Willkommen im Internat Witch's corner

2.6K 115 13
                                        

Nach einer gefühlt endlosen Fahrt – in einem schwebenden Auto mit dieser sabbelnden Schreckschraube auf dem Beifahrersitz – war mein Nervenkostüm ungefähr auf Level „tickende Zeitbombe". Mrs. Quella plapperte ohne Pause über „magische Frequenzen", „energetische Bahnen" und „interdimensionale Knotenpunkte". Ich verstand kein Wort – und interessierte mich auch nicht wirklich dafür.

Als wir in einen dichten, mir völlig unbekannten Wald einbogen, riss sie mich aus meinen Gedanken:
„Das ist der Wald der magischen Wesen. Nur wir können ihn sehen und betreten. Für normale Menschen wirkt er wie ein ganz gewöhnlicher Forst. Doch für uns ist es unser Zuhause. Hier müssen wir unsere Kräfte nicht verstecken."

„Wow. Faszinierend. Hat mich richtig krass interessiert", sagte ich trocken und rollte demonstrativ mit den Augen.

Mrs. Quella warf mir einen eisigen Blick zu.
„Leonie, so ein Verhalten dulde ich in meinem Internat nicht. Respektlosigkeit wird bestraft."

Fast hätte ich laut gelacht, doch Josh versetzte mir einen unauffälligen Ellenbogenstoß.
„Leo, bitte... provozier sie nicht", flüsterte er.

Ich seufzte und sah ihn entschuldigend an.

„Wir sind da!" rief Mrs. Quella plötzlich fröhlich und klatschte in die Hände, als wären wir gerade im Freizeitpark angekommen. Ich hob eine Augenbraue. Diese Frau konnte wirklich in Sekundenschnelle von „Drachenlady" zu „Sonntagskind" wechseln.

Hinter den knorrigen Bäumen und dem wilden Gestrüpp tauchte ein Schloss auf. Kein Disney-Schloss, sondern eher düster, elegant, imposant – auf einem Hügel thronend, als würde es jeden beobachten, der sich nähert.

„Ist das... das Internat?" fragte ich und zeigte mit offenem Mund darauf.
Josh trat neben mich und staunte: „Boah, das ist riesig!"
Mrs. Quella nickte stolz.
„Schön, dass es euch gefällt."

Der Chauffeur lenkte den Wagen durch ein reich verziertes Tor – komplett mit leuchtenden Blumenranken, die sich fast lebendig bewegten.

Ich war die Letzte, die ausstieg, weil mein Handy zwischen den Sitzen feststeckte. Ich zog wie eine Irre daran.
„Du blödes Ding, steckst du da fest oder bist du verwachsen?!" fauchte ich.

Da schnippte Mrs. Quella mit den Fingern.
„Dersas, aus! Lass das Handy los!"

Verwirrt sah ich auf – und tatsächlich: Sie hielt mir mein Handy hin. Ich nahm es vorsichtig entgegen, doch mein Blick blieb am Sitz hängen. Etwas Winziges huschte zwischen die Polster.

Quietschend sprang ich aus dem Auto und rannte zu Josh.
„Was zum... war das?!"

„Sei ihm nicht böse. Er liebt Dinge, die glitzern", sagte Mrs. Quella.
„Was war das?"
„Dersas. Ein kleiner Kobold. Er gehört dem Chauffeur."

Ich klammerte mich reflexartig an Joshs Arm.
„Na super. Kobolde. Ich will zurück."

„Folgt mir bitte."
Mit demonstrativem Augenrollen stapfte ich hinterher, stolperte prompt über einen Ast und klatschte mit vollem Schwung auf den Waldboden.
„Nein! Das kann nicht sein!" wütete ich.
„Jetzt ist meine Jeans ruiniert!"

Josh lachte leise und half mir auf. Mrs. Quella ging einfach weiter, als hätte sie nichts gesehen.

Endlich standen wir vor dem Internat – und traten ein.
Drinnen war es... seltsam schön. Der Boden war mit einem gelb-roten Muster überzogen, das mich an ein Schachbrett im Drogenrausch erinnerte. Eine breite Treppe mit rotem Teppich führte nach oben, und ich hatte das Gefühl, sie würde direkt ins Zentrum des Schlosses führen. Dunkles Holz, altmodische runde Lampen, eine Kuppel mit Sicht auf den Himmel – als hätte jemand versucht, „altmodisch edel" mit „Zauber-Wow-Effekt" zu kreuzen. Und ja... es funktionierte.

Aber meine Wohnung würde ich trotzdem nie so einrichten.

Mrs. Quella führte uns die Treppen hinauf und öffnete eine Doppeltür. Ich wusste sofort: Wir waren im Zentrum angekommen.

Der Raum war voller Menschen – und dann sah ich ihn. Oder besser gesagt: es.
An seinem Ohr. Eine Warze. Nicht irgendeine.
Eine riesige, behaarte, pulsierende Warze.

Meine Augen verengten sich automatisch zu Schlitzen. Ich schlug mir die Hand vors Gesicht, drehte mich würgend um und stolperte zu Josh, der vor einer Tür wartete.

„Was zur Hölle ist dir begegnet?"
„Er hatte..." Ich schüttelte mich. „Er hatte eine Warze. Am Ohr. Eine Monsterwarze! Behaart! Ich will weg hier!"

Josh lachte nur und schüttelte den Kopf.
„Daraus machst du so ein Drama?"

Ein strenger Ruf unterbrach uns.
„Würdet ihr euch bitte setzen?"

Der Raum entpuppte sich als ganz normales Büro. Keine Spinnweben, keine Fledermäuse – nur ein Schreibtisch, zwei Stühle und ein Bücherregal. Fast schon enttäuschend.

„Hier sind eure Bücher", begann Mrs. Quella. „Morgen startet der Unterricht. Ich erwarte Pünktlichkeit. Eure Koffer wurden bereits in eure Zimmer gebracht. Ihr werdet Mitbewohner haben."

Dann kam sie zum interessanten Teil.
„Vielleicht ist es euch schon aufgefallen: Jeder Schüler hat hier einen Begleiter."
Josh und ich schüttelten den Kopf.

„Auch ihr werdet einen erhalten – allerdings könnt ihr ihn nicht wählen. Ihr müsst ihn herbeizaubern. Was dabei herauskommt, ist völlig unvorhersehbar. Es kann ein Tier sein, eine Fee... oder eine Warze."

„Eine Warze?!" japste ich entsetzt.
Sie nickte. „Euer Begleiter wird für immer an eurer Seite bleiben – egal, was passiert."

Ich wollte gerade protestieren, da öffnete sie das Fenster.
„Ich zeige euch meinen."

Sie pfiff – ein heller, durchdringender Ton – und streckte den Arm aus.
Ein kleiner Vogel flatterte herbei und landete auf ihrer Hand.
„Ein Kolibri?" fragte ich erstaunt.
„Genau. Jetzt seid ihr dran."

„Brauchen wir keinen Zauberstab?"
„Nein. Wir zaubern mit den Fingern. Schließt eure Augen. Spürt nach innen."

Ich sah, wie Josh die Augen schloss. Also tat ich es ihm gleich. Ich konzentrierte mich. Bitte keine Warze. Bitte kein Käfer. Bitte kein Schleimmonster.

Plötzlich wurde mir heiß. Mein Bauch kribbelte, als würden Schmetterlinge Breakdance tanzen. Dann sprach Mrs. Quella laut und deutlich – und irgendwie... verstand ich sie.

Essentia silvarum. Notas fac. Auxilium domino tueri sequi. Videtur!
(Wesen des Waldes. Erscheine und zeige dich. Hilf und beschütze deinen Meister und folge ihm. Erschein!)

Ich riss die Augen auf – und sah ihn.
Vor mir stand ein prachtvoller Fuchs. Elegant, aufrecht, mit bernsteinfarbenen Kulleraugen, die direkt in meine Seele zu blicken schienen.

Ich blinzelte.
Josh stand neben mir – mit einer kleinen, neugierigen Maus auf der Schulter.

„Glückwunsch. Ihr habt es geschafft", sagte Mrs. Quella lächelnd.

Ich konnte nicht mehr. Mein Körper zitterte, mein Kopf raste, mein Herz pochte bis in die Fingerspitzen.
Ich war eine Hexe. Ich war in einem Internat voller Magie. Ich hatte plötzlich Latein verstanden. Und dann zauberte ich einen Fuchs aus meinem Inneren.

Ich sackte auf die Knie und fing an zu weinen.

Warum? Weil es einfach. Zu. Viel. War.

Sanft schmiegte sich der Fuchs an meine Hand. Ich sah ihn an.
Er verstand mich.

Ich lächelte schwach und streichelte ihm über den Kopf. Josh legte beruhigend eine Hand auf meinen Rücken.

„Alles wird gut, Leo", flüsterte er. „Ruh dich aus."

Mrs. Quella nickte verständnisvoll.
„Leonie, komm. Ich bring dich auf dein Zimmer. Du bist nicht die Erste, der das alles zu viel wird."

Und so begann mein neues Leben.

Feen, Hexen? Was noch Einhörner? Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt