Als ich aufwachte blendeten mich die Strahlen der Spätnachmittagssonne. Ich hatte fast den ganzen Tag verschlafen. Na toll, mein ganzer Schlafrhythmus war so was von am Arsch. In einem Morgenmantel gehüllt stieg ich die Treppen hinunter und ging in die Küche. Hungrig durchsuchte ich die Schränke und machte mir ein Sandwich mit dem ich wieder in mein Zimmer zurückzog.
Während ich in meiner Tasche nach meinem Smartphone suchte biss genüsslich in mein Sandwich das mit Käse und Gurken belegt war. Der Bildschirm leuchtete auf und zeigte an, dass ich eine SMS erhalten hatte.
Natalia, bis ich die Angelegenheiten in Amerika geklärt habe und nach London komme bitte ich dich keine Dummheiten anzustellen. Heute Abend bist du bei einem zukünftigen Kollegen Michael Freeman und seinem Sohn zum Abendessen eingeladen. Richard wird dich um 18: 30 Uhr hinfahren. Ich erwarte das du höflich bist, Mr. Freemans´ Sohn Thomas wird in die selbe Klasse wie du gehen. Es wäre gut wenn ihr euch anfreundet.
John Morgan
Das war doch nicht sein Ernst, oder ? Ich wollte nicht die Kollegen meines Vaters zu Abend essen und mich mit dessen arroganten Sohn unterhalten. Ich hatte schon dutzende von solchen Abendessen hinter mir. Es verlief immer gleich. Diskussionen über die Arbeit, Fragen was ich später mal machen wollte und rassistische Witze.
Genervt schmiss ich mein Handy auf das zerwühlte Bett und ging ins Bad, dass sich gegenüber von meinem Zimmer befand. Ich hatte keine Wahl, ich musste hingehen. Also stellte ich mich unter die Dusche und ließ Wasser auf meinen Körper prasseln. Das Wasser war so heiß, dass es mich fast verbrühte. Gedankenverloren betrachtete ich mein Handgelenk. Vor ein paar Monaten hatte ich mich in einem Akt der Rebellion tätowieren lassen. Mein Vater hasste Tätowierungen. Auf der Innenseite meines Handgelenks direkt dort wo die Pulsader sich befand, standen jetzt in geschwungener Schrift die lateinischen Worte Dum spiro spero. Solange ich atme, hoffe ich.
Ich mochte diesen Spruch. Solange ich atme, werde ich auf ein Leben hoffen, dass ich selbst gestalten kann.
Nach einer halben Ewigkeit stieg ich aus der Dusche. Meine langen Haare tropften auf den schwarzen Fliesenboden. Mein Blick fiel auf die Schere die auf dem Waschbecken lag. Ich hatte keine Ahnung was sie hier zu suchen hatte aber die Schere brachte mich auf eine Idee. Nachdem ich meine nassen Haare gekämmt hatte nahm ich die Schere vom Waschbecken. Mit entschlossenen Bewegungen schnitt ich mir die Haare auf Höhe der Ohren ab. Weißblonde Strähnen fielen mir auf die Schulter bevor sie auf dem Boden aufkamen. Ein paar vereinzelte Haare blieben auf meinem nassen Körper kleben.
Kritisch betrachtete ich meine neue Frisur im Spiegel. Es sah nicht schlecht aus, irgendwie erwachsener. Ich trocknete mich ab und schlüpfte in ein Kleid dass bis zu den Knien reichte und dessen lila Farbton schon fast schwarz wirkte.
Zurück in meinem Zimmer kramte ich schwarze Sandaletten und Make-up aus meinem Koffer. Meine inzwischen trockenen Haare stylte ich mit Haargel zu Spikes. Die ganze Aufmachung war so ziemlich das unpassenste das ich für ein Abendessen anziehen konnte aber das war genau meine Absicht gewesen. Ich wollte nicht länger das brave Mädchen sein das nach der Pfeife ihres Vaters tanzte.
Die Tür meines Zimmers öffnete sich und Richard verkündetet, dass er den Wagen vorgefahren hatte. Ich seufzte und schnappte mir meine Handtasche bevor ich nach draußen ging.
Ich stieg ins Auto und Richard fuhr Richtung London Eye. Es dämmerte bereits und das Radio spielte Musik aus den Charts. Als der Wagen vor einem neumodischen Haus hielt wäre ich am liebsten noch die ganze Nacht durch London gefahren, ich wollte dort nicht rein.
Langsam stieg ich aus und stieg fast schon in Zeitlupe die Treppen bis zur Haustür hinauf. >> Also dann, auf in die Höhle des Löwen<< , dachte ich als ich klingelte.
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Worldrambler
FantasyDie 17- jährige Natalia zieht nach London um. Sie hat einen reichen Vater den sie über alles hasst. Plötzlich trifft sie übernatürliche Wesen und ist bald in einen Kampf um Liebe, Macht und Freundschaft verstrickt.