Kapitel 1

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Kapitel 1

Mara Blanke


„Mein Gott, hab ich irgendeinen Feiertag verpasst? Die Leute sind heute wieder unterwegs wie die Heuschrecken auf dem Kornfeld!" Kopfschüttelnd setzte ich den VW Caddy vorwärts zurück in die Parklücke um den zwei SUVs, die gerade auf den Parkplatz des Supermarktes einbogen, die Vorfahrt zu gewähren. Gefühlt war jede einzelne Parklücke besetzt und mindestens zwanzig Leute liefen mit ihren Einkaufwagen hinter meinem Auto her. Eine Gruppe Rentnerinnen traf sich zum Plausch vor einem geöffneten Kofferraum und nun setzte der Fahrer neben uns seinen Wagen rückwärts, als der weiße Audi Q5 an uns vorbei gefahren war.

„Penner.", fluchte ich leise. Eine Sekunde zu spät reagiert.

„Tantchen, es ist Samstag. Die Lebensmittelversorgung bricht heute Abend um 22:00 Uhr bis Montagmorgen um sieben ein. Hab mal ein wenig Verständnis." Selena, meine sechzehn Jahre alte Nichte, fuhr sich mit der Hand durch ihr langes, strohblondes Haar, lachte.

„Oh, ich vergaß.", knurrte ich, ehe ich es endlich schaffte auszuparken und den Parkplatz des Einkaufscenters zu verlassen.

„Reg dich nicht auf. Seit März habe alle noch mehr Schiss sonntags zu verhungern." Sie grinste frech, nahm ihre grüne Einwegmaske vom Gesicht und legte den Kopf schief.

„Wenn das Haus nicht langsam mal wieder etwas voller wird, dann hab ich auch Schiss, sonntags zu verhungern.", gab ich bitter zurück und hielt vor einer roten Ampel. „Wobei: Nicht nur sonntags."

Seit März, seit Beginn der Corona Pandemie lief unser Geschäft schleppend. Wir besaßen ein kleines Hotel, dazu mehreren Ferienwohnungen und durch die ausbleibenden Gäste durch den Lockdown blieb auch unsere Kasse leer. Das Restaurant hatten wir mit Lieferservice über Wasser halten können aber dennoch hatten die Einnahmen gefehlt.

Scheinbar hatte ich aber zuvor gut genug gewirtschaftet, damit wir ein paar Wochen mit viel weniger Einnahmen über die Runden kamen- dennoch, langsam aber sicher brauchten auch wir wieder ein halbwegs normales Pensum an Gästen- zumal auch jegliche Veranstaltungen in den letzten Monaten nicht stattfinden konnten.

Ich hatte Hoffnung auf die Sommerferien, wir waren beinahe ausgebucht- aber man konnte zu diesen Zeiten nicht mehr voraussehen, wann was passierte. Vielleicht machte die Politik wieder alles dicht- man wusste es nicht. Doch ich war mir ziemlich sicher, dass es uns das Genick brechen würde, wenn wir nicht mindestens zur Hälfte ausgebucht warnen.

„Mara, das wird schon. Positiv denken."

„Mache ich doch.", gab ich zurück, die Ampel sprang auf grün und ich fuhr weiter. Wir lebten so weit draußen auf dem Land, dass ich durch zwei Ortschaften fahren musste, um zum nächsten Supermarkt zu gelangen. Oft verfluchte ich das- dann jedoch hüllte mich die ländliche Ruhe und die Schönheit der Natur wieder ein und ich war froh, in Schwalbenburg leben zu können.

„Heute kommen doch ein paar Gäste.", sagte Selena dann. „Weißt du, wer?"

„Die Baginskys.", antwortete ich, fuhr einen Schwenker um eine Verkehrsinsel und beschleunigte auf 60 km/h obwohl ich mich noch in der Ortschaft befand- doch das 70er Schild war vielleicht noch zweihundert Meter entfernt.

„Och nee, dieses alte Ehepaar, das jedes Jahr zwei Mal kommt, seit ich denken kann? Selena Kind, was bist du groß geworden." Meine Nichte äffte Frau Baginsky nach. Sie hatte Recht, es waren Stammgäste.

„Auch die bringen Geld, mit dem wir dann neue Nikes für dich kaufen. Sei höflich und mach deinen Job.", rügte ich meine Nichte. Sie half im Hotel mit, wo sie konnte du machte das wirklich vorbildlich für ihre sechzehn Jahre. Ich war unfassbar stolz auf sie, konnte mich immer auf sie verlassen.

Call me Mary / RAF CamoraWo Geschichten leben. Entdecke jetzt