Schlag 9

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Matthew war in der Schule noch nie gut in der Analyse von Literatur gewesen. Er hatte immer damit Schwierigkeiten, die Charaktere in den Geschichten zu verstehen. Sie schienen alle immer so gekünstelt, viel zu dramatisch und unsympathisch. Ja, Matthew hatte sich dabei erwischt sich beim Lesen mancher Bücher, zu wünschen, die Charaktere würden einfach alle abkratzen und Schluss aus. Das war es dann.

Denn wer braucht schon Charaktere, die nur herum jammern und nichts auf die Reihe kriegen?

Nun scheinen diese Ansichten auf die Welt der Literatur mehr als ironisch, als er hier sitzt, auf der Couch im Nirgendwo, William neben sich sitzen hat und innerlich herum jammert und nichts auf die Reihe kriegt.

Plötzlich erscheinen all die Charaktere, die er vorher so verachtet und nicht verstanden hatte, wie seine Seelenverwandten.

Gerade jetzt in diesem Augenblick, wo er hier neben William Handler sitzt und über sein Schicksal nörgelt, fühlt er sich wie einer von ihnen.

Nur ist er nicht in einer endlosen Tragödie gefangen. Er wird sich nicht einen Dolch in die Brust rammen oder sich zu Tode saufen.

Er würde hier sitzen bleiben und nichts tun, weil er anscheinend zu nichts anderem in der Lage ist.

Er fühlt sich nicht einmal nutzlos oder sinnlos. Er fühlt sich nicht gelähmt. Es fühlt sich eher an, als würde er gegen eine gläserne Wand klopfen, hinter der William sitzt. Und William sitzt da und liest sein Buch, während Matthew schreit und seine Aufmerksamkeit braucht. Aber dank des Glasas hört William kein einziges Wort.

Das soll jetzt nicht klingen, als gäbe er William Schuld an alledem oder allein an irgendwas. Denn er tut es nicht. Er gibt nicht einmal sich die Schuld. Er gibt der Wand die Schuld. Die Wand, die sich zwischen ihnen aufgebaut hat und mit keinem Hammer oder Sprengsatz entfernt werden kann.

Es ist einsam hinter seiner Wand und auch auf der Couch.

Wenn man Horrorfilme guckt, dann beginnt meist alles mit einer einsamen Hütte im Wald. Ein bisschen so wie diese hier. Vielleicht sogar genau diese. Und dann passiert irgendetwas schlimmes. Jemand kommt um oder das Haus hat einen Poltergeist und dann bluten die Wände.

Für Matthew Wellington ist das hier der reinste Horror: In der Mitte im Nirgendwo zu sitzen und nichts zu machen. Aber wirklich nichts.

Während William über seinem Buch hängt, eine Seite nach der anderen umdreht und seinen Kopf nur minimal beim Überfliegen bewegt, hat Matthew das Gefühl zu versinken.

Wie kann William das aushalten? Nichts zu tun? Es ist schrecklich. Er erstickt an der Stille und an dem Nichtstun. Er hatte sich versucht mit ein paar Magazinen abzulenken. Die, die so richtig auf Papier gedruckt sind, weil er ja kein Internet hat.

Dank William.

Er hört den Seufzer erst, als er schon aus seinem Mund geflohen ist. Ein demonstrativer Hilfeschrei mit einer Priese Vorwurf.

William blickt langsam auf und runzelt die Stirn. „Ist dir langweilig?"

Und Matthew will wirklich einfach nur schreien. Denn: Natürlich ist ihm langweilig! Was soll denn auch sonst sein? Sie machen nichts! Nichts!

„Etwas", lügt er.

„Oh", nickt William dann und legt das Lesezeichen zwischen die Seiten, bevor er das Buch zuklappt.

Matthew hält die Luft an.

„Wollen wir spazieren gehen?"

Bitte nicht. Das denkt Matthew. Spazierengehen ist noch langweiliger als hier herum zu sitzen.

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