Madelyn
„Weißt du, mein Kind...", beginnt er und zündet sich eine fette Zigarre an. Was ein Klischee. „Es wundert mich nicht, dass du keinen Anstand besitzt, sie hatte schließlich auch keinen." Meine Augen weiten sich von ganz allein, mein Herz pocht mir bis zum Hals. Er weiß, wer meine Mutter ist? „Wenn du mich so erschrocken ansiehst, siehst du ihr gar nicht mehr so ähnlich. Du bist ihr beinahe wie aus dem Gesicht geschnitten. Nur die Augen, die hast du von deinem Vater, nicht?" Diese Worte habe ich mir mein ganzes Leben anhören dürfen und noch nie haben sie mir so zugesetzt wie jetzt. „Was zur Hölle, geht hier vor sich?" Ich will vom Sofa aufspringen, doch der Mexikaner drückt mich an der Schulter zurück. „Ach Madelyn, es tut mir so leid für dich, was du alles durchmachen musstest. Erst der Tod deines Vaters, dann muss deine Mutter ins Gefängnis, du bist gezwungen bei deinem Onkel zu leben..." Der Zigarrentyp macht eine Kunstpause. „Wie tragisch. Vermisst du deinen Vater?" Ich nicke, bin viel zu verwirrt um richtig zu antworten. „Das verstehe ich. Ich habe auch schon viele wichtige Personen verloren." „Ich kann dem ganzen hier nicht so ganz folgen, ich..." Er hebt die Hand, um mir zu signalisieren, dass ich leise sein soll. „Lass es mich dir erklären, mein Kind. Vielleicht kannst du es dann besser verstehen." Meine Augen wandern durch den ganzen Raum, suchen einen Weg hier raus, eine Waffe oder irgendwas, womit ich mich befreien kann. Vergeblich. „Ich war eine lange Zeit sehr alleine.", beginnt er rau, immer noch auf seinem Sessel sitzend, mit der Zigarre zwischen den Fingern. „Meine Frau, seine Mutter" Seine Augen deuten auf den Mexikaner hinter mir und plötzlich sehe ich die Ähnlichkeit der beiden. „Hat mich verlassen und ist mit ihm abgehauen, diese miese Schlampe. Ein paar Jahre später traf ich die schönste Frau, die ich jemals gesehen habe. Wir verliebten uns ineinander und heirateten. In meinen Kreisen ist es völlig normal, nebenbei noch Spaß mit anderen Frauen zu haben, solange es eben bei Spaß bleibt." Langsam werde ich ungeduldig. „Können wir das Ganze abkürzen? Ich will nur wissen, warum ich hier bin und dann wieder gehen." „Immer mit der Ruhe, Madelyn. Alles zu seiner Zeit. Jedenfalls war ich eines Tages gerade auf dem Weg in einen meiner Clubs, als ich einen Anruf erhielt. Weißt du, was sie mir am Telefon sagten?" Sein Blick durchbohrt mich, ich hingegen verdrehe nur genervt die Augen. „Weiß ich nicht, nein. Aber das wirst du mir bestimmt jetzt verraten, nicht?" Er nickt. „Meine Frau wurde erstochen. Sie wollte gerade von der Arbeit nachhause fahren, als sie kaltblütig erstochen wurde." Plötzlich fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Kalter Schweiß sammelt sich in meinem Nacken, meine Kehle wird trocken und ich habe das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Er war Moms Affäre. Sie hat seine Frau ermordet. „Im Krankenhaus teilten sie mir mit, dass sie Schwanger war. Sie wollte es mir wohl an dem Tag erzählen, in ihrer Tasche wurde ein positiver Test gefunden." Fuck. „Ja Madelyn. Deine Mutter hat meine Frau und mein Kind ermordet. Vielleicht verstehst du jetzt, weshalb du hier bist." Sein Grinsen ist so unfassbar bösartig, dass ich eine ekelhafte Gänsehaut bekomme, die meinen ganze Körper erschaudern lässt. Natürlich verstehe ich, weshalb ich hier bin. „Du willst mich töten.", stelle ich trocken fest und sehe ihm diesmal direkt in die Augen. Er hat meine Angst sowieso schon bemerkt. „Ich will ihr das selbe antun, was sie mir angetan hat und dann würde ich am liebsten ihr Gesicht sehen, wenn sie in ihrer erbärmlichen Zelle die Nachricht erhält, dass ihre kleine süße Tochter nicht mehr unter uns weilt. Weißt du was? Ich glaube, ich überbringe ihr die Nachricht einfach selbst." Seine Stimme ist voller Hass. Keine Spur von Trauer. „Tut mir leid, dir das sagen zu müssen, aber..." Ich gebe wirklich mein Bestes um nicht vor lauter Angst anzufangen zu heulen. „Es wird meine Mutter einen Scheißdreck interessieren, was mit mir ist. Du würdest sie mehr verärgern, wenn du ihr ihre Drogen weg nehmen würdest, die sie ja bekanntlich im Knast eh nicht hat." Seine Augenbrauen wandert in die Höhe, seine Hand greift nach einem Handy, welches er mir vor die Nase hält. „Als sie von deinem Überfall und dem darauffolgenden Verschwinden erfahren hat, sah es nicht so aus, als wäre es ihr egal." Der Überfall? Sie weiß davon? Er weiß davon? „Du...du...", stammle ich wie ein erbärmlicher kleiner Angsthase. Als Antwort erhalte ich ein höhnisches Lachen, welches direkt aus der Hölle hätte stammen können, gefolgt von einem Blitzen in seinen grünen Augen. Die hat er definitiv seinem Sohn vererbt. „Ich mache mir für sowas doch nicht die Hände schmutzig, mein Kind. Dafür habe ich meine Leute, die übrigens beste Arbeit geleistet haben. Findest du nicht auch?" Ein kleines Schmunzeln kann ich mir nicht verkneifen, als ich daran denke, wie meine Männer sich um mich gekümmert haben, nachdem seine offensichtlich versagt haben. „Sie haben sich wirklich rührend um dich gekümmert, nicht wahr? Man hätte meinen können, sie wären wirklich besorgt um dich." Nein. Meine Sicht verschwimmt, als die Wahrheit sich wie ein Puzzle in meinem Kopf zusammensetzt. „Nein.", krächze ich. Das darf nicht sein. Er lügt. Er muss lügen. „Weißt du, Madelyn. Im Leben läuft es nicht immer so, wie man es sich wünscht." „Es war alles gelogen.", wispere ich, wie in Trance. „Natürlich war es das. Du glaubst doch nicht, dass du vom Ball fliehen konntest, weil du schnell genug warst oder? Du konntest fliehen, weil ich das so wollte. Ich wollte, dass Trevor dich im Wald findet und nachhause trägt, nachdem Caden dich krankenhausreif geschlagen hat. Du solltest denken, sie seien die Helden in deiner erbärmlichen Geschichte und das hast du. Du hast an ein süßes Happy End geglaubt, weil ich das so wollte. Alles hier passiert, weil ich es so will." Tränen rollen mir unaufhaltsam über meine Wangen, unkontrolliertes Schluchzen verlässt meine Kehle und ich glaube, ich schreie. „Es ist okay, dass du so reagierst. Genau so sah ich aus, als deine Mutter mir meine Frau nahm. Bald schon werde ich dich von deinem Schmerz erlösen, mach dir keine Sorgen." Eine Hand streichelt mir über mein Haar, eine andere über die Wange. Ich will das nicht. Ich will nicht, dass irgendwer mich anfasst, aber ich habe keine Kraft mehr, mich zu wehren. Ich werde sowieso sterben. Sollte er es nicht tun, wird es mein Herz sein, dass mich umbringt, denn es ist gerade in tausend einzelne Teile zersprungen. „Hass sie nicht, mein Kind. Sie sind keine bösen Menschen, ganz im Gegenteil. Ich habe sie vor dem Untergang gerettet und nun war es an der Zeit, sich dafür zu revanchieren." Ich schlage meine Augen auf. Sehe meinem potentiellen Mörder direkt ins Gesicht. Sehe, wie er mir eine schweißnasse Haarsträhne hinters Ohr streicht. Meine letzte Erkenntnis stürmt meine Gedanken wie ein heftiges Gewitter, bevor ich mental in ein tiefes schwarzes Loch falle. „Du bist also Ed."
Ende Band 1.
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𝐎𝐮𝐫 𝐆𝐢𝐫𝐥 - 𝘸𝘪𝘳 𝘣𝘳𝘢𝘶𝘤𝘩𝘦𝘯 𝘥𝘪𝘤𝘩
Romance„Du glaubst uns zu kennen, Madelyn. Doch das tust du nicht. Das wirst du niemals." - Vier Männer. Ein Mädchen. Zu viele Fragen. Zu wenig Antworten.
