Aus dem Augenwinkel sah ich die fast leere Schlange an der Supermarktkasse und wollte mich gerade anstellen, als ich bemerkte, dass eine Frau mit Kind, die noch kurz etwas hatte holen müssen, das Gleiche vorgehabt hatte. Ich ließ sie vor und belegte nach ihr das Band mit allmöglichen ungesundem Zeug und Backzutaten. Ausnahmsweise konnte man kein besonders vielfältigen und gesunden Einkauf bei mir erkennen.
Ich hob kurz den Blick vom Fließband und erstarrte.
Moment.
Ich kannte die Kassiererin doch.
Anscheinend blickte ich sie zu lange an, denn sie blickte mich ebenfalls erstaunt an.
"Oh hallo!", sagte Johns Mutter überrascht und ich erwiderte mit meiner besten gespielt netten, unbeeindruckten Stimme: "Oh hi!" und fuhr damit fort hektisch meine Dinge aus dem Einkaufswagen zu räumen.
Nach außen schien ich ruhig, doch innerlich explodierte ich förmlich.
Was sollte ich sagen?
Von einem bösen nichts sagen und ignorieren gingen meine Gedanken weiter zu traurigen Beichten, dass ich ihn vermisste, dass ich wissen wollte wie es ihm geht... Das mir das alles irgendwie leid tat.
Das alles wollte ich sagen, aber ich wusste es wäre falsch. Es würde mich verletzen. Deshalb spielte ich weiter das schwer gestresste überforderte nette Mädchen.
Ich wollte in der Situation die Starke sein.
Ich wollte, dass sie ihm später erzählte, wie nett und beschäftigt (und gut aussehend in meinem fast durchsichtigen T-Shirt und den süßen Shorts) ich doch immer noch war.
Ich wartete zudem die ganze Zeit darauf, dass sie ein Gespräch mit mir anfing, wie sie es immer getan hatte. Aber ich merkte ihr an, dass sie distanziert war. Sie versteckte die Abweisung ähnlich wie ich meine Gefühle hinter einer Wand Nettigkeit, es funktionierte jedoch nicht.
Ich überlegte kurz und es fiel mir wie Schuppen vor die Augen. Das letzte Mal, dass wir uns gesehen hatten war fast 1 1/2 Jahre her. Es war die Nacht, in der ich krank im Bett gelegen hatte und sie mich verzweifelt angerufen hatte, weil er sich hatte umbringen wollen. Die Nacht, in der ich trotz Krankheit zu ihnen gelaufen war und dann mit beiden überfordert im Wohnzimmer gesessen hatte.
Wo sie mir die Schuld zuschoben.
Wo ich jemanden vorfand, der fast nichts mehr mit der Person gemeinsam hatte, die ich mal geliebt hatte.Aber ich wollte stark sein, also wischte ich die Gedanken zur Seite und fragte stattdessen höflich: "Wie geht es dir?". Sie erwiderte klassisch: "Gut und Dir?". Ich erklärte, dass ich gestresst sei und auf die förmliche Nachfrage warum, erläuterte ich (zum Teil ein wenig übertrieben) meine momentane Situation und bekam als Antwort einen mitleidigen Blick. Innerlich hoffte ich, sie würde ihm jedes Detail erzählen.
"Oh hast du vor zu backen?", versuchte sie das Gespräch mit einem Blick auf die Backwaren zu retten. "Ja", sagte ich und lachte kokett. Eigentlich hatte ich nicht vor zu backen- zumindest nicht in naher Zukunft, aber natürlich wollte ich mit dem Zeug irgendwann backen. In meinem Hinterkopf flüsterte eine kleine Stimme, die wollte, dass ich sagte, dass ich einen Kuchen für den Geburtstag meines (leider nicht vorhandenen) Freundes backte. Aber so war ich nicht.
Also seufzte ich nur und sagte, dass ich mit Karte bezahlen wollte. Immer noch überfordert wollte ich die Karte in den nicht vorhandenen Schlitz stecken, bis ich den richtigen fand.
"Sorry, ich häng echt komplett", entschuldigte ich mich und wusste nicht, ob ich die Gestresste nun immer nur noch spielte oder wirklich war.
"Gar kein Problem. Sammelt ihr die Treuepunkte?"
Ich verneinte und ließ mir meine letzten Sätze, die ich schon von Anfang an geplant hatte zu sagen, auf der Zunge vergehen. Sie hatte sich bereits dem nächsten Kunden zugewandt, als ich sagte: "Noch einen schönen Tag und schöne Grüße an John."
Ihr Blick hob sich ein letztes Mal überrascht zu mir und sie murmelte etwas unverständliches. Ich konnte nicht sagen, ob sie es ihm sagen würde oder nicht. Ich drehte mich also mit immer noch wild klopfendem Herzen um, verließ den Supermarkt und dachte, dass ich mir wohl ein neuen Supermarkt suchen sollte.
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Stories about you and me - Kurzgeschichten
Short Story‚Eine Liebesgeschichte, die nie eine richtige war.' Ansammlung kleiner Geschichten über ein Mädchen und ein Jungen, die sich zur falschen Zeit liebten. Infos: Die Kapitel sind NICHT chronologisch geordnet. Manches ist mehr oder weniger wahr. Sucht...