Siamun
Ohne anzuklopfen öffnete er die Tür aus dunklem Eichenholz und betrat das Zimmer seines Bruders, dessen Blick sogleich auf ihm lag. In seiner Mimik konnte er einen Hauch Missbilligung sehen, doch dieser verblasste, kaum dass er ihn erkannte. Niemals würde er sich ihm in den Weg stellen oder sich beschweren. Daher schenkte Devas ihm ein freundliches Lächeln, während er seinen Bruder begrüßte. Siamun setzte seinerseits ein Lächeln auf und nahm unaufgefordert auf der Couch Platz. Trotz der Tatsache, dass er nun ein wenig kleiner wirkte, sah er elegant und majestätisch aus. Seiner Meinung nach war er der geborene König und konnte nicht verstehen, wie sein Vater das nicht sehen und dafür entscheiden hatte können, Devas den Thron zu geben. Es war nicht fair, es würde nie fair sein.„Es freut mich, dass du vorbei kommst, aber wie ich dich kenne, wird es dazu einen Grund geben. Was ist es diesmal?"
„Ich wollte mich lediglich erkunden, was du von der Idee hältst, dir eine Frau zu nehmen?"
„Ich weiß nicht." Devas klang unsicher, als würde er sich Sorgen machen worauf sein Bruder hinaus wollen würde. Diese dunkelgrauen Augen lagen ruhig und unerlässlich auf ihm, was dieses Unbehagen, das sich in ihm breitmachte, nicht verbesserte. Siamun wusste das, er konnte es spüren und er genoss es, jeden Augenblick davon.
„Du solltest dir Gedanken darüber machen Bruder, immerhin musst du inzwischen über zwei der drei Reiche herrschen. Das Volk wird irgendwann von dir verlangen, ihnen einen Nachfolger zu schenken." Er klang fürsorglich und vernünftig, nur wer genau in seine Augen gesehen hätte, hätte bemerkt, dass er sich am Leid des Jüngeren erfreute. Kurz überdachte dieser die Worte, ehe er darauf antwortete.„Darüber hatte ich nie nachgedacht, aber zählt mein Glück nicht auch? - Ich möchte die Frau heiraten, die ich liebe Siamun, wird mir das verwehrt?" Narr! Beinahe hätte er gelacht.
„Natürlich zählt dein Glück, doch als guter Herrscher musst du dein Glück hinter das Wohlergehen und das Glück deines Volkes stellen. Ich weiß, du zweifelst manchmal daran, ein guter Herrscher zu sein, aber Vater hat es nicht getan, also mach ihm keine Schande. - Liebe ist nichts, das man einfach findet, es entwickelt sich, also heirate ein paar Frauen und wenn du für keine von ihnen Gefühle entwickeln kannst, hast du immer noch die Möglichkeit, dir weitere zu suchen." Jedes Wort eine Lüge, genauso wie das liebevolle, zuversichtliche Lächeln auf seinem Gesicht.Nie wäre er der Meinung, Devas wäre ein guter Herrscher. Um das zu sein, war er zu naiv, zu manipulativ. Nicht so wie Siamun, er war perfekt dafür geschaffen König zu sein, nein, noch viel mehr, er war dazu bestimmt, die absolute Macht zu besitzen. Ob er seinen Bruder unglücklich machen würde beim Anstreben eben dieser Macht, war ihm herzlichst egal. Im Gegensatz, es war ihm alles recht und die Tatsache, dass dieser Narr davon träumte, sich zu verlieben, amüsierte ihn absolut. Liebe gab es nicht. Sie war lediglich ein Hirngespinst von Leuten, die ihr Leben verschönern wollten und keine anderen Ziele hatten oder haben. Aber um seinem Ziel näher zu kommen, hatte er keine andere Wahl, als Devas gut zuzureden und ihn davon zu überzeugen, dass es eine gute Idee für ihn sein würde, zu heiraten und dass er sein Glück dabei nicht verlieren würde. Seines Sieges war Siamun sich sicher, denn er hatte es bisher immer geschafft seinen Bruder zu überzeugen und er würde es auch diesmal nicht scheitern. Gerade diesmal nicht. Es hing zu viel davon ab.
Lange sahen diese eisblauen Augen des Jüngeren in die seinen. Heute würde er nicht einfach ja sagen, doch er sagte auch nicht nein. Schweigen, das war alles, was Siamun brauchte, um ihn überreden zu können. Hier war es zu heiß, zumindest seiner Meinung nach. Devas hatte die Vorhänge und die Fenster offen. Trotz der späten Stunde und der Tatsache, dass die Sonne bereits weg war, strömte warme Luft herein.
„Ich kenne dich und ich bin gut darin dein Verhalten zu interpretieren, aber wie darf ich dieses Schweigen auffassen?" Nebenbei öffnete er zwei der oberen Knöpfe seines Hemdes und entblößte damit ein Stück einer durch Muskeln perfekt geformten, blassen Brust.
„Es bedeutet, dass ich über deine Worte und meine Argumente nachdenke. Hier geht es nicht um ein einfaches Ja oder Nein, sondern um eine mein Leben beeinflussende Entscheidung."
„Wie lange hast du vor, darüber nachzudenken?" Von der Ungeduld, die in ihm war, ließ er sich nichts anmerken, weder in den Worten, noch in der Haltung oder in der Bewegung, mit der er in gekonnten Griffen seine Ärmel hochkrempelte.„Eine Weile."
„Was hält dich davon ab, jetzt eine Entscheidung zu treffen? Sie ist nicht weniger oder mehr entscheidend, als die Frage es war, ob wir das Feuerreich angreifen sollten."„Du hast recht." Devas stieß einen tiefen Seufzer aus und blickte weiterhin in diese dunkelgrauen Augen, die einem Sturmhimmel so ähnelten, aber keine Emotionen Preis gaben. Er blickte in diese unergründliche Tiefe und dachte über die Worte nach. Siamun hielt seinem Blick stand, denn er wusste, sein Gegenüber würde nichts in seinen Augen lesen können, sie würden ihm nichts von den wahren Hintergründen dieses Gespräches verraten oder von seinen Vorhaben, die in der Zukunft noch vor ihm lagen. Doch diese Farbe passte so perfekt zu seinem Charakter, denn er war genauso wie ein Sturm es war, ohne Gefühle und unberechenbar.
„Heißt das, du wirst heiraten?" Siamun ließ die Worte interessiert, aber nicht drängend klingen. Nun blickten sie sich wieder schweigend an. Sekunden wurden zu Minuten und er glaubte langsam daran, vom Jüngeren keine Antwort mehr erwarten zu können, als dieser wieder sprach.„Bevor ich darüber urteile, möchte ich noch eine Frage klären." So hartnäckig war er bisher noch nie. Diese Erkenntnis ließ Ärger in Siamun aufsteigen, aber da war noch etwas anderes. Es gefiel ihm, zu wissen, dass sein Bruder sich nicht so einfach einwickeln lassen würde, denn umso größer war dann das Gefühl des Siegens und am Sieg war er nah dran. Sehr nah.
„Diese wäre?"
„Wie suche ich mir meine Frau aus? Ich kann wohl kaum durch das Reich spazieren und jedes Mädchen, dem ich über den Weg laufe, ansprechen."
„Keine Sorge", ein Lächeln zeigte sich auf den Lippen des Älteren, während seine Stimme beruhigend klang, „das sollte dein geringstes Problem sein. Mein Rat an dich wäre, eine junge Frau aus den Reihen der Bürger des Feuerreiches zu heiraten, um dem deine Verbundenheit mit ihm zu demonstrieren. Und du magst recht haben, durch das Reich zu gehen und jedes Mädchen anzusprechen, das du triffst, wäre ein Ding der Unmöglichkeit, daher fände ich eine bessere Idee, die Kandidatinnen nach ihrem Äußeren zu wählen. Kennen lernen kannst du sie ja später noch immer."Er konnte erkennen, wie sein Bruder über seine Vorschläge nachdachte. Lange und gründlich, doch er wusste, dass er ihn bereits um den Finger gewickelt und überzeugt hatte. Devas würde heiraten und er würde seine Frauen genauso aussuchen, wie Siamun es ihm geraten hatte. Während der Jüngere angestrengt nachdachte, ließ er seinen Blick durch den Raum wandern. Auch hier waren all die Möbel in diesen hässlichen Rottönen gehalten, das Holz war hier jedoch heller als im Salon oder seinem Zimmer. Tatsächlich erinnerte es ihn an Beige mit einem Stich Weiß. In seinem Kopf ersetzte er gerade das Rot, durch ein leuchtendes Königsblau, in welchem er sich die Möbel ausgezeichnet auch in seinem Zimmer vorstellen konnte, als Devas ihn aus seinen Gedanken holte.
„Das wäre durchaus eine Möglichkeit, doch woher weiß ich, dass mir der Charakter dieser Frauen genauso gefallen wird?" In seiner Stimme schwang ein Hauch Besorgnis mit. Ihm war der Charakter so viel wichtiger als das Aussehen. Innerlich seufzte er tief und zum wiederholten Male beschimpfte er ihn in Gedanken mit einem abwertenden Narr.
„Das weißt du nicht, zumindest nicht mit Sicherheit, aber dich verpflichtet keiner, diese Frauen auch behalten zu müssen. Du kannst dich problemlos scheiden lassen und dir eine oder mehrere andere suchen, sollten sie deinen Anforderungen nicht entsprechen."
„Okay."„Okay?" Ungespielt gespannt sah er seinen Bruder an.
„Okay, ich werde heiraten, solange du mir bei der Auswahl behilflich sein wirst."
Kurz ließ Siamun eine Pause entstehen, damit sein Gegenüber den Eindruck bekam, er würde darüber nachdenken müssen. Doch im Gegenteil, er hatte genau darauf hinaus gewollt.
„Geht in Ordnung."Ohne ein weiteres Wort stand Siamun auf, verabschiedete sich kurz und ging davon. Des Blickes auf seinem Rücken war er sich bewusst. Das Lächeln, welches genauso echt war wie das einer Schlange und auf seinen Lippen lag, konnte Devas nicht mehr erkennen. Erneut hatte er sein Ziel erreicht, ohne dass der König auch nur den leisesten Verdacht hegte. Es war eines von vielen Malen, aber gewiss noch lange nicht das Letzte.
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Gefangen im ewigen Eis
ParanormalDrei Königreiche, eine Legende, ein machtgieriger König.... Siamun, der Prinz des Eisreiches, ist gewillt über Leichen zu gehen, um an sein Ziel zu gelangen. Freunde sind für ihn überflüssig und sein Bruder, der König, nur dazu da, ausgenutzt zu wer...