Innerer Fluch V

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Dr. Jekyll und Mr. Hyde

Die Erkenntnis traf ihn gut 15 Kilometer später. Mark fuhr rechts ran und dachte über seine Reaktion nach. Sein bester Freund würde so etwas nie machen, da war er sich sicher, aber leider erst jetzt. Scham ließ ihn erröten, denn die Angst von Sean war, seit diese Sache ihren Anfang gefunden hatte, immerzu echt gewesen und er hatte ihn nun in diesem Dilemma alleine gelassen. Seufzend setzte er den Blinker, wendete und machte sich auf den Rückweg.

„Jack!", rief er in den dunklen Flur hinein. Ertastete die Wand ab, bis er den Lichtschalter endlich fand. Dabei stampfte er in etwas Flüssiges. Er blinzelte ein, zwei Mal bis seine Augen sich an das grelle Licht gewöhnt hatten, doch da stoppte ihm der Atem. Ekel stieg in ihm auf, als ihm bewusst wurde, dass er Erbrochenes am Schuh kleben hatte, doch weitaus schockierender war das breite Messer aus seiner Küche, welches tief im Spiegel steckte,ein Wunder, dass derselbige nicht von dutzend Rissen und losen Scherben geziert wurde.

„Jack!", rief er ein weiteres Mal, diesmal jedoch zutiefst besorgt. „Stimmt etwas nicht, Mark?" Das war nicht Seans Stimme, stellte er nüchtern fest. Sie war zu herb und kantig, aber doch ähnlich. Unentschlossen blieb er im Flur stehen. „Es ist traurig seinen Freund im Stich zu lassen." Er kniff die Augen zusammen und erkannte eine Silhouette im dunklen angrenzenden Wohnzimmer; sie schien etwas in der Hand zu halten. „Woher willst du das denn wissen?", provozierte er. „Ist es denn nicht traurig,wenn der eigene Freund einen sterben lässt?" Wütend riss Mark mit einer galanten Bewegung das Fleischmesser aus dem Spiegel, welcher daraufhin klirrend in sich zusammen fiel und brüllte geradezu: „Was hast du Jack angetan?"

„Ist die Frage nicht eher, was er mir angetan hat?" Die Gestalt trat vor und man erkannte die grünen Haare, das markante Gesicht und, zumindest beidem einen, die charakteristische Augenfarbe. Doch der Rest entsprach nicht mehr dem Jack wie man ihn kannte. Getrocknetes Blut klebte an dem rechten Auge, welches zudem zu verklebt zum hinaus schauen war,seine Lippenfarbe war ein blasser Violettton, welcher an eine verwesende Leiche erinnerte und seine Züge zuckten unaufhörlich,als bestünden Probleme mit der Muskulatur. Nun erkannte man auch den Gegenstand in seiner Hand; es war die Schrotflinte vom Vorbesitzer,die Mark einfach auf den Dachboden warf, da er nicht gerade eine Vorliebe für Waffen hegte.

„Ich frage dich." Die Jack-ähnliche-Gestalt trat weiter vor, bis ihre Nasen sich beinahe berührten. Er hauchte ihm förmlich sanft ins Gesicht: „Könntest du deinen eigenen Freund erstechen?" Die Zeit schien förmlich stehen zu bleiben, während das Zucken langsam nachließ und Mark resignierend seine Waffe anstarrte. „Wer bist du?", fragte er in die Stille hinein. Sein Gegenüber lächelte mit einem Zug von Wahnsinn um die Lippen. „Die meisten würden mich wohl als Hyde bezeichnen, doch ich selber wäge mich in der Rolle des Jekylls."

Mark wusste genau, dass er nie das Leben seines Freundes aufs Spiel setzten würde, so ließ er mit einem endgültigem Klirren das Messer fallen. „So ist es gut und jetzt... VERDAMMT!" Der Aufschrei kam so plötzlich, doch Mark wusste sofort Bescheid, als er Seans-Doppelgänger wie wild umher hüpfen sah; Chica, sein treuer Golden Retriever, hatte sich in sein Bein fest gebissen. Es waren nur Sekunden bis dieser den Hund weggeschleudert hatte, doch es reichte aus, dass Mark das Messer wieder empor nahm und es im Bein des anderen versenkte, welcher erneut aufschrie, diesmal trug es jedoch eine andere Spur an sich; erschrockener, hilfloser und... mehr wie Jack. Mark kniete sich hin, neben den vermeintlichen Doppelgänger und umfasste das Gesicht; vermutlich eine sehr risikoreiche Aktion, dennoch bestätigte sich seine Annahme. „Oh, Jack, es tut mir so Leid."

...

„Eins muss man dir lassen, du hast ganz schön viel Kraft." Schwach lächelnd wandte sich der blasse Sean, so gut es ging, Mark zu. „Es tut mir..." „Wenn du dich noch einmal entschuldigst, kastriere ich dich mit dem Messer." Schwach lächelnd lehnte Mark sich zurück in die Kissen. „Ich verstehe immer noch nicht recht, was heute eigentlich passiert ist. Die im Krankenhaus empfanden es zudem auch als sehr unglaubwürdig, dass es ein Kochunfall war." „Du hast richtig gehandelt. Das war ich nicht, erst, als plötzliche Schmerzen mich aus meiner Ohnmacht zurückgeholt hatten."

Die tickende Uhr im Wohnzimmer zeigte an, dass es bereits nach ein Uhr morgens war, dennoch wollte keiner von den beiden anmerken, dass Schlaf angebracht wäre. Zu groß war die Angst vor einem weiteren Aussetzer der heutigen Art. „Etwas beschäftigt mich seit ich im Krankenhaus so lapidar abgefertigt wurde und mehrere Stunden auf deine Verarztung warten durfte... Du... Nein, ES sagte, dass es die Rolle des Jekylls einnimmt und in diesem Kontext habe ich mir überlegt, dass die vorgetragenen Sätze aus dem letzten Video möglicherweise Zitate aus dem entsprechenden Buch sind.", merkte Mark an.

Sean richtete sich abrupt auf, was mit einem schmerzhaften Ziehen im Bein bestraft wurde. Er stöhnte schmerzerfüllt, was Mark erneut erblassen ließ.Ein unangenehmes Ziehen machte sich in seinem Magen breit, wenn er daran dachte, was er seinem Freund angetan hatte. „Die Idee gefällt mir, aber was bedeuten die Buchstaben?" Sein Freund zuckte mit den Schultern und blickte wie ein geprügelter Welpe auf den Boden.

Gähnend rieb Sean sich die Augen. „Du solltest schlafen." Seine Augen weiteten sich. „Verdammt , nein. Lieber renne ich nackt durch eine Kaktus-Wüste." Schmunzelnd spielte Mark mit einem Kugelschreiber, welcher auf der Kante des kleinen Beistelltisch lag und versuchte sich das Szenario vorzustellen. „Du Schwein.", brummte Sean scherzhaft empört. „Ist es so offensiv,dass mein Kopfkino gerade eine Vorstellung gibt, mit dem tollen Titel: „Gehänge im Gestrüpp" mit dem großartigen Jacksepticeye in der Hauptrolle?" „Erstens ja, zweitens hört sich das an wie ein billiger Pornotitel." Prustend vergaßen sie für einen kurzen Moment ihre Probleme.

„Wir beide wären heute beinahe gestorben und doch lachen wir, wie zwei minderbemittelte Clowns. Was stimmt mit uns nicht?", merkte Mark,immer noch grinsend, an. „Alles, einfach, gottverdammt alles.Schließlich können wir uns mit uns selber unterhalten und es wäre dennoch ein zweiseitiges Gespräch." „Nun ja, so recht weiß ich nicht, ob das etwas gutes ist..."

Mark stand auf, streckte sich und blickte Sean fragend an. „Ich verstehe ja, warum du nicht schlafen willst, aber du solltest es zumindest probieren.Die ganze Lage spitzt sich immer weiter zu und wir brauchen unsere Kräfte, um dem Ganzen zumindest ansatzweise stand zuhalten. Würde es sich nicht so falsch anhören, würde ich dir ja anbieten, dass wir zusammen, entweder im Schlafzimmer oder im Wohnzimmer übernachten.Weißt du was, das Angebot mache ich trotzdem." Grinsend stand Sean nun auch ganz auf; nickend und anmerkend, dass er nur auf eine eigene Luftmatratze besteht. So machten sie sich auf, nach oben, während die Uhr im Wohnzimmer zur vollen Stunde schlug.

Innerer FluchWhere stories live. Discover now