Als ich zu Hause ankam, merkte ich als erstes, dass meine Mutter nicht zu Hause war. Zweitens, dass eine ganze Menge Krempel auf dem Boden lag. Flaschen und Kleidung, mehrere Rucksäcke und Taschen, Plastiksäcke, Blätter. Ich hatte unsere kleine Wohnung noch nie so verdreckt und unordentlich gesehen und ich war geschockt. Naja, nicht sehr geschockt, weil ich wusste, dass meine Mutter unberechenbar war, aber es war schon ein weiterer Grund für mich, zu heulen. Ich fühlte mich schlecht, aber zuerst musste ich herausfinden, wieso das ganze Zeug überhaupt auf dem Boden lag. Es war in der ganzen Wohnung dunkel, deshalb öffnete ich die Fenster und lüftete durch, egal wie kalt es war. Ich musste ständig dem Krempel ausweichen, den meine Mutter überall hingeworfen hatte. Es lag mitten im Gang und in der Küche und als ich das Esszimmer betrat, bemerkte ich auf dem Tisch einen Umschlag, der mit meinem Namen beschriftet war. Ich war geschockt und wütend, als ich mir die Worte durchlas, die meine Mutter für mich geschrieben hatte, ohne an die Konsequenzen für mich zu denken. Sie hatte mich noch einmal verlassen. Und ich wusste nicht, wie lange sie weg sein würde. Sie hatte Geld dagelassen, eine Menge Geld. Vermutlich weil sie wusste, dass ich mir noch ein Auto zulegen musste. Alles war ein böser Traum und mir wurde schwindelig. Ich setzte mich hin und las mir die Worte noch einmal durch, die sie mit krakeliger Schrift geschrieben hatte und ich konnte noch immer kein Datum entdecken, wann sie zurückkommen würde. Ich sass also da und tat Nichts. Ich war gelähmt und war unfähig, noch einen klaren Gedanken zu fassen und alles, was mein Hirn gerade zu denken vermochte war: Sie ist weg.
Sie hatte mich schon viel zu oft verlassen, vielleicht war es ihr Weg, mit Problemen klar zu kommen. Sie hatte mich einmal für zwei Monate verlassen und einmal auch für drei Wochen. Ich tröstete mich mit dem Gedanken, dass sie bis jetzt immer auch zurückgekommen ist, obwohl ich weiss, dass die meisten Kinder diese Probleme gar nicht haben sollten, die meisten Kinder haben ihre feste Familie mit festen Traditionen und Feiern, sie essen Truthahn an Thanksgiving und geben sich an Weihnachten Geschenke. Sie essen am selben Tisch und helfen einander, als wäre es das selbstverständlichste überhaupt. Wieso sie das taten? Weil sie sich füreinander interessierten und sich liebten. Aber da gab es ja noch mit und die Scherben meiner Familie, die kaputteste und schrecklichste Familie der Welt, wo sich keiner mit dem anderen verstand, wo keiner auf den anderen aufpasste, wo es darum ging, den anderen so sehr zu verletzen, dass man gar keine andere Möglichkeit hatte, als zu flüchten. Das hatte meine Mutter einmal gesagt, und am Schluss erklärte sie mir, dass ich noch zu klein war, um zu verstehen, wieso sie immer wieder die Flucht ergriff.
Ich fragte mich, ob sie sich eigentlich im Klaren war, was sie da angestellt hatte. Ich war nicht mehr zu klein, sie hatte es mir trotzdem nie erklärt. Ich begann mich in diesem Moment zu fragen, was passieren würde, wenn sie zurückkommen würde, ob wir noch normal miteinander reden könnten. Als ich noch kleiner war, hatte sie einen Zettel dagelassen, mit der netten Aufforderung, ich solle doch zu meiner Grossmutter gehen, doch nun war ich an dem Punkt angelangt, an dem es meine Mutter besser fand, mich alleine in der Wohnung zu lassen. Ich wischte mir die Tränen aus dem Gesicht und ich fing an, etwas klarer denken zu können und meine Sicht war auch nicht mehr so verschwommen. Mir ging es nicht mehr darum, über ihren Verlust zu weinen, ich wollte Antworten und zwar würde ich sie nie bekommen, aber ich realisierte, dass es mir auch Nichts bringen würde, jetzt rumzuheulen. Ich zog mir meinen Parka an und beschloss, die Wohnung zu verlassen. Mein Leid wurde zwar nicht gehemmt, doch ich fühlte mich weniger ausgelastet, ich wollte durchatmen. Irgendwann versagt dann auch der Körper, wenn man psychisch nicht mehr kann. Kraftlosigkeit breitet sich aus, jede Bewegung schmerzt und nur ein paar Schritte gehen, ist schon furchtbar anstrengend. Die letzten Tage waren zwischen uns auch schon ziemlich angespannt und ich konnte es nicht ertragen, dass sie sich jetzt entschlossen hatte, zu gehen, aber ich könnte es jetzt nicht ändern und ich könnte jetzt auch nicht nur rumliegen und Nichts tun. Ich wusste noch immer nicht wo ich jetzt hinsollte, doch dann entschied ich mich, einfach nur spazieren zu gehen. Ich könnte vielleicht auch in den Kaffeeshop gehen. Ich holte mir bevor ich zur Schule ging dort manchmal meinen Kaffee und ich fand es relativ praktisch, dass er dort auf dem Weg lag, nur hatte ich immer noch das Problem, dass ich kein Auto hatte, und dass meine Mutter auch nicht da war, um mich zu fahren. Ich erinnerte mich wieder daran, dass ich eigentlich Nichts anderes zu tun hatte und ich deshalb so viel Zeit beanspruchen konnte, wie ich wollte, also entschloss ich mich zu laufen. Musste ich ja wohl oder übel. Bevor ich aber die Wohnung endgültig verliess, griff ich in meinem grossen Bücherregal nach meiner Taschenbuch Version von "Stolz und Vorurteil." Ich wusste, dass das Buch doch schon etwas klischeehaft herüberkam, doch ich musste versuchen, mich abzulenken und seit ich es September letzten Jahres gelesen hatte, war es eines meiner Lieblingsbücher, ich liebte Klassiker. Niall hatte immer Witze darüber gerissen, und obwohl er es immer nur liebevoll und spielerisch gemeint hatte, hatte ich immer das Gefühl, dass ich mit meiner Liebe zu Büchern alleine dastand. Ich griff nur noch nach meinem alten und kaputten iPod Touch und dann ging es los. Die Luft draussen war kalt und ich packte die Kante von Niall's Shirt um es noch weiter nach unten zu ziehen, denn den Parka, den ich darüber anhatte, gab auch nicht sonderlich warm. Ich erwischte mich selbst dabei, wie ich an seinem Shirt roch und ein kleines Lächeln über mein Gesicht huschte, wenn ich realisierte, dass es genau nach dem Aftershave roch, das ich ihm einmal zu seinem Geburtstag gekauft hatte. Niall war immer da, sagte ich mir immer wieder, er war immer da. Er hatte mich nie verlassen, er war mein Fels in der Brandung.
Nicht, dass ich Niall schon lange gekannt hatte. Nein, mein Gott, wir waren nur in der gleichen Chemie Klasse und auch in Literatur sassen wir meistens beieinander. Ich hatte oft das Gefühl, dass ich mehr von ihm wollte, aber gleichzeitig war ich mir nicht sicher, ob es vielleicht unsere Freundschaft zerstören würde. Jeder ist irgendwann bereit, zu sagen, was er sagen muss, weil es ihn sonst im Inneren verbrennt. Unausgesprochene Worte sind wie Magengeschwüre, sie tun weh und schlagen auf die Gesundheit. Nicht nur bei dem, der sie sagen sollte, auch bei dem, der vielleicht ein Leben lang darauf wartet, sie zu hören. Aber ich wollte nicht wie eine Bombe platzen und ihm erzählen, dass ich mir manchmal vorstellte, wie wir nebeneinander lagen oder er mich küsste. Ich wollte warten. Ich wollte warten, bis ich mir in meiner Sache sicher war um die Worte zu sagen. Ich schüttelte meine Gedanken wieder ab und drückte die Home-Taste auf meinem iPod, steckte die Kopfhörer ein und versuchte erfolglos, sie zu entwirren. Egal, dachte ich mir, als ich mir den Kopfhörer mit dem grossen Knoten in der Mitte ins Ohr steckte. Fast hätte ich vergessen, noch ein Lied einzustellen, doch es kostete mich nur drei Fingerbewegungen, meine Playlist zu öffnen. Zwei Sekunden später dröhnten die "The Jungle Giants" aus meinem iPod. Als hätte es nicht anders sein können, war es eine Band, die mir Niall einmal gezeigt hatte. Ich konzentrierte mich wieder auf die Kieselstrasse, auf der ich gerade lief. Die Kiesel waren nass und rutschig und ich rettete mich mit jedem einzelnen Schritt, nicht umzufallen. Zum Glück hatte ich heute meine Sneakers an. Diese Stadt erschien mir leer, abscheulich und beängstigend. Und das nicht nur, weil ich im hässlichsten Viertel lebte. Ich fragte mich: "Wohin soll ich gehen?" Und zwar war die Antwort der Kaffeeshop, doch ich hatte noch mindestens hundert weitere Optionen. Ich gab mir die Antwort: "Nirgendwohin, ich gehe ja spazieren." Aber ich konnte ja nicht spazieren gehen, ohne ein Ziel zu haben. Allein beim Gedanken, ziellos vor mich hin zu schlendern, überwältigte mich die Müdigkeit und erdrückte mich die Langeweile. Dann zog ich los und trug meinen Trübsinn in die Bar, die sich in meinem Blickwinkel auftat. Und ihr wisst auch alle wieso? Einzig und allein, weil meine Mutter nicht mehr da war, um mich aufzuhalten.
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The Final Moons / Harry Styles FF
FanfictionMae ist glücklich wie noch nie, als ihre Liebe mit dem stillen und mysteriösen Harry beginnt. Jedoch verschliesst er sich immer wieder, wenn es um seine Vergangenheit geht und Mae fragt sich, was er zu verschweigen hat. Als er sich mit anderen Jungs...
