Doch dann hörte ich ein Klingeln. Und noch eins. Ich war nicht allein in der Schule. Schnell rannte ich zur Tür und klopfte gegen.
"Hilfe!!!", schrie ich lauthals. "Bitte!! Helft mir". Verzweifelt schlug ich gegen die eiserne Stahltür.
Nach einer Weile hörte ich auf zu schlagen. Es hatte keinen Sinn. Nichts hatte einen Sinn. Die Schule. Die Gesellschaft. Mein Leben.
Ich war den Tränen schon nah, als ich plötzlich erneut ein Klingeln hörte. Doch dieses Mal hörte es sich stumpfer an. Als ob es jemand abgedämpft hätte oder mit dem Finger auf die Lautsprecher drücken würde.
Ich ging durch den Raum und legte mein Ohr gegen die Wand. Vielleicht war es ja auf der anderen Seite. Vielleicht war da jemand ganz in der Nähe.
Mit einem Ohr an die Wand gepresst lief ich durch den Raum und versuchte die Richtung zu finden, aus der das Klingeln kam.
Es hörte für einige Minuten immer mal wieder auf. Aber nachdem ich die Hoffnung aufgegeben hatte, kam es wieder. Immer und immer wieder. Als ob es mir etwas sagen wollte. -Komm, Taya, komm-.
Nach ungefähr 10 Minuten führte mich das Klingeln zum Schrank von Jack Hufferman. Je weiter ich gen Schrank ging, desto intensiver wurde es. Lauter und lauter und lauter. Ich öffnete erneut die Schranktüren und schaute in das Gewusel von Kleidungsstücken, die ich durchwühlt hatte.
Da! Noch ein Klingeln. Es kam aber nicht von dem Schrank, sondern spielte sich viel mehr hinter dem Schrank ab.
Mit meiner ganzen Kraft schob ich den kleinen Schrank in die Mitte des Raumes. Der Schrank war sehr gebrechlich und alt. Besser gesagt steinzeitlicher Herkunft.
Ich klopfte meine Hände aneinander, da sie von Staub bedeckt waren, der vorher auf dem Schrank lag.
Kurz betrachtete ich noch den Schrank, bevor ich mich zu der leeren Stelle umdrehte, wo vorher der Schrank stand.
Nun schallte das Klingeln durch den ganzen Raum. Ein Lüftungsschacht. Meine Rettung.
Ich hob das schwere Gitter hoch und lehnte es an den Schrank an.
Es war schwer und rostete.
Ich blickte in den Schacht hinein.
Erneut ein Klingeln. Der Schacht war dunkel, aber das Klingeln musste daher kommen.
Die Dunkelheit hinterließ einen finsteren Schauer über meinen Rücken gleiten. Ich atmete tief ein und aus. Ein und aus. Eigenartiger Weise fing mein Herz wieder an zu pochen. Schneller und schneller. Es machte mir wohl dich mehr aus in den Schacht zu steigen, als erwartet. Ich brauchte Licht! Ich würde irgendeine Lichtquelle brauchen, wenn ich dort hineinkriechen würde.
Eine Weile hockte ich vor dem offenen Lüftungsschacht und überlegte, was ich als Lampe nehmen könnte.
Dann fiel mir ein, dass ich in dem Schrank von Mr. Hufferman eine kleine Taschenlampe gesehen hatte.
Schnell tappte ich zum Schrank und suchte nach der Lampe. Sie befand sich in einer Brusttasche eines blaukariertem Hemds. Ich musste ein paar mal gegen die Taschenlampe schlagen. Sie hatte einen Wackelkontakt. Das Licht der Lampe leuchtete schwach in das tiefe Dunkel des Schachtes.
"Eins, zwei..", ich schluckte und atmete tief ein, "..drei".
Langsam trat ich mit dem rechten Fuß in den Schacht. Es knarrte. Es knarrte so laut, dass es jeder im Umkreis von drei Meilen hören konnte.
"Eins, zwei, drei...", sprach ich mir erneut zu. Ich musste dort hinaus kommen. Ich hatte Hunger, Durst und mir war trotz der Jacke eisig kalt.
Ohne noch einmal zurück zuschauen, kroch ich hinein. Es war eng und bestärkte nicht gerade meine Platzangst.
"Eins, zwei, drei..", versuchte ich erneut.
Es war schwierig auf allen Vieren zu laufen, aber die Hoffnung war stärker, dass ich schnell daraus komme. Zehn, Zwanzig oder sogar dreißig Minuten kroch ich nun schon durch den Lüftungsschacht und versuchte ein Ausweg zu finden. Nichts. Nichts war zu sehen, zu riechen oder gar zu hören. Das Klingeln hatte auch aufgehört und alles was man wahrnahm, war das Knarren des Schachtes und mein Atem. Ich bemerkte, wie ich Panik bekam.
"Eins, zwei, drei..". Mein Zittern war kaum zu übersehen. Der Lichtstrahl von der Lampe wackelte wie verrückt.
"Vier, fünf, sechs...", vielleicht half ja die erweiterte Version meines Mantras.
Ich kniff meine Augen zusammen und dachte an die Insel. An den Strand. Die Stille. Nur ich.
Leider konnte ich nicht lange in meinen Gedanken bleiben. Ich musste hier raus und das schnellst möglich.
"Sieben, Acht, Neun..". Ich versuchte mich gleichmäßig fortzubewegen. Ein Schritt. Zwei Schritt... Es war, als ob es ein nie endener Tunnel wäre. Mir war, als ob ich immer wieder im Kreis krabbeln würde. Immer wieder. Rund herum. Kein Plan, wo ich war.
Einatmen, ausatmen. Ein und aus. Ein und aus.
Panisch schaute ich mach vorne.
"Los, Taya, los! Du musst hier raus!", sprach ich mir weiter zu.
Wie komme ich nur da raus? Und wie spät war es überhaupt? 20 Uhr? 23 Uhr? 1 Uhr? Es drehte sich. Alles drehte sich im meinem Kopf.
Ein Geräusch. Ein lautes, knallendes Geräusch. Es war jemand im Lüftungsschacht. Ich stockte. Wer bzw. was war da? Meine Hände fingen an zu zittern. Verdammt! Wer war da. Noch ein Geräusch. Es war in der Nähe.
Einatmen, ausatmen. "Eins, zwei, drei...". Ich durfte nicht stehen bleiben. Ich musste weiter. Sofort. Irgendwo musste es ein Ausgang geben. Irgendwo.
Wenn man es so sagen will, ich krabbelte um mein Leben. Ich hörte nur, wie es mich verfolgte. Es wurde schneller, schneller, schneller und schneller. Es knackte und knarrte. Ich wusste nicht, wo links und rechts, oben oder unten war. Alles drehte sich. Im Kreis, zur Seite. Ich wusste nicht, wo ich war. Alles was ich wusste war, ich musste da raus. Die Tränen floßen mir die Wange hinunter. Das Etwas, was mich verfolgte war dicht hinter mir.
Ich war eine Athletin, aber der Weg durch den Lüftungsschacht beanspruchte weit mehr, als nur Ausdauer.
Meine Arme und Beine taten weh. Meine Muskeln versagten stetig. Ich war am Ende.
Aus lauter Erschöpfung ließ ich die Taschenlampe fallen. Das Licht war nun hinter mir und die Dunkelheit umhüllte mich. Ich hörte, wie das Etwas gegen die Taschenlampe kam. Der Knall war unüberhörbar. Es war bald da. Ich hörte es. Ich spürte es. Es war da. Bei mir. Ich war es.
Schreien. Das Einzige, was half war schreien. Ich schrie und schrie und schrie. Es war ein nie endener Alptraum. Es half nichts. Ich musste schreien. Alles hatte sich aufgestaut. Es dröhnte. Es zischte. Es drückte. Es zog an mir. Ich wollte nicht. Alles zu viel. Viel zu viel. Es drehte sich. Rund herum. Im Kreis. Links. Rechts. Oben. Unten. Oben ist unten ? Oder unten ist oben? Alles vergessen oder verdreht. Ich weiß es nicht.
Nicht mehr da sein, dass wollte ich. Nicht mehr hier sein auf dieser Welt.
Meine Existenz war eh von keiner besonderen Bedeutung.
Es war ein langer Schrei. Ein sehr langer Schrei. Ich hielt meine Hände auf meine Ohren und krümmte mich.
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Novela JuvenilTaya ist eine Außenseiterin. In der Schule wird sie beleidigt, geschlagen und getreten. Aber auch zu Hause läuft es bei ihr nicht rund. Ihre Mutter ist meist nicht da und auch ihr saufender Vater beachtet sie nicht. Ihr einziger Lichtblick in ihrem...
