„Was heißt, sie ist hier? Lils, kannst du hier jemanden sehen? Oder bin ich blind geworden? Wie ist es bei euch, Leute? Könnt ihr etwas sehen?", verzweifelt dreht Melia sich mit der Kamera im Kreis und sucht mit panischer Entschlossenheit nach der Mörderin.
Doch es bleibt still. Nichts. Niemand.
„Nein, Melia, ich kann etwas sehen, aber nichts Neues", flüstere ich, meine Stimme zittert vor Angst.
Jakob ist immer noch hinter meinen Beinen versteckt. Ich spüre, wie er von Sekunde zu Sekunde blasser wird. Er wirkt unruhig, als ob sich etwas in ihm verändert. Was stimmt nicht mit dem Jungen? Warum schaut er so starr in die Dunkelheit? Warum bewegt er sich nicht mehr? Seine Augen weiten sich, als er plötzlich zurückblickt – zu uns. Der Ausdruck in seinen Augen lässt mir das Blut in den Adern gefrieren. Es ist ein Blick, der selbst Melia einen Schauer über den Rücken jagt.
Soviele Fragen. Und keine Antwort.
Verzweifelt packe ich Melias Arm und flüstere: „Verstehst du, was hier vor sich geht? Der Junge macht mir langsam echt eine Heidenangst."
„Wenn ich das wüsste, Lils, wenn ich das wüsste...", flüstert sie zurück, ihre Stimme genauso beunruhigt wie meine. „Glaube mir, ich würde am liebsten wegrennen, aber den Kleinen hier alleine lassen, will ich auch nicht."
„Nein, Mama, bitte, mach das nicht. Sie haben mir nur geholfen, Mama, bitte!", ruft Jakob plötzlich, seine Stimme bricht und wird panisch.
„Leute, das wird von Minute zu Minute unerträglicher. Der Junge fängt an, Selbstgespräche zu führen. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll, aber langsam denke ich, dass das hier ein schlechter Scherz ist...", murmelt Melia, so leise wie sie kann, während sie mit der Community spricht.
Doch der Junge hört nicht auf, wiederholt wie ein Mantra: „Mama mag das Gerät in deiner Hand nicht! Gib es weg! Sonst wirst du es büßen müssen! Gib es weg! Gib es weg! Gib es weg!"
Seine Stimme wird immer lauter, verzweifelter und angsterfüllter. Mein Herz rast, als ich sehe, wie die Angst in seinen Augen wächst.
Mit einem Ruck fällt die Kamera aus Melias Hand. Ohne nachzudenken, greife ich sie, und im gleichen Moment zieht Melia mich an der Hand. Wir laufen. Wohin? Keine Ahnung. Ich kann nur noch rennen, schneller als je zuvor. Meine Beine bewegen sich wie im Rausch. Melia ist hinter mir – oder dachte ich zumindest, dass sie es ist. Wir rennen um unser Leben, Hand in Hand, aber die Frage ist: vor was?
Ich will noch nicht sterben. Ich will leben. Ich will, dass Melia noch lebt. Ich will, dass das hier nur ein Albtraum ist. Ja, ein Albtraum, das muss es sein.
Knacks
Scheiße, jemand ist hinter uns. Es ist kein Albtraum.
Ich ziehe Melia weiter, ohne mich umzudrehen. Ich höre sie hinter mir, doch warum hört es sich so an, als käme sie immer näher?
„Lils, bleib stehen!"
„Komm schon, Meli, wir sind gleich da!", schreie ich, während ich sie weiter ziehe.
„Lily! BLEIB STEHEN!", brüllt Melia, ihre Stimme ist voller Angst.
Warum schreit sie mich an? Was passiert? Wir sind doch fast da.
Verwirrt drehe ich mich um. Ich drehe mich in die Richtung, in der ich dachte, sie zu sehen. Doch mein Herz bleibt stehen.
Melia ist nicht bei mir.
Warum ist sie so weit hinten? Warum bin ich plötzlich alleine?
„Melia, wenn ich dich nicht mitgezogen habe, wen habe ich dann...?", die Frage bleibt in der Luft hängen, verweht von der unheimlichen Stille des Waldes. Keine Antwort, nur das knirschende Geräusch der Blätter unter meinen Füßen.
Ich könnte schwören, ich habe ihre Hand gehalten. Sie war da, ich habe sie nicht losgelassen.
„Lily, du hast meine Hand losgelassen und bist dann wie ein Blitz gerast."
„Nein, das kann nicht sein. Ich habe deine Hand gehalten! Ich schwöre dir, ich habe eine Hand gehalten!", schreie ich verzweifelt. Doch Melia schaut mich nur mit einem fragenden Blick an. Sie hält mich für verrückt. Aber wessen Hand habe ich gehalten, wenn nicht ihre?
Der Wald ist still. Zu still.
Und der Junge... Jakob... Wo ist er?
„Jakob! Scheiße, Melia, wir haben den Jungen im Wald liegen lassen! Wir müssen zurück, um ihn zu holen!"
Ich will mich umdrehen, will zurücklaufen, als plötzlich etwas Kaltes meine Hand ergreift. Eine Hand, die nicht Melia gehört.
Melia spürt es auch. Ich sehe es in ihrem Gesicht. Ihr Ausdruck ist entsetzt, als sie nach Luft schnappt.
„Lils...", haucht sie. „Das ist nicht... das ist nicht deine Hand!"
In diesem Moment höre ich ein Geräusch. Ein leises, schmerzhaftes Geschrei.
War das ein Schrei? Nein, es kann nicht sein. Oder bilde ich mir das ein?
„Es war ein Fehler, das Ritual so spät zu beginnen und dann auch noch so feige zu sein, es nicht fertig durchzuführen..."
„EIN FEHLER!"
Die Stimme, die die Worte spricht, klingt so fern und doch so nah. Der Schrecken in ihr hallt in mir wider. Und plötzlich ist es nicht nur der Wald, der mich in den Wahnsinn treibt – es ist die Dunkelheit selbst, die mich verschlingt.
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Das Ritual
HorrorVorsicht! Dieser Text könnte alles verändern, was du bisher über Rituale und deren Konsequenzen geglaubt hast. Du hast es so gewollt... Es gibt ein Ritual - ein gefährliches Ritual, das das Leben kosten kann. Glaube nicht, was du hörst? Nun, es ist...
