Too Many Doors Online (kurz TMDO) ist ein "reales" Multiplayer-Game, in dem sich Sue das Ziel gesetzt hat die beste Spielerin zu werden. Doch das wird nicht so einfach - das Spiel läuft nämlich nicht ganz fehlerfrei.
Es war grade 12:34, als ich auf die Uhr in unserem Klassenzimmer schaute. Ich zählte jede Sekunde, bis wir endlich Schulschluss hatten. Seit genau vierzehn Minuten und elf Sekunden befand ich mich in der letzten Stunde des Tages und wollte mir dieses endlose Gerede nicht mehr anhören. Ich konnte es kaum erwarten nach Hause zu kommen und TMDO zu spielen - mich aus diesem langweiligen Alltag zu befreien und durchzuatmen. Unser Chemielehrer redete von irgendwelchen Formeln - okay eigentlich habe ich keine Ahnung von was er redete, ich konzentrierte mich vollkommen auf die Uhr, welche neben der Tafel hing. Nach einer Weile kam es mir so vor, als ging die Zeit langsamer um, wenn ich sie anstarrte. Plötzlich verdeckte mir etwas die Sicht. Ein dunkelblaues Hemd hatte sich dazwischen geschoben - ausgefüllt von dem Bierbauch unseres Lehrers. Er stand mit verschränkten Armen vor mir und schaute mich vorwurfsvoll an. "Sue, was habe ich grade gesagt?" Keine Ahnung. Dass der Unterricht zu ende ist? Okay das wohl eher nicht. Ich schaute ihn an und lächelte verlegen. "Wer kann es wiederholen?", fragte er genervt und setzte sich wieder hinter seinen Pult. Carolin meldete sich - Streberin. Sie war eine von den Schülerinnen, die beim Melden schnipsen und sich an die Stirn fassen, wenn jemand etwas Falsches sagt. Auch wenn ich nicht zu ihr herüber schaute, wusste ich, dass sie mich grade bemitleidenswert anschaute und sich ein Lachen verkniff. Deshalb versuchte ich gar nicht erst ihr zu zu hören und schaute wieder auf die Uhr. Die Stunde zog sich wie Kaugummi - länger und länger, bis mich das Klingeln der Schulglocke aus meinen Qualen befreite. Als ich endlich das Schulgebäude verlassen konnte, betrat ich eine eiskalte Welt, zumindest im Gegensatz zum geheizten Klassenraum. Ich zitterte und aus meinem Mund kamen beim Atmen kleine Wölkchen. Warum war dieser Winter nur so schrecklich kalt? Auf dem Weg nach Hause fiel mir zum ersten Mal dieses triste Pastell auf, in welchem die Stadt gefärbt war. Hochhäuser, Straßen, Himmel - alles grau und schneebedeckt. Früher hatte ich mich immer über Schnee gefreut, doch da ich nicht mehr darin spielte, sondern mir einen Weg hindurch zur Schule erkämpfen musste, war er schon lange kein Grund zur Freude mehr. Zu Hause angekommen zog ich meine triefenden Stiefel aus und schmiss sie in die Ecke. Ich streckte meinen Kopf zu meiner Mutter in die Küche, welche grade Mittagessen kochte. "Hallo." "Hallo Liebes, wie war die Schule?" "Ganz gut", log ich. "Schön. Setzt dich doch, das Essen ist gleich fertig." "Ich muss noch... Etwas für die Schule machen...." "Das kannst du auch später, jetzt wird gegessen." "Och Mama." "Keine Widerrede!" "Ist ja gut.", gab ich mich geschlagen und setzte mich an den Küchentisch. Kurz nach mir trudelten auch mein Vater und mein Bruder ein und setzten sich an den Tisch. Es roch nach der "berühmten" Lasagne meiner Mutter - herrlich. Sie stellte das Gericht in die Mitte des Tisches und nachdem sich jeder ein Stück genommen hatte, fingen wir an zu essen. Es war eigentlich eine Verschwendung die Lasagne herunter zu schlingen, doch genau das tat ich - eine Sünde. Ich konnte es einfach nicht mehr aushalten, das was ich da gestern in TMDO gesehen hatte - der blaue Himmel, grüner Rasen und eine lebendige Stadt - war so viel schöner als diese Realität. Ich starrte meine Familie an und fragte mich, ob sie dadurch schneller essen würden. "Geht es dir gut, Sue?", schmatzte mein Vater. "Sprich nicht mit vollem Mund, Lukas.", sagte meine Mutter zu meinem Vater und betonte es so, als würde sie mit meinem Bruder reden. "Ja klar, alles gut. Ich muss nur noch so viel lernen...", das war zwar schon wieder gelogen, aber das einzige was funktioniert hätte. "Was denn?", fragte meine Mutter misstrauisch. "Englisch... und Mathe, Biologie und Geschichte." War das zu übertrieben? "Das klingt aber viel, na gut, dann geh." Ein erleichtertes "Danke" platzte aus mir heraus, bevor ich mich langsam in mein Zimmer schleppte, damit es nicht so aussah, als ob ich mich auf das lernen freuen würde. Denn das würde mir keiner abkaufen. Es war ja schon verwunderlich, dass ich freiwillig lernte - da wollte ich nicht gleich übertreiben. Ich stürzte in mein Zimmer, machte die Tür zu und schloss ab. Nachdem ich mir den Helm aufgesetzt und mich auf mein Bett geschmissen hatte, schloss ich meine Augen. Irgendwie war ich aufgeregt - noch aufgeregter als beim ersten Mal. Als ich die Augen wieder geöffnet und das "Start" angetippt hatte, welches vor mir geschwebt hatte, stand ich plötzlich wieder in einer farbenfrohen Welt - mit strahlendem Wetter und duftenden Blumen. Ich schaute auf meine nackten Füße, welche den warmen Steinboden berührten und atmete tief ein und aus. Dort, wo ich das Spiel verlassen hatte, befand ich mich nun auch wieder - auf einem großen Marktplatz, mit vielen kleinen Läden ringsherum, welche bis in die einzelnen Seitenstraßen reichten. So, da stand ich also, in einer wunderschönen Stadt, aber was sollte ich nun tun? Ich wusste ja noch nicht mal richtig, um was es bei diesem Spiel ging, als mir die Lösung einfiel - es gab doch im Menü die Hilfe-Funktion. "Open Menü.", sagte ich leise und es erschien. Nachdem ich auf Hilfe gedrückt hatte, tauchte ein Smiley vor mir auf. Sollte das ein blöder Scherz sein? "Okay, und jetzt?" Kaum hatte ich die Frage gestellt, wurde sie mir von einer emotionslosen Männerstimme beantwortet. "Stell mir eine Frage." Ich drehte mich um. Wer hatte das gesagt? "Was?" "Stell mir eine Frage, du befindest dich im Hilfe-Menü." Ich schaute den Smiley wieder an. "Okay sag mir, was man als erstes machen sollte, wenn man neu in diesem Spiel ist." Der Smiley bewegte seinen Mund zwar unsynchron zur Stimme, doch er half mir weiter. "Kein Spiel - eine Realität. Für Neuankömmlinge gibt es Grundkurse, sie dauern nur wenige Minuten und sie lehren dich die wichtigsten Grundlagen dieser Welt." "Okay danke." "Stell mir eine Frage." "Nein danke, das wars." "Stell mir eine Frage, du befindest dich im Hilfe-Menü." Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass ich mit einer Wand redete und schloss das Menü wieder. Ich schaute mich um. Gut, jetzt musste ich nur noch herausfinden wo man denn an einem solchen Kurs teilnehmen konnte. Normalerweise hasste ich es nach dem Weg zu fragen, es war mir irgendwie peinlich, aber nun musste es sein. Doch wen? Den komischen Smiley? Nein, ich wollte nicht schon wieder mit einer Wand reden, sondern mit einer echten Person. Doch konnte man das eigentlich von jedem hier behaupten? Ich hatte mich in der Schule kurz mit einer Freundin über dieses Spiel - Entschuldigung, über diese "Realität" - unterhalten. Sie spielt auch TMDO und meinte dass die Entwickler sogenannte Bots entwickelt haben, die sogar selber denken und fühlen können. Sie seien erschaffen worden, um Jobs zu übernehmen und die Stadt zu beleben, wenn nur wenige Spieler online sind. Als ein Mädchen an mir vorbei lief, ergriff ich die Chance. "Ähm... Hallo?" "Oh Hallo." "Kannst du mir sagen, wo man einen Grundkurs belegen kann?" Sie neigte ihren Kopf leicht zur Seite und musterte mich. Dann setzte sie plötzlich ein nettes Lächeln auf und sagte mit hoher Stimme: "Klar, komm doch mit, ich hatte auch vor gleich den Kurs zu besuchen." Glück gehabt, dachte ich mir und lächelte zurück. "Danke." Sie lief weiter und ich trottete ihr hinterher. Die glatten schwarzen Haare, welche sie trug, waren zu einem hohen Pferdeschwanz gebunden und sie schien etwas größer als ich zu sein, was aber wahrscheinlich nur an ihren hochhackigen Stiefeln lag. "Ich heiße Elisa und du?" "Sue." "Schöner Name, habe ich noch nie gehört." Ich wusste nicht was ich darauf antworten sollte und beließ es schließlich bei einem freundlichen "danke." "So, ich glaube, das ist es.", sagte sie. Wir standen vor einem kleinen Haus in einer engen Seitenstraße.
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"Und hier finden die Kurse statt?", fragte ich verwirrt. "Ja, das hat zumindest der komische Smiley behauptet, nachdem ich ihn zehn mal gefragt habe, wo denn diese Straße sein sollte, welche er mir prophezeit hatte. Wenn du mit diesem Ding redest, kannst du auch gleich mit einer Wand sprechen!" Ich fing an zu lachen und sie grinste.