tun würde, nicht wahr?
Doch während ich ihn hielt, bemerkte ich, dass seine Haut seltsam kalt war. Wie Eis. Es war, als ob die Dunkelheit in ihn überging.
Währenddessen hielt Melia die Kamera hoch und erklärte unseren Zuschauern, was gerade passierte. Doch ihre Stimme war nicht mehr so sicher wie zuvor.
„Wie heißt du denn, Kleiner?", fragte ich behutsam, obwohl mir ein kaltes Gefühl im Magen nagte.
„Jakob."
„Okay, Jakob. Keine Sorge, wir helfen dir, deine... äh, Mama zu finden." Ich nahm seine kleine, eiskalte Hand in meine, doch er schüttelte heftig den Kopf.
„Sie ist nicht meine Mama. Sie nennt sich nur so."
Ein Schauder lief mir über den Rücken.
„Und wo sind dann deine echten Eltern?", fragte ich vorsichtig.
Jakob schniefte und antwortete mit leiser, brüchiger Stimme:
„Mama sagt, dass sie weggegangen sind. Für immer. Sie sagt, dass sie mich verlassen haben und mich nicht mehr wollen. Sie sagt auch, dass ich sie nicht mehr brauche... und dass, wenn ich nicht mit ihr mitkomme, etwas Schlimmes mit ihnen passieren wird. Sie sagt, dass sie dann böse, böse Albträume haben werden... für immer. Und dass sie niemals wieder aufstehen."
Seine Stimme brach, und Tränen liefen über seine blassen Wangen.
Mir wurde eiskalt. Kälter, als es die Nacht je hätte sein können.
Melia und ich starrten uns wortlos an – und dann zur Kamera.
Scheiße.
Mir wurde schlecht. Mein Kopf drehte sich. Das hier... das hier durfte einfach nicht wahr sein.
Irgendwo in diesem Wald war eine Mörderin.
Und wir waren verdammt nah dran.
Ich erinnerte mich an eine Statistik: Jeder Mensch begegnet in seinem Leben mindestens zwei Mördern – ohne es zu wissen.
Ich glaube, heute hatte ich den ersten getroffen. Und das kurz vor meinem eigenen Tod.
„Okay, Leute... das hier wird echt immer gruseliger", versuchte Melia tapfer zu sagen, doch ich hörte das Zittern in ihrer Stimme. „Ich glaube, wir sollten das Ritual jetzt beenden."
Die Chat-Nachrichten überschlugen sich.
Nein, das dürft ihr nicht tun!
Ihr macht es nur schlimmer!Ich ballte die Fäuste. „So ein Scheiß! Wollt ihr, dass wir hier sterben?! Hier draußen läuft eine verdammte Mörderin herum! Sie könnte uns jeden Moment finden – und umbringen. Ich riskiere mein Leben nicht für diese verdammte Mutprobe! Komm, Melia, wir gehen. Ich habe genug von dem Mist! Und du, Kleiner, du kommst mit uns!"
Plötzlich –
Ein Knacken in der Dunkelheit.
Ich keuchte auf und fuhr herum.
Jakob zuckte heftig zusammen und versteckte sich panisch hinter meinen Beinen.
Dann hob er den Kopf – seine blauen Augen weit aufgerissen, voller Angst.
„Ihr müsst nicht gehen...", flüsterte er mit zitternder Stimme. „Mama hat mich schon gefunden.
Und sie ist sehr, sehr böse."
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Das Ritual
HorrorVorsicht! Dieser Text könnte alles verändern, was du bisher über Rituale und deren Konsequenzen geglaubt hast. Du hast es so gewollt... Es gibt ein Ritual - ein gefährliches Ritual, das das Leben kosten kann. Glaube nicht, was du hörst? Nun, es ist...