4. Kapitel

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„Hörst du das auch, Melia?"

Melia sieht mich an, als wäre ich völlig verrückt geworden. Als hätte ich den Verstand verloren.

„Was?"

„Na diese Stimme."

„Lily, du machst mir langsam echt Angst."

Ihre Augen weiten sich, und die Besorgnis in ihrem Blick lässt meine Nackenhaare sich aufstellen. Wie kann das sein? Warum hört sie die Stimme nicht? Werde ich wirklich paranoid? Versteh es nicht... Kann ich mir das wirklich alles einbilden?

„Hast du wenigstens dieses ohrenbetäubende Geschrei gehört? Bitte sag nicht nein, sonst überlege ich wirklich, in eine Klinik für Gestörte zu gehen.", flehe ich sie an, meine Stimme zittert vor Panik.

Mit einem zögerlichen Nicken bestätigt sie mir, dass sie das Geschrei auch gehört hat. Ein letzter Funken Hoffnung keimt in mir auf. Ich bin doch nicht verrückt.

„MAMA, BITTE, ICH KANN NICHTS DAFÜR! NEIN!"

Ein lauter und dennoch schwacher Todesschrei durchbricht die Stille des Waldes. Wir erstarren. Eine unangenehme Stille breitet sich aus, als ob die Dunkelheit selbst die Luft um uns erstickt. Noch bevor ich begreifen kann, was gerade passiert ist, höre ich sie. Eine Klinge. Sie schneidet durch die Luft, zu nah, viel zu nah. Ein hartes, scharfes Geräusch, das durch die Nacht hallt. Dann der Schnitt – durchtrennt, was auch immer es war.

Mir bleibt der Atem weg.

Was noch schlimmer ist: Das Geschrei. Es klang wie Jakob. Und es kam näher.

„Das hast du aber gehört, oder Melia?"

Wir stehen eng umschlungen, unsere Körper zittern vor Angst, Tränen in unseren Augen, die wir nicht mehr zurückhalten können. Ich habe nicht bemerkt, dass ich weine. Wir weinen nie. Nur... nur wenn es wirklich schlimm ist. Und jetzt ist es schlimmer, als ich es mir je hätte vorstellen können.

Melia nickt stumm. Ihre Augen sind weit aufgerissen, als ob auch sie nicht fassen kann, was hier vor sich geht.

Schnell nehme ich meinen Autoschlüssel und ziehe Melia hinter mir her, wir rennen. Hand in Hand, wie eine Verabredung ohne Worte. Wir wissen beide genau, was zu tun ist – nur fort, fort aus diesem Albtraum.

Wir rennen, bis wir endlich mein Auto sehen. Ich reiße die Tür auf, setze mich hin und starte den Motor. Als sich Melia auf den Beifahrersitz setzt, schießen wir los. Die Straße ist leer, aber der Wald, der hinter uns liegt, scheint uns zu verfolgen.

„Ruf die Polizei an, das muss gemeldet werden!"

Mit zitternden Händen nimmt Melia ihr Smartphone und wählt die Notrufnummer. Das Piepen des Anrufs dringt wie ein Echo in den Raum.

„Ja, hallo, hier spricht die..."

„Sie müssen schnell kommen! Wir wollen einen Mord melden!"

„Madam, bleiben Sie ruhig. Wo befindet sich der Vorfall und wo sind Sie?"

„Verdammte Scheiße, ich sitze im Auto, fahre mit meiner Freundin weg, die Mörderin ist hinter uns! Sie hat uns beim Morden gesehen, und jetzt sind wir die Nächsten! Sie wird uns holen, aber wir kommen nicht mehr zurück, deshalb sage ich Ihnen jetzt, wo wir sind und was Sie wissen müssen."

Melia nennt schnell den Namen des Waldes und warum wir dort waren. Sie erklärt dem Polizisten, dass wir uns nicht sicher sind, ob Jakob tot ist. Doch unsere Namen, die bleiben im Dunkeln. Für uns gibt es keine Sicherheit mehr.

...

Zu Hause angekommen, schleppen Melia und ich uns verstört in unsere Zimmer. Unsere Körper sind erschöpft, aber die Angst hat uns noch immer fest im Griff. Ich wälze mich im Bett, kann aber nicht schlafen. Diese Stimme... sie verfolgt mich.

„Es war ein Fehler, das Ritual so spät zu beginnen... und dann auch noch so feige zu sein, es nicht zu Ende zu führen."

„EIN FEHLER!"

Diese Worte... immer wieder in meinem Kopf. Wäre es besser gewesen, das Ritual nie zu machen? Hätte ich einfach etwas anderes tun sollen? Etwas Vernünftiges? Irgendetwas, das uns diese Gefahr erspart hätte?

Ich schließe meine Augen, doch der Gedanke an Jakob lässt mich nicht los. Wir haben ihn da draußen im Wald allein gelassen. Ich höre seine verzweifelten Schreie immer noch in meinem Kopf.

Ich kann nicht mehr alleine schlafen. Ich schleich mich zu Melia, die in ihrem Bett liegt. Vorsichtig rüttel ich an ihr, flüstere ihren Namen.

„Melia..."

Keine Reaktion.

„Melia!"

Ich rüttel noch stärker, doch sie bleibt regungslos. Ein unheimliches Gefühl breitet sich in mir aus. Das ist nicht normal. Melia ist immer so – sie wacht auf, wenn man sie weckt, egal wie tief sie schläft. Doch jetzt? Keine Bewegung. Kein Geräusch. Nichts.

Langsam wird mir mulmig. Mein Herz schlägt schneller, als ich sehe, dass sie einfach nur da liegt. Still.

Kein Atemzug, keine Regung. Nur die Stille.

Ich lege mich neben sie. Die Kälte in meinem Körper wird immer stärker. Was ist hier los?

Die Dunkelheit hat uns verschlungen.

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Musik: https://www.youtube.com/watch?v=hWaNoK3gN6M

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