🌸Konnte Tengen mich überreden?🌸

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„Dann lass es uns ausprobieren. Jetzt!"
Ich blinzelte ihn immer noch ungläubig an, während ich aus allen Wolken fiel und die Bombe immer noch schallen hörte. Er wollte mich allen Ernstes auf eine Dämonenjagd mitnehmen, obwohl ich selbst eine war und ich mich vor wenigen Jahren aus dem Geschäft der Jäger zurückziehen musste?! Wohl war mir dabei ganz und gar nicht. Ich fühlte mich unsicher, hatte seither keinen einzigen Kampf mehr ausgetragen und ob ich noch meine Donneratmung ausführen konnte, war bis jetzt ungewiss.
„Du hast doch einen Knall... Tengen, nein!", versuchte ich mich noch weiter herauszuwinden, jedoch beschlich mich bereits das Gefühl, dass ich da ohnehin nicht mehr herauskonnte.
„Nein, habe ich nicht", so seine ruhige Antwort auf meinen ihm angedichteten Knall, „hör mir zu, Kaori. Ja, ich könnte Shinobu oder Mitsuri fragen oder von mir aus auch jemanden von den Jungs, aber ich brauche bevorzugt weibliche Unterstützung, um tiefer in die verbleibenden Etablissements einzusteigen. Ich bin aber zu dir gekommen, weil du ganz genau weißt, wie prächtig wir Seite an Seite miteinander gekämpft haben. Ich kann mich blind auf dich verlassen, du liest mir praktisch meine nächsten Schritte von den Augen ab und genau das brauche ich. Und da du jetzt eine Dämonin bist, erhoffe ich mir dadurch so an noch mehr Informationen zu kommen. Vielleicht könnten wir sie ja in einen Hinterhalt locken. Hier geht es um meine Frauen, die mir mehr als alles andere wichtig sind. Ich bitte dich inständig um deine Unterstützung. Ich passe auch auf dich auf. Versprochen! Dir wird nichts passieren."
In seiner Stimmfarbe hörte ich deutlich heraus, dass er unsagbar besorgt war und auf meine Unterstützung verzweifelt hoffte. Ich konnte unmöglich nein sagen. Umgekehrt würde ich auch auf ihn hoffen, dass er mir geholfen hätte. Insbesondere, wenn Giyu in Gefahr gewesen wäre.
„So, so. Mich als Köder benutzen?", fragte ich skeptisch und verschränkte die Arme vor der Brust, „ich bin mir ziemlich sicher, dass die mich jagen werden und mich schnurstracks zu Muzan bringen werden. Das wird heikel, Tengen. Wenn das passiert, bin nicht nur ich in Gefahr, sondern die ganze Mission."
„Verwechsel deine Hilfe nicht damit, dass ich dich als Köder benutzen wollen würde. Das ist hier überhaupt nicht der Fall. Dann würde ich mich lieber anstelle aus ködern und das als Säule, was denen genauso gut gefallen wird. Das machen wir aber beide nicht. In erster Linie möchte ich zunächst den Dämon überhaupt ausfindig machen. Ich kann leider auch nicht mehr davon ausgehen, dass es sich um einen niederrangigen Dämon handelt. In dem Viertel mussten bereits etliche Menschen ihr Leben lassen und das innerhalb kürzester Zeit. Versteh mich nicht falsch, Kaori. Ich würde dich niemals diesen Monstern ausliefern wollen. Hingegen kann ich mir aber durchaus gut vorstellen, dass ich mir deine dämonischen Kräfte zur Nutze machen kann und mir enorm helfen werden. Im positiven Sinne."
Ich neigte nachdenklich den Kopf zur Seite. Ich traute Tengen jedes Wort, was er gerade sagte. Er war ausnahmslos ehrlich und aufrichtig. Niemals hätte ich an seinen Absichten gezweifelt – ganz im Gegenteil, ich hätte mich auch sogar als Köder zur Verfügung gestellt, wenn es darum gegangen wäre, seine Frauen wieder in Sicherheit zu wissen. Zudem vertraute ich ihm auch mein Leben an. Umgekehrt konnte auch er auf diesen Tribut zurückgreifen. Ich wusste, dass auch Tengen mir ein solch hohes Vertrauen entgegenbrachte und er bei mir ebenso sicher war. Dennoch stand mir meine Unsicherheit wie eine Schutzmauer vor dem Weg.
Und der Plan gefiel mir ganz und gar nicht.
„Hmm ... ", nachdenklich nippte ich erneut an dem Sake, doch bloß nur, um daraufhin zu husten.
„Bääh, schmeckt das widerlich", beschwerte ich mich angewidert, musste ein Gesicht aufgelegt haben, als hätte ich in eine Zitrone gebissen, woraufhin ich Tengen ein aufsteigendes Prusten entlocken konnte.
„Eben hast du doch auch einen Schluck davon getrunken. Warum trinkst du das dann?", fragte er belustigt, ehe er doch anfing, mich auszulachen.
„Weil ich es früher auch schon getrunken hatte. Mein Geschmack als Dämonin hat sich leider vollkommen verändert", lachte ich mich selbst aus, weil ich ganz genau wusste, dass es passieren würde.
„Och, Kaori", schenkte er mir noch belächelnd sein Mitleid, „du versuchst immer noch menschlich zu bleiben."
„Um jeden Preis", bestätigte ich seine These, „aber wieder zum Thema zurück. Es ist nicht so, dass ich nicht mit dir kämpfen wollen würde oder ich dir nicht vertraue. Ich habe einzig und alleine kein Vertrauen in mich selbst. Der letzte Kampf liegt nun schon ein paar Jährchen zurück. Ich bin kein Mensch mehr, ich weiß nicht mal mehr, ob ich meine Atmung richtig einsetzen kann. Ob ich überhaupt kämpfen kann und dann haben wir es höchstwahrscheinlich noch mit einem hochrangigen Dämon zu tun? Versteh mich nicht falsch, Tengen, ich würde sofort mit dir in die Schlacht ziehen, du weißt, wie aufmüpfig ich bin, aber gerade habe ich einfach nur das Gefühl, dass ich dir dabei mehr eine Last sein könnte, als dass ich dir helfen würde. Und dass euch auch nur irgendetwas passiert, kann ich nicht einfach so in Kauf nehmen – schon gar nicht, wenn es meinetwegen ist."
„Sei dir gegenüber doch nicht so skeptisch. Hast du schon vergessen, wie glanzvoll du im Kampf warst? Wie geschickt und unglaublich schnell du deine Gegner erledigt hattest? Du bist nicht ohne Grund zur Säule aufgestiegen. Ich will dir dabei helfen, dein Selbstvertrauen wieder zurückzuerlangen. Gib dir doch selbst die Chance und den Versuch. Ich bin mir sicher, dass es klappen wird."
Wer konnte seinem bittenden und auffordernden Blick schon nein sagen? Für einen kurzen Moment vergaß ich alles um mich herum und stellte mir vor, wie dieser Kampf wohl hätte ausgesehen. Hätte ich an der Front gekämpft? Wäre ich dieses Mal im Hintergrund? Würde ich die Mission gefährden und mich derart ungeschickt anstellen, dass ich von meinesgleichen ausgelacht worden wäre? Oder gar gefangen genommen wäre? Das hätte ich gewiss nicht gewollt. So darüber nachgedacht ...
„Meinst du, ... Jetzt wo ich eine Dämonin bin, dass ich vielleicht sogar noch stärker bin?", fragte ich mein Gegenüber, mit mir selbst hadernd, der eine Augenbraue in die Höhe zog.
„Aber na sicher. Dämonen sind im Grunde unverwundbar, unglaublich schnell und agil. Im Gegensatz zu uns Menschen sollten Dämonen uns doch haushoch überlegen sein. Denk doch mal nach, Kaori. Du bist eine Säule, eine von denen, die die Stärksten sind. Mit einer besonderen Atemtechnik als auch Kampfstil. Du kannst jetzt beides vereinen, was nun mehr bedeutet, dass du im Grunde genommen unbezwingbar wärst."
Geschlagen stieß ich einen ordentlichen Schwall Luft aus, „gut. Dann gehe ich mich mal fertig machen, denn im Kimono zu kämpfen stelle ich mir als äußerst schwierig vor."
„Na geht doch. Das wird prächtig", glänzte er freudig. Hoffte ich auch.
Sogleich tat ich, wie ich sagte und erhob mich von meinem Platz, um in mein Schlafgemach zu verschwinden.

Geschwind an meinem hübsch hergerichteten Futonbett vorbei, ließ ich auch hier zunächst die Sonne hereintreten, indem ich das Fenster freiräumte. Gegenüber meiner Ruheoase stand ein großer Wandschrank, an dem mehrere große Spiegel angebracht waren. Aus diesem fischte ich meine dunkelblaue Hashira-Uniform heraus. Es fühlte sich wahrlich komisch an, diesen Stoff nach all der Zeit wieder in den Händen zu halten. Nicht umhin, weil mir tausende vergangene Szenen wie ein Blitzeinschlag vor mein inneres Auge einschlugen. Nein, es hingen immens viele Erinnerungen an dieser Kleidung, die ich dabei immer trug. Gute sowie schlechte. Sogleich ich den Kimono niedergelegt hatte, schlüpfte ich in die Uniform. Alleine schon das Anziehen heimste mir ein großes Gemisch an Gefühlen ein. Wie oft ich darin schon mein Leben verloren hätte...
Ich war gewiss keine schlechte Kämpferin, ich war bloß nur zu aufmüpfig. Hatte gerne auch mal meinen Gegner unterschätzt als auch über die Stränge geschlagen und mich in brenzlige Situationen gebracht. Man hätte schon fast sagen können, dass ich eine Meisterin darin war, nahezu kopflos ins Geschehen zu rennen, jedoch hatte ich so die meiste Erfahrung sammeln können. So das ein oder andere Mal wurde ich dann doch Gott sei Dank von meinen Unterstützern gerettet. Insbesondere von Giyu sowie Tengen und teilweise auch von Sanemi und Obanai. Gleiches galt auch für sie. Auch ich hatte ihnen schon des Öfteren aus der Patsche geholfen. Wir nannten es Teamwork, aber verglichen mit dem, wie oft ich in der Klemme saß ... Na ja, ließ ich das mal so in meinem Kopf stehen.
Den letzten Knopf oben zu geknüpft, wandte ich mich zum Spiegel um. Der Anblick erschlug mich und machte mich sprachlos.
Es war unsagbar ungewohnt, obwohl ich bereits etliche Jahre in dieser Kleidung unterwegs gewesen war. Aber gerade war es vollkommen ... Seltsam?!
„Ein Dämon hat nichts in unseren Kreisen zu suchen!" „Köpfen wir dieses Ungeheuer!!" „Werfen wir sie doch einfach in die Sonne, damit sie verbrennt!" „Wir dulden keinesfalls Dämonen unter uns. Wie kann es sein, dass wir uns stets mit unserem Leben in den Kampf stürzen und im gleichen Atemzug einen dulden sollen, Meister?!" „Wie soll ich, Dämonenjäger, eine Dämonin lieben? Ich hoffe, du trittst mir nie wieder unter die Augen! Verschwinde!"
Ich trat näher an den Spiegel heran. Ein Dämon in der Dämonenjäger-Uniform... Verständlich, dass alle damals dagegen und für meinen Austritt waren. Es tat weh, diese Worte erneut an den Kopf geknallt zu bekommen, auch wenn dies bloß nur eine Erinnerung war... Alle Säulen waren dagegen gewesen, mich weiterhin in ihrem Kreis zuhaben. Ich konnte es teils nachvollziehen, da ich wohl selbst diese Meinung vertreten hätte, aber nun diejenige gewesen zu sein, die es betraf, fühlte sich mehr als schrecklich an.
Geschickt befreite ich meine glatten mitternachtsblauen Haare aus dem Dutt, die mir letztendlich bis zur Hüfte reichten und in den Spitzen himmelblau verliefen und band mir einen Halbzopf. Bevor ich zur Dämonin wurde, waren sie kupferrot – was ich stets vermisst hatte. In meinen ultravioletten Augen zeichneten sich zaghaft die dämonischen Adern ab, die bei Wut an Intensität gewannen. Sie standen dem Nachthimmel nun mehr im Nichts nach, was auch vor meiner Verwandlung nicht der Fall war und deutlich ins Fliederfarbene ging. Ich bedauerte sehr, mich derart äußerlich verändert zu haben. Mein Erscheinungsbild war finster, fast schon deprimierend. Vermutlich konnte ich mich nie daran gewöhnen.
Ich griff nach den weißen Wickeln, mit denen ich meine Hose an meinen Knöcheln sowie Waden umband und legte mir meine Sandalen bereit. Fehlte nur noch meine kirschblütenrosane Haori, der nicht nur die Farbe der Kirschblüten hatte, sondern auch die Form dessen als Umhang, der mir bis zum Oberschenkel reichte. Jedoch verzichtete ich vorerst darauf, diese anzuziehen - es ging ja schließlich nur um ein Training.
Und nun das Letzte und mitunter das Wichtigste – mein Katana.
Zu all dem Gefühlschaos gesellte sich mein flauer Magen hinzu. Ich hatte mein Schwert seit meiner Verwandlung nicht mehr in den Händen gehalten. In jener Nacht, als ich vom Meister hierher gebracht wurde, war er so gnädig, es den Weg über bei sich zu tragen und es sicher in diesen Schrank zu verstauen. Zittrig reckte ich die Hand nach dem mondsteinfarbenen Stahl aus und nahm es am Griff aus dem Schrank. Ich hoffte innig, dass sich das Sonnenschwert nicht verfärbt hatte und zog es langsam aus der Scheide heraus.
Zu meinem Erstaunen passierte tatsächlich nichts. Es blieb in seinem hellblau-schimmernden Stahl gefärbt. Erleichtert drückte ich es gegen meine Brust und erfreute mich daran. Ich hatte felsenfest damit gerechnet, dass es sich verfärben würde, wenn ich es wieder in die Hand nahm. Geschickt verstaute ich es an meinen Gürtel, wie ich es einst Tag für Tag tat und bemusterte mich ein letztes Mal im Spiegel.
Nachdenklich holte ich tief Luft und stieß sie durch die Nase wieder heraus. In jenem Moment bedauerte ich es zutiefst, dass ich zu damaliger Zeit Muzan zu nahekam. Es hatte nur ein gewaltiger Hieb gefehlt und ich hätte ihn köpfen können, stattdessen war er mir haushoch überlegen und hatte mich mit seiner Krankheit namens – ich verwandle dich in einen Dämon – infiziert... Bastard! Wenn ich diesen Mistkerl noch einmal in die Finger bekam... Er hatte alles kaputtgemacht. Von dem einen auf den anderen Moment alles zerstört. Alles in Trümmern gelegt.
Durch meine aufsteigende Wut war mir gar nicht aufgefallen, wie krampfhaft ich mein Katana umschlossen hielt. Das beförderte mich augenblicklich wieder ins Hier und Jetzt. Das Training mit Tengen. Sollte er es wirklich schaffen, dass ich ein Stück weit meine Unsicherheit ablegen könnte, dann würde ich ihm selbstverständlich beim Kampf im Freudenviertel beistehen. Das stand vollkommen außer Frage, jedoch musste ich das erst einmal hinter mich bringen. Aber ob ich bereit war, gegen Tengen zu kämpfen? Ganz bestimmt nicht. Zumal ich hier auf dem Anwesen keine Holzschwerter hatte, mit denen wir uns nicht verletzen konnten. Ehe ich mein Schlafgemach verließ, stieß ich noch ein letztes Gebet in den Himmel, dass wir uns gegenseitig nichts Ernsthaftes antun würden.

Sogleich ich zu Tengen in den Garten ging, wurde ich von ihm genauso bemustert, wie ich es eben bereits tat. Nur mit dem Unterschied, dass er völlig begeistert aussah.
„Prächtig...", hauchte er verzückt, „dass ich meine Kaori nochmal in ihrer Uniform zu Gesicht bekommen würde, hätte ich nicht für möglich gehalten. Was habe ich diesen Anblick vermisst!"
Ich schmunzelte verschmitzt, „du übertreibst doch", und ließ seine Worte wie Butter runtergehen.
Geschmeichelt schenkte ich ihm ein Lächeln auf sein Kompliment und zog abermals galant mein mondsteinfarbenes Katana aus der Scheide und nahm meine Kampfposition ein.
Mir ging unweigerlich der Arsch auf Grundeis. Ich hatte schon so einige Trainingskämpfe mit den Säulen, auch bereits mit Tengen, aber heute war es grundlegend anders. Auch die Klangsäule nahm mir gegenüber ihre Position ein, umschloss mit festen Griffen ihre Nishirin-Klingen, die er auf mich richtete.
„Mach dich bereit", gab er mir seine Kampflust zu verstehen und blickte mir spitzbübisch in die Augen.
Ich schluckte schwer. Konnte ich nicht doch einen Rückzieher machen?!
„Aber bitte ohne deine explosiven Kugeln, ja?", gab ich ihm einen kleinen Teil meiner Angst zu verstehen.
„Natürlich", verstand ich gerade noch so, ehe er ohne Halt stürmisch auf mich zu raste und bereits seine Klinge gegen mich schwang.
Innerlich schrie ich vor Schreck und wich ängstlich nach hinten zurück, statt mich zur Wehr zusetzen und seinen Angriff abzublocken. Keine Spur von meiner Donneratmung oder meiner völlig konzentrierten Atmung. Als hätte ich diese niemals besessen. Tengen schlug indes weiter in meine Richtung, während ich weiterhin in meinem Fluchtverhalten gefangen war. Darin hatte sich meine volle Konzentration versteckt.
Ein gelungener Auftakt, um mich auf das Geschehene vorzubereiten – nicht. Tengen wurde schneller und seine Hiebe stärker, was mir immens Schwierigkeiten bereitete, dem standzuhalten. Laut klirrte und peitschte es zwischen uns, was einzig und allein von Tengen's Waffe ausging. Die Stimmung zwischen uns erschien zum Zerbersten angespannt und Tengen gewährte mir keine Sekunde, um mich mal eben kurz zu sammeln und zum Gegenangriff auszuholen. Im Gegenteil, es ging noch hitziger zur Sache als zu Beginn.
Komm schon! Ich musste doch was dagegen unternehmen! Seinen nächsten kommenden Angriff blockte ich endlich ab. Dicht hielt ich meine Klinge vor mein Gesicht, auf die Tengen eine Wahnsinns Kraft ausübte. Dieser Muskelprotz war unsagbar stark! Mit aller Mühe und jeglicher Faser meines Körpers hielt ich seiner Klinge stand.
„Denk an deine Atmung, Kaori! Du musst dich auf deine Atemtechnik vollkommen konzentrieren!", wies er mich akribisch an, „konzentriere dich, atme tief durch und erinnere dich. Lass dein Blut in Wallungen kommen und wärm dich auf. Ich weiß, du schaffst das!", zischte er wie ein Befehl.
Er hatte recht! Ich musste mich auf das Wichtigste fokussieren – meine Donneratmung.
Ohne seinem Blick auszuweichen, hielt ich für einen tiefen Atemzug inne.
„Donneratmung... Erste Form... Blitzender Donnerschlag!"
Die Luft um uns herum begann förmlich zu beben und zu knistern und ich entfaltete meinen ersten Gegenangriff. Meine gesamte Kraft bündelte ich sowohl in meine Beine als auch in meine Arme und stieß Tengen schwungvoll von mir. Ich spürte es! Meine Kraft und vollkommene konzentrierte-Atmung nahmen mich im Nu ein. Ich erinnerte mich wieder, wie energisch ich war. Welch Energie durch mich durchströmte, wenn ich mich vollends auf meine Atmung fokussierte und meine Kampftechnik einsetzte.
„Da bist du ja, Kaori! Endlich hast du wieder zu dir selbst gefunden!", erfreute sich Tengen, nahm wieder seine Kampfhaltung ein und kam mir erneut geschwind entgegen, „Klangatmung. Vierte Form. Endlose Echohiebe!"
Statt wie eben, wie ein scheues Reh auszuweichen, schnellte auch ich ihm energisch entgegen.
„Donneratmung! Sechste Form! Donner und Blitz!"
In rasender Geschwindigkeit prallten und stießen unsere Klingen aneinander. Es knallte und zischte unsagbar laut, gefolgt von einem ununterbrochenen Klirren. Keiner von uns gewährte dem anderen auch nur einen Treffer, was mitunter daran lag, dass ich darauf Acht gab, dies zu verhindern und Tengen keinen Schaden zuzufügen. Atemform um Atemform kämpften wir unerbittlich. Doch dann passierte es! Ein unvorhergesehener mächtiger Hieb Tengen's, den ich aus dem Augenwinkel vernahm und somit nicht mehr abblocken konnte, schnitt mir von der Seite tief in den Hals. Nicht realisierend und durch den hoch gepushten Adrenalinspiegel bemerkte ich zunächst keinen Schmerz, jedoch verfiel ich augenblicklich in Panik. Nicht meinen Hals! Wenn er mich jetzt geköpft hatte, war es aus mit mir! Auch Tengen unterbrach unverzüglich und ließ sogar seine Klingen zu Boden fallen.
„KAORI-II!", schrie er entsetzt und eilte zu mir.
Jetzt bemerkte ich den Schmerz, der sich rasend ausbreitete. Dazu bemerkte ich, wie mir mein warmes Blut über das Schlüsselbein in meine Kleidung floss. Mir wurde schwindelig und schlecht zugleich. In jenem Moment, als mich Tengen in seine Arme schloss, verließ mich auch schon meine Kraft und fiel auf meine Knie nieder.
„Nein, Kaori! Sieh mich an!", vernahm ich gedämpft und benommen von Tengen.
Ich lehnte mich kraftlos gegen ihn und schloss halb meine Augen. Mir ging es wortwörtlich beschissen. Mein Hals war zur Hälfte durchtrennt, weshalb ich ihn auch nicht mehr selbst halten konnte und gegen seine Brust stützte.
„Aus... Der... Son-ne", flüsterte ich schwach.
Sogleich hob er mich behutsam hoch und brachte mich ins Innere meines Häuschens.
„Beweg dich kein Stück!", wies er mich panisch an und bemerkte, wie er mich auf mein Bett niederlegte und umgehend das Fenster abdunkelte. Auch die Schiebetür hatte er in Windeseile zugezogen und setzte sich neben mich. Auch bemerkte ich, dass er mich zudeckte und begann mir über das Haar zu streichen.
„Es tut mir so leid!", wimmerte er, „das hätte nicht passieren dürfen! Bitte stirb nicht!"
Die Blutung stoppte allmählich und meine Wunde begann sich Stück für Stück zu schließen. Auch ging es mir von Moment zu Moment besser, ehe ich mich kurze Zeit später gänzlich regeneriert hatte.
„Geht's dir wieder besser, Kaori?", fragte mich die Klangsäule äußerst besorgt und zittrig.
Schwach, aber zufrieden lächelte ich ihm entgegen, da er über mir gebeugt war.
„Ja, mir geht es schon wieder besser, Tengen. Danke, dass du mich ins Dunkle gebracht hast", beschwichtigte ich ihn und umschloss sein Handgelenk, an welchem er seinen Fingerlosen Handschuh trug.
Seine Gesichtsfarbe hatte sich auch nicht mehr auf seinem Gesicht wiedergefunden. Er schien mir nach wie vor unter Schock gestanden zu haben.
„Scheiße! Kaori, das tut mir furchtbar leid! Ich wollte dich gewiss nicht angreifen oder ernsthaft verletzen! Das tut mir so schrecklich leid! Das musst du mir glauben!"
„Das tu ich. Mach dir mal keine Sorgen. Ich war auf diesen Schlag bloß nicht vorbereitet. Es ist nun mal so, dass ich mich nicht in der Sonne regenerieren kann. So an sich macht sie mir nicht mehr viel aus, aber meine Wunden heilen nicht am Tageslicht. Ja, ich hätte eben voll draufgehen können, aber es ist noch alles dran und mir geht's gut."
„Es ist noch alles dran", wiederholte er mich verärgert, „willst du mich auf den Arm nehmen? Ich war kurz davor gewesen, dir deinen Kopf abzuschlagen, wenn ich nicht mittendrin gestoppt hätte. Wie kannst du mir das verzeihen?! Ich hätte dich um ein Haar umgebracht, Kaori!"
„Jetzt dramatisiere das nicht so und verzeih dir das selbst, schließlich war es keine Absicht. Ich bin immer noch ein Dämon. Nur wenn er ganz ab ist, sterbe ich. Als Mensch hätte das eben schon anders ausgesehen, aber mir geht's wieder gut. Ehrlich! Und Vorwürfe mache ich dir auch keine. Es war meine Unachtsamkeit. Für eine Millisekunde war ich abgelenkt und habe diesen Schlag nicht kommen sehen."
Ich setzte mich ein Stück weit auf, woraufhin Tengen sogleich seine Arme um mich schlang und mich fest an sich drückte. Das schien ihm näher gegangen zu sein, als ich es vermutet hatte. Auch ich legte zaghaft meine Arme um ihn und strich ihm beruhigend über den breiten Rücken.
„Hast du wohl eben vergessen, dass ich kein Mensch mehr bin?", fragte ich sanft gegen seine Schulter, an die ich mich gelehnt hatte.
„Du bist und bleibst für mich immer ein Mensch. Ich kann und werde dich nicht als Dämonin ansehen. Ja, ich weiß es, aber es geht nicht in meinen Kopf. Also ja, ich habe es eben für einen kurzen Moment vergessen", gestand er sich nun endlich wieder gefasst ein.
Ein wenig löste ich mich aus der Umarmung, neigte den Kopf zur Seite, um ihm zu zeigen, dass noch nicht mal eine Narbe zurückbleiben würde, „siehst du, alles wieder heil. Bei mir brauch es eben nur Dunkelheit und etwas mehr Zeit als bei den anderen Dämonen."
Zart und behutsam, als würde die riesige Wunde dort immer noch klaffen, legte er seine Finger an mein Kinn und vergewisserte sich selbst im fahlen Licht, dass da nichts mehr zusehen war.
„Gott sei Dank", hauchte er erleichtert und blickte mir in die Augen, während seine Hand immer noch an meinem Kinn ruhte.
Auch seine Hautfarbe hatte es wieder zu ihm zurückgeschafft.
Ein überaus inniger Moment und nahezu perfekt, um mir einen Kuss von ihm zu ergaunern, jedoch war er der falsche Mann, der mir gerade gegenübersaß. Das hätte ich Giyu niemals antun können, auch wenn er mich abgestoßen hatte und es vermutlich keine gemeinsame Zukunft mehr gab.
„Erstaunlich, oder?", unterbrach ich diesen innigen Moment zwischen uns.
Ich hätte gelogen, wenn ich gesagt hätte, dass ich Tengen nicht unsagbar attraktiv gefunden hätte, der einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und einen anziehenden Beschützerinstinkt hatte. Auch mochte ich unheimlich gerne seine selbsternannte glanzvolle und selbstbewusste Art. Er war einzigartig. Dennoch gefiel es mir nicht, dass er bereits drei Frauen hatte, wenn ich romantisches Interesse gegenüber ihm gehegt hätte. Abgesehen davon hatte Giyu mein Herz bereits vollkommen für sich erobert. Und um ihm das wieder wegzunehmen, hatte es schon ein wenig mehr gebraucht.
„Ich bin einfach nur froh, dass nichts Weiteres passiert ist."
„Mit anderen Worten werde ich dich natürlich ins Freudenviertel begleiten. Ich bin mir zwar immer noch ein wenig unsicher, auch wenn das Training zwischen uns eben schon einiges in mir wieder geweckt hat, ist es trotzdem nochmal was anderes, gegen einen richtigen Gegner und Dämon zu kämpfen. Aber ich möchte das! Ich möchte dir bei dieser Mission helfen, Tengen."
Endlich hellte sich sein Gemüt wieder auf und es legte sich ein glückliches Lächeln auf seine Lippen.
„Ich danke dir, Kaori."
Ich schmunzelte, „dank mir erst, wenn es wirklich vorbei ist. Noch sind deine Frauen nicht in Sicherheit."
„Doch, alleine schon dafür, dass du mir doch deine Hilfe gewährst."
„Um ehrlich zu sein, kommt es mir ja doch eigentlich ganz gelegen. Ich muss ohnehin lernen, damit umzugehen, als Dämonin zu leben. Vielleicht nicht unbedingt als Dämonenjägerin, aber hey, jetzt ist diese Gelegenheit da und ich stürze mich einfach hinein."
„So wie immer. Planlos als auch kopflos. So bin ich es gewohnt."
„Bitte?!", empörte ich mich, „Ich hatte immer einen Plan! Sogar einen Plan B bis K wie Kaori!"
Wir lachten beide auf. Ja, ganz Unrecht hatte er tatsächlich nicht, aber meine Spontan-Pläne waren sagenhaft, wenn auch oft sehr gefährlich.
„K wie Kaori... Weißt du eigentlich, dass du mir unheimlich fehlst? Du hast so viel Freude und Liebe in unser Team gebracht. Eine richtige Frohnatur. Dich konnte man morgens aus dem Bett holen und du warst trotzdem immer gut gelaunt. Auch eben. Ich habe dir fast den Kopf abgesäbelt und du lächelst trotzdem und bist mir nicht böse... Selbst Obanai war total gerne in deiner Nähe, wei-"
„Ja-na halt die Klappe, Tengen!", unterbrach ich ihn geschmeichelt und legte ihm mein Zeigefinger auf den Mund, „ist gut jetzt. Das will ich nicht hören."
Ich konnte unsagbar schlecht mit Komplimenten über mich oder meiner Person umgehen. Das lag einzig und allein daran, dass ich mich nie so sah, wie andere mich wahrnahmen. Auch wenn ich es teilweise irgendwo gerne gehört hatte, aber zu viel war einfach zu viel.
„Ich meine es ernst", nuschelte er an meinem Finger vorbei, ehe er meine Hände mit seinen umschloss, „als du gegangen warst oder besser gesagt gehen musstest, habe ich mich mit den anderen Säulen und dem Meister an einen Tisch gesetzt und mit ihnen darüber gesprochen, dich nicht doch bei uns zu lassen. Ich wollte nicht, dass du gehst. Das wollte Mitsuri auch nicht, aber der Rest war strikt dagegen. Aber ich bin mir sicher und habe auch gespürt, dass es ihnen nicht leicht fiel, diese Entscheidung zu treffen. Jeden Tag habe ich mit mir gehadert, den Meister nicht schon früher zu fragen, wo ich dich finden kann. Aber auch ich war mir unsicher, ob ich überhaupt erwünscht war. Ich wusste bis vorhin nicht, wie du auf mich reagieren würdest, weshalb ich es nicht schon früher tat, nachdem alle sich darüber laut ausgelassen hatten, dass du gehen sollst. Doch jetzt, wo meine Frauen in Gefahr sind, habe ich meinen Mut zusammengenommen und bin hierhergekommen."
Er war also... Dagegen? Dagegen, dass ich nicht hätte gehen sollen?! Und er hatte zudem noch versucht, die anderen umzustimmen?
Ich konnte mich noch ganz genau an jenen Tag zurückerinnern, als beschlossen wurde, dass ich gehen sollte. Ich stand im Schatten, verdeckt von der Sonne, die mich zu jenem Zeitpunkt restlos verbrannt hätte. Vor mir, in einer Reihe, standen die Säulen als auch der Meister. Und schon prasselten die schweren Vorwürfe auf mich ein, der Wunsch danach, mich zu verbannen. Gar auszulöschen und mich zu töten. So daran zurückgedacht, war Tengen jener gewesen, der sich überhaupt nicht darüber äußerte.
„Du hattest nicht ein Wort dazu gesagt, oder?", wollte ich nachdenklich wissen, „an dem Tag, als wir alle versammelt waren. Ich stand unter dem Dach, geschützt vor der Sonne und es wurde beschlossen, dass ich mich verziehen sollte. Alle haben dafür gestimmt. Nur du nicht. Du hast kein einziges Wort gesagt. Stimmt das?"
Er nickte bestätigend. Diese Tatsache hatte ich leider nie bemerkt, beziehungsweise war mir gar nicht aufgefallen, weil die Negativität der anderen im Vordergrund stand.
Ich nahm ihm das keinesfalls übel, dass er nicht schon in der Situation das Wort für mich ergriffen hatte. Die Gemüter waren derart erhitzt, dass man sich sogar dafür entschieden hätte, dass Tengen geradewegs mit mir zusammen rausgeschmissen worden wäre.
Betreten schnaufte er laut die Luft aus, „aber es half alles nichts. Sie waren keineswegs umzustimmen. Seither ist es unangenehm schwierig zwischen uns. Dann fiel auch noch Kyojuro weg... Giyu scheint wie vom Erdboden verschluckt... Ach es ist alles so unerträglich angespannt. Ich bin so froh darüber, dass du mich begleitest und mir hilfst", spielte er darauf an, endlich dem Depri-Camp entflohen zu sein.
„Ich freue mich auch schon darauf. Wann willst du aufbrechen?"
„Am besten noch heute Abend!"


🌸Kaori, die dämonische Säule // Demon Slayer FF🌸Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt