Der Tod eines Einzelnen
Er wusste nicht wo er war oder warum, das einzige, was zu ihm drang, war ein ihm bekanntes Ächzen und Stöhnen. Sein Schädel dröhnte und sein Magen protestierte in Form von Übelkeit. Woher kam das Geräusch nur? Sein Blick wanderte ziellos umher, doch seine Augen wollten sich nicht an die Dunkelheit gewöhnen; aber dort, etwas entfernt von ihm, sah er den schwachen Schein einer Kerze. Seine Füße bewegten sich, er stolperte über einen vermutlichen Teppich, fluchte und rappelte sich auf, als das Wimmern stärker an sein Ohr drang. Es kostete ihn etliche Mühen voran zu kommen, doch das erschien ihm nebensächlich; immerhin litt sein Freund, in welcher Form auch immer.
"Mark?", keuchte die Gestalt mit den grünen Haaren, nachdem der Angesprochene ein weiteres Mal fluchend über irgendetwas fiel. "Jack, was ist passiert?" Endlich kam er an und erkannte wie ein Seil sich stramm in das Fleisch von Seans Händen drückte. "Oh Gott, du bist es wirklich!" Die Erleichterung traf ihn schwer, denn es bedeutete, dass die dunkle Persönlichkeit, die in ihm lebte, die Oberhand übernommen hatte und sie so beidesamt hier landeten. Wütend boxte Mark gegen den Heizkörper, an dem Sean gefesselt gegen lehnte. Dieser zuckte zusammen als befürchtete er, dass der Schlag ihm galt.
"Ich weiß nicht wie, aber irgendwie werde ich uns hier lebend heraus holen." Doch Sean schüttelte nur mit einem bedauerndem Gesichtsausdruck, zumindest soweit Mark erkennen konnte, den Kopf. "Was du auf der Straße gesagt hattest war richtig." "Nein!", brüllte er, während seine Finger zittrig am Seil hantierten. "Nein.", diesmal leiser, "Ich hatte nur eine gottverdammte Krise. Wer auch immer der Täter ist, wir sind es nicht. Wir sind genauso die Opfer, wie Felix es war. Und bei aller Liebe, ohne deine Hilfe schaffe ich es nicht. Ich werde verdammt nochmal wahnsinnig." Tränen fanden ihren Weg nach unten, während er es aufgab seinen Freund zu befreien. Vor Schmerz verzogen lehnte er sich zurück, so dass er Wange an Wange mit Sean saß.
"Ich wünschte, ich könnte dich trösten.", raunte Sean und spürte einen Druck in der Brustgegend, als würde jemand sein Herz langsam aber sicher zusammendrücken, nur um es ausbluten zu lassen. Das Leben kehrte zurück in Mark, denn mehr noch als seine eigene Haut wollte er den Menschen retten, der ihm genauso viel bedeutete, wie seine Familie, der ihn nicht für seltsam hielt, egal wie dämlich seine Ideen auch waren, sich für ihn einsetzte, wenn es nötig war und auch mal ernst sein konnte, wenn er es brauchte. Sein bester Freund würde heute nicht den Tod küssen, nicht solange er es verhindern konnte.
Rasch schnappte er sich, nachdem er endlich wieder sicher stand, den Kerzenstumpf, der schon so weit abgebrannt war, dass in ihm die Befürchtung aufkeimte, dass der Docht jede Sekunde erlischt. Mit schnellen Schritten kehrte er zum Ausgangsraum zurück, schritt die Wände ab und entdeckte zu seiner Zufriedenheit einen Lichtschalter, der tatsächlich funktionierte. Bleierndes Licht erhellte den Raum und er erkannte, dass es sich um ein Wohnzimmer handelte, mit vollständigem Mobiliar und sogar kleinen Dekorationselementen. Erst als er sich umdrehte, erkannte er den Küchenblock, der sich ebenfalls dort befand. Mark durchforstete die Schubladen, bis er ein Messer fand und kehrte umgehend zum kleineren Raum zurück.
Schmerzverzogen rieb Sean sich über die Hände und versuchte aufzustehen, doch er hatte schon solange dort gesessen, dass seine Beine nachgaben, als wären sie aus Gummi. Mark fing ihn an den Schultern ab und zog ihn dann in eine Umarmung. "Du glaubst gar nicht, wie froh ich bin, jetzt nicht alleine zu sein." Erst jetzt fiel ihm auf, wie übel zugerichtet Sean aussah. Das Auge annähernd blau zu geschwollen und eine aufgeplatzte Lippe. Mark runzelte die Stirn und wiederholte seine Frage vom Anfang: "Was ist passiert?" "Darkiplier hat mich in den Plan eingeweiht, auch wenn ich immer noch nicht recht verstehe, wieso er fast alle YouTuber tot sehen will, jedenfalls habe ich ihn zum Ende hin ein wenig unterschätzt..." Wankend trat er in das nun helle Zimmer und wartete auf Mark, der seinem Beispiel folgte.
"Ich habe mich zutiefst sicher gefühlt, einfach weil in mir Antisepticeye schlummert, aber anscheinend hatte es ihn nicht daran gehindert mich solange zu schlagen, bis ich halb an meinem eigenen Blut erstickt wäre und ohnmächtig wurde. Danach bin ich auf demselben Stand wie du." "Ich weiß nicht recht, was ich verstörender finde, dass wir gerade aufgenommen werden oder, dass da auf dem Tisch, neben dem Laptop eine Pistole liegt." "Ehrlich gesagt verwundert mich beides nicht mehr. Ich muss mit dir reden..."
Doch Mark hörte nicht mehr zu, er betrachtete mit einem gewissen Ekel in den Zügen die metallene Pistole, drehte und wendete sie und richtete dann seine Aufmerksamkeit auf den Laptop. "Mark, ich re..." "Oh mein Gott." Die Angst hätte realer nicht sein können, die aus seiner Stimme sprach. "Dann begrüßen wir wohl mal unsere Fans.", spuckte er ironisch aus und drehte das Display zu Sean. Dieser betrachtete zutiefst beunruhigt, wie sie nun Gast im Livestream waren und er konnte nicht anders, als darüber nachzudenken, wie es der letzten Person dort erging und was Darkiplier bei seinem letzten Schlag von sich gab; er wusste, dass er nun handeln musste.
"Mark...", seine Stimme klang so kläglich, wie er sich fühlte. Indessen suchte sein Freund den Raum ab, um die Webcam zu finden, jedoch ohne Erfolg. "Nein, ich will nicht hören, dass du aufgibst, wir werden nicht aufgeben. Wir werden hier rauskommen." "Aber..." Mark hob die Hand, ließ ihn so verstummen. "Oben in der Ecke ist ein Timer von zwanzig Minuten... Und mittlerweile befindet sich der Livestream auf jedem Account, egal wen ich anklicke. Das heißt, wir haben eine gute Viertelstunde, um einen Ausgang zu finden. Die Tür wird vermutlich verschlossen sein. Unsere Fans können uns leider nicht helfen, in der Kommentarsektion finde ich keine Anmerkungen. Es wurde wohl deaktiviert. Zunächst sollten..."
"MARK!" Er zuckte wegen dem harschen Ton zusammen, so kannte er Sean gar nicht, aber die Situation, in der sich die Beiden befanden konnte man durchaus als Ausnahme bezeichnen. "Darkiplier will, dass du mich sterben siehst, er will, dass du dich so sehr fürchtest, dass er die Kontrolle übernehmen kann und so den Startschuss zum Tod unzähliger Menschen geben kann. Du hast recht, wir müssen es beenden, aber nicht so, wie es dir und mir lieb wäre..." Erneut flossen Tränen. "Es tut mir so Leid Mark..." Sein Freund kam näher, schaudernd als er realisierte, worauf es eigentlich hinauslief und drückte Sean so feste es nur irgendwie ging an sich.
...
Es war ein Schritt, der Überwindung kostete, es war ein Schritt, der sie aus dem Leben holen würde, der sie dazu veranlasste lange in ihren Erinnerungen zu schwelgen, diese zu teilen und dennoch, war es eine Notwendigkeit. Sie konnten sich nicht beidesamt zur selben Zeit erschießen, so machte wohl einer den Anfang, doch diese Grausamkeit muss wohl kaum visualisiert werden. Mark machte den Anfang und noch während der erste Schuss gerade am Abklingen war, ertönte ein zweiter, denn schlussendlich lautet die Bilanz doch: Sollte der Tod eines Einzelnen mehrere vor demselben Schicksal wahren, so war es ein sinnerfüllter Tod.
Das Ende des Spiels
"Das war heftig." "Noch heftiger als "The Walking Dead" und das soll schon was heißen. Die Entscheidungen, die man treffen musste...das Ende...", stimmte Mark zu und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. "Unglaublich, dass es von Fans extra für uns gemacht wurde. Ihr seid die größten!" Sean leitete das Ende des Videos ein. "Der Zeichenstil war auch unglaublich, vielen Dank an die "FanCrapGroup" für diesen Tribut. Wobei ich ja sagen muss, dass ich eine Sache recht seltsam fand." "Du willst doch nicht kritisieren." Sean lächelte in die Webcam und wartete auf eine Antwort. "Es ist nicht wirklich eine Kritik, mehr ein Verständnisproblem; warum befand sich im letzten Raum eine Pistole?" Der grünhaarige YouTuber dachte sichtlich nach und merkte dann an: "Das hätten wir vermutlich herausgefunden, hätten wir am Ende die andere Entscheidungsoption gewählt... Wir können ja die Tage nochmal ein Video zu dem Spiel machen, mit anderen Entscheidungen." "Das hört sich gut an!" "Und wenn ihr das Video mochtet, dann schlagt dem Like-Button ins Gesicht, wie ein Boss und wir sehen uns im nächsten Video!" "Bye, Bye!"
Fast schon parallel, schalteten sie ihren Computer ab, nachdem sie sich voneinander verabschiedet hatten. Es war bereits spät und außerdem hatten sie zuvor schon an die zwei Stunden mit Bob und Wade gespielt, das war genug Aufnahmematerial für heute. Das sollte an diesem Abend nicht die einzige Gemeinsamkeit bleiben, denn fast zu selben Zeit, ohne, dass es jemand bemerkte, flimmerte jeweils der Bildschirm und ein letzter Satz war zu erkennen. Hast du mich vermisst? Genau wie in dem Spiel, doch wer würde sich schon noch am nächsten Tag an dieses kleine Fangame erinnern...

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Innerer Fluch
FanfictionEines morgens wacht Jack auf und stellt fest, dass er sich benebelt fühlt und sich in keinster Weise an die vergangene Nacht erinnern kann. Hinzu kommt auch noch, dass er auf seinem Kanal ein kryptisches Video findet, welches rätselhaft und zugleich...