ᴇʟᴇᴠᴀᴛᴏʀ ᴛᴀʟᴋ

207 42 67
                                    

Die Stimme des Typen klang ruhig, beinahe lässig, doch wenn ich das zugeben würde, hätte ich keine Ausrede mehr gehabt, für die Panik, die in mir gerade überzukochen schien.
Nichtsdestotrotz schaffte ich es irgendwie meine Hände zu heben mit dem Koffer in der Hand und nicht loszuheulen.

Vor ein paar Stunden meinte ich zwar noch es wäre egal, wenn ich verreckte... doch das war gelogen.
Wie sollte es anders sein.

Einmal Feigling, immer Feigling.
Die Lieblingshymne meiner Freunde aus der Schule. Auch wenn sie bei näherem Überdenken nicht wirklich Sinn ergab. Aber was sollte man schon von pubertierenden Möchtegern Poeten erwarten.
Die Zeiten von Goethe waren um, ob sie es einsahen oder nicht.

„Gib. Mir. Den. Koffer."
Der Kerl sagte es beinahe beschwörend, als wäre ich ein Hund, dem er versuchte einen Trick beizubringen. „Leg ihn auf den Boden und dann verpiss dich, bevor ich dir dein Gehirn wegpusten muss."

„Reizend", mischte sich nun auf einmal Yoongi ein, woraufhin der Kerl die Pistole umschwenkte und auf ihn richtete. Auch wenn ich mich deswegen schlecht fühlen sollte, atmete ich vor Erleichterung auf.

„Nein ernsthaft. Das waren sehr schöne Worte für jemanden der so... wie soll ich es nur sagen, ohne dass es gemein klingt?" Yoongi machte eine theatralische Handbewegung, bei der er fast unmerklich einen der Etagenknöpfe streifte. „Na egal... der so nach verwahrlostes Miezekätzchen aussieht. Weißt du, was ich meine, Bro? Ist echt nichts Persönliches, aber du siehst halt schon echt etwas aus, als würdest du in einer Mülltonne leben."

Ich verkniff mir eine Bemerkung zu dem langsam abblätternden Thug-Life-Schriftzug auf seinem eigenen Pulli. Das war unpassend.
Vor allem als mir auffiel, dass Yoongi sein Bein so langsam wie möglich zurück auf die Fußablage seines Rollstuhls zurücksinken ließ und die Lichtschranke des Fahrstuhls somit freigab.
In meiner Brust schien mein Herz zu explodieren, als Yoongi mir einen schnellen Blick zuwarf und ich endlich verstand, was er vorhatte.

So ein Idiot.
So ein verdammt schlauer Idiot.

„Schau nicht so traurig... ich hab nur das ausgesprochen, was alle gedacht haben. Sogar das Einhorn dahinten!"
Mit leuchtenden Augen nahm Yoongi seinen Fuß ganz herunter und riss den Arm hoch, um auf einen Punkt hinter dem Typen zu zeigen, was mir genügend Ablenkung verschaffte und in den Fahrstuhl zu hechten.

Auf die Sekunde genau schlossen sich die Türen des Fahrstuhls und der Metallkasten hob ab.
Das dumpfe Schreien des Kerls verstummte nach nur wenigen Augenblicken komplett.

„Du bist wahnsinnig", hechelte ich und ließ mich an der Wand auf den Boden heruntersinken. Yoongi lachte nur leise, als hätte ihn diese Aussage geschmeichelt.

„Kann ich nur zurückgegeben... wir kennen uns seit guten zwölf Stunden und schon ist uns die Mafia auf den Fersen..."
„Woher willst du wissen, dass es die Mafia war?"
„Bro..." Er machte eine kurze Pause, um mich mitleidig anzulächeln. „Es ist immer die Mafia."

Ich zog die Augenbraue hoch, sagte allerdings nichts weiter dazu.
Er war das perfekte Beispiel eines Menschen, den man einfach seinen Mist reden lassen sollte, um sich keinen Ärger einzuhandeln.

„Was machst du überhaupt hier? Und woher wusstest du, dass ich Hilfe brauche?", versuchte ich etwas vom Thema abzulenken, ohne blicken zu lassen, dass meine Panik noch immer nicht verraucht war und es das Ganze kein Stückchen besser machte, wenn Yoongi auf einmal anfing die Mafia da mit reinzuziehen.

„Jimin. Wir sind Bros. Ich weiß, immer wann du Hilfe brauchst."
„Zur Hölle, ich kenn dich seit etwa zwölf Stunden?!"
„Reicht aus."

Ich warf die Arme in die Luft und schüttelte den Kopf.
Wenn Yoongi keine Störung hatte, würde ich offiziell meinen Glauben an die Menschheit abschreiben.

„Na schön, du Langweiler. Ich bin neugierig geworden, weil du so schnell wieder abgehauen bist. Was ist eigentlich in dem Koffer, dass der Typ so eskaliert ist?"
Der Schwarzhaarige streckte einen Arm aus, als würde er erwarten, ich würde ihm das Gepäckstück hochreichen und beinahe hätte ich es auch gemacht, wäre mir nicht rechtzeitig etwas eingefallen.

„Woher soll ich wissen, dass ich dir vertrauen kann?"

Yoongis selbstsicheres Lächeln rutschte ihm aus dem Gesicht und verwandelte sich in melodramatisches Entsetzen.
„Warum solltest du mir nicht trauen können? Schau mich an." Er deutete auf den Rollstuhl.

„Du hilfst mir aus einer Situation, die im schlimmsten Fall damit geendet hätte, dass man uns beide auf eine Wache geschleift hätte. Du haust wortlos ab und keine acht Stunden später treffe ich dich wieder hier an. Auf einem Kreuzfahrtschiff für das weder ich noch du Geld haben konntest. Ich glaub, ich hab ganz gute Gründe", erklärte ich mich und legte schützend einen Arm um den roten Koffer. Am Ende steckte Yoongi noch mit dem Kerl unter einer Decke und würde mich gleich abstechen. Unwahrscheinlich, aber gestern dachte ich auch noch, dass ich heute Zeit haben würde Moby Dick endlich einmal anzufangen.

„Das sind wirklich gute Gründe. Ein paar Sachen hast du dabei allerdings nicht bedacht. Wie zum Beispiel, dass du - trotz meiner kleinen Hilfestellung - noch immer von einem Mafioso mit einer Knarre verfolgt wirst... und das auf einem Schiff von dem du ohne meine Hilfe nicht mehr herunterkommst."

Yoongi sagte diese Worte so ernst, dass ich mir auf die Unterlippe beißen musste, um nicht zu lachen.
Er war im übertragenen Sinne an einen Stuhl gekettet. Wie konnte er mir schon helfen?

„Ja ja. Lach ruhig. Unterschätzung gehört zu meinem Alltag", murrte der Schwarzhaarige und verschränkte die Arme, als wäre er beleidigt. Nur wich das aufgeregte Funkeln nicht aus seinen Augen, was in mir die Unsicherheit über meinen eigenen Standpunkt hochkommen ließ.

Yoongi hatte etwas an sich, was ich bis jetzt nur bei sehr wenigen Menschen gespürt hatte. Diese Art einer Aura, die mich in meiner Faszination fesseln konnte, wenn ich nicht aufpasste.

Wenn ich durch die Straßen von Seoul lief und zufälligerweise mit einem Menschen einen kurzen Blickkontakt aufbaute, bekam ich davon normalerweise keine Gedankenanstöße. Ich kümmerte mich nicht darum und hatte am nächsten Tag meistens vergessen, dass ich jemanden in die Augen gesehen hatte. Dass ich kurzzeitig die Möglichkeit hatte durch seinen Blick hinter die Fassade sehen zu können.

Bei Yoongi war es anders. Sein Blick brannte, auch wenn in ihm kaum erkennbare Emotionen lagen.
Er musste nicht einmal starren. Er musste mich nicht mustern, wie jeder Mensch mich musterte und in seinem Kopf in eine Kategorie einsortierte, damit ich ihm nicht mehr standhalten konnte.
Dass, was mich verunsicherte, war, dass ich in dem metaphorischen Funkeln der Augen genau erkennen konnte, dass Yoongi so viel mehr war, als der Thug Life Hoodie und sein Stuhl auf Rädern.

„Du bringst mich von diesem Schiff und ich vertraue dir... Deal?"

Yoongi starrte mich für einen Moment an, als würde er es sich doch noch anders überlegen. Mein Herzschlag stieg unkontrolliert an, wie immer, wenn ich eine Situation nicht einschätzen konnte.

„Deal, Bro."

Der Fahrstuhl hielt und die Türen öffneten sich. Ich hatte keine blassen Schimmer, wo wir uns gerade befanden, aber Yoongi fing zielgerichtet an, sich aus dem Metallkasten zu schieben und auf einen Gang einzubiegen.

„Aber vorher holen wir meinen Rucksack. Wenn meine Freunde bei der Mafia rausfinden, dass ich dir geholfen habe, dann will ich genauso wenig auf diesem Schiff bleiben, wie du gerade."
















Vielen Dank für die 1000 Reads. Ob es so aussieht oder nicht, mir bedeutet es eine Menge, dass diese Geschichte gelesen wird.

El Dorado  ⇢ Yoonmin [pausiert]Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt