Die letzten vier Tage waren einigermaßen normal gewesen. Ich hatte mich ein wenig an unser neues Haus gewöhnt. Ich hatte auch bemerkt, dass die Harmons nicht oft da waren. Mr. Harmon blieb meistens in seinem Zimmer oder in seinem Arbeitszimmer, während Mrs. Harmon die meiste Zeit im Garten, oder in ihrem Zimmer verbrachte, wo sie sich Talkshows ansah.
Ich fühlte mich langsam einsam. Ich meine, könnt ihr mich verstehen? Ich musste noch nicht wieder in die Schule, niemand lebte in der Nähe der Harmons, und ich hatte niemanden, mit dem ich etwas machen konnte. Ich konnte noch nicht einmal Verstecken spielen! Caleb ging mir aus dem Weg. Er verbrachte die meiste Zeit spielend mit seinen Spielzeugen und seinem Roller, der, wie er herausgefunden hatte, elektrisch war. Wann immer er Mr. Harmon sah, lief er ihm aufgeregt hinterher. Mr. Harmon schien das zu mögen, denn er nahm Calebs Hand wenn sie umher spazierten und sich unterhielten.
Gelangweilt beschloss ich, in den Garten zu gehen. Mrs. Harmon goss die Blumen. Sie sah erschöpft aus. Ich ging zu ihr hinüber und fragte sie, ob sie Hilfe bräuchte.
"Nein danke", sagte sie und schüttelte den Kopf. "Das sind die letzen. Junge junge, auch wenn ich Blumen liebe, bereue ich es manchmal, so viele zu kaufen und anzupflanzen."
Ich lächelte. "Ja, es sieht ziemlich anstrengend aus."
Sie stellte die Gießkanne auf den Boden und wische sich mit einem Tuch, das sie über der Schulter hängen hatte, ein wenig Dreck von der Hand.
"Ich wünschte, Mr. Harmon würde mich jemanden anstellen lassen, der das für mich macht, aber er befürchtet, die Leute könnten ihn bestehlen. Es ist bereits ein paar mal vorgekommen.
Okay. Ich dachte sie hätten jemanden gehabt, oder etwa nicht? Ich musste nachhaken, denn ich hatte die Gärtnerin, Rose, schließlich bereits getoffen. Sie war hier gewesen, hatte die Blumen gegossen und sogar mit mir geredet. Selbst Caleb hatte sie gesehen.
"Ich dachte, ihr hättet eine Gärtnerin", sagte ich, wobei ich feststellte, dass meine zitterte. "Ich meine, Caleb und ich haben sie getroffen. Sie war hier draußen und hat die Blumen gegossen. Sie sagte, ihr Name sei Rosemary."
Mrs. Harmon sah mich an, so als sei sie nicht ganz sicher, ob sie mir glauben sollte, oder nicht. Sie öffnete ihren Mund, schloss ihn wieder und nickte. "Rosemary, hm? Sie war unsere alte Gärtnerin. Sie macht das von Zeit zu Zeit. Ich denke, es ist Zeit für eine Entassung", sagte sie Lächelnd.
Ich lachte auch. "Wow." Es war gut, das zu wissen.
"Wenn jemand anderes hier her kommt, komm schnellstmöglich rein", sagte sie in einem ernsten Ton. "Sprich nicht mit ihnen. Leute kommen häufig hier her, und ich kann nicht sagen, ob sie alle so freundlich sind. Wir haben einige unbezahlbare Dinge in diesem Haus, also, solltest du jemals jemanden hier in der Umgebung sehen, komm rein und lass es uns wissen. Kapiert, Peanut?"
Mum hatte mich auch immer Peanut genannt. Mein Lächeln verrutschte. Ich fuhr mir durch die Haare und nickte.
"Alles in Ornung?", fragte sie und legte ihre Hand auf meine Schulter.
"Alles gut", antwortete ich. "Ich hab mich bloß gefragt, ob wir im September die Schule wieder anfängt. Ich fühle mich ein wenig einsam, und ich denke, ich könnte ein paar Freunde gut gebrauchen."
"Natürlich fängt die Schule wieder an. Mr. Harmon hat bereits einige Lehrer eingestellt. Ihr beide bekommt Privatunterricht", sagte sie.
Ew, dachte ich. Ich wollte keinen Privatunterricht.
"Aber...was ist mit Freunden?", argumentierte ich.
"Nun, niemand lebt in der Nähe. Außerdem werden Freunde dir nicht helfen, im Leben Erfolg zu haben. Eine gute Erziehumg hingegen ist sehr hilfreich", sagte sie und schaute zum Haus hinüber. Dann sah sie wieder zu mir.
Meine Augen weiteten sich bei dieser aussage. Es regte mich mehr auf, als es sollte. Es war ein Haufen Unsinn. Leider ging sie zurück zum Haus, bevor ich etwas sagen konnte.
"Ich bereite jetzt das Abendessen vor, Liebes", rief sie, bevor sie das Haus betrat.
***
Ich wachte mitten in der Nacht auf. Ich saß auf einem Stuhl, direkt vor mir war ein Fenster. Der Mond war ein riesiger Ball weißer Perfektion. Das Mondlicht ließ den Garten erstrahlen. Es war wirklich wunderschön.
Ganz plötzlich betrat ein Mann den Garten. Er zerrte eine Frau an den Haaren hinter sich her. Ihre schreie waren schrecklich laut. Sie versuchte, sich von ihm frei zu kämpfen, versuchte, seine Hände von ihr fern zu halten. Er ließ sie fallen und begann, mit einem Stein, den er vom Boden aufgehoben hatte, auf ihr Gesicht einzuschlagen. Er schrie hasserfüllt auf sie ein, doch ich konnte nur ihre Schreie hören. Sie schrie und schrie, wärend er sie zu Tode prügelte.
Und dann war es vorbei.
Nun, ich dachte, es wäre vorbei. Der Mann schaute zu dem Fenster, vor dem ich saß. Meine Augen weiteten sich, und mein Herz raste. Er stand auf und ballte die Hände zu Fäusten. Und dann sah ich sein Gesicht. Es war Mr. Harmon. Sein wütendes Gesicht starrte durch das das Fenster in mein verängstigtes Gesicht.
"Warum willst du nicht Teil von uns sein?!", rief er. Er begann, hasserfüllt zu rufen, und rannte auf das Haus zu, bis ich ihn nicht mehr sehen konnte.
Ich konnte nicht aufstehen. Ich konnte nur aus dem Fenster schauen. Mein Körper saß da, komplett gelähmt. Ich rief um Hilfe, doch aus irgendeinem Grund war meine Stimme gedämpft und unverständlich. Irgendwo hinter mir hörte ich Schritte, die sich mir näherten. Ich spürte, dass jemand hinter mir war. Die Person betrat mein Blickfeld. Es war nicht Mr. Harmon. Es war ein Mächen. Sie stand dort, murmelte Worte, die ich nicht verstand.
Ich kann nicht erklären wir verängstigt ich war. Es gab eine Zeit in meinem Leben, in der ich mir nie vorestellt hatte, dass so etwas passieren könnte. Ich war sicher, dass es ein Mädchen war, aber ihr müsst verstehen: ihr Haar war strähnig. Es gab lange, kurze und mittlere Strähnen. In ihrem Gesicht waren ernsthafte Verletzungen, und Blut tropfte auf den Boden. Ihr Körper, na ja, ich konnte ihn durch die Dunkelheit des Zimmers nicht erkennen.
In diesem Moment löste ich mih aus meiner Starre. das Mädchen murmelte noch immer unverständliche Worte. Sobald mir klar war, dass ich mich wieder bewegen konnte, sprang ich von dem Stuhl auf. Ich rannte aus meinem Zimmer in den Flur und lief genau in eine Shiluette etwa so groß wie ich. Ich sah mich um und sah das Mädchen auf mich zukommen.
"Emily!"
Jemand rief meinen Namen von unten. Es war Mr. Harmon. Bis jetzt hatte ich es mit einem Mädchen, einem Umriss und einem verrückten, wütenden Mr. Harmon zu tun. Ich schloss meine Augen, denn was sollte ich sonst tun?
Ich erwachte in meinem Bett und schaute mich um wie wahnsinnig. Die Sonne war gerade erst aufgegangen und alles un meinem Zimmer wirkte normal. Meine Stirn war schweißüberströmt. Mein Herz fühlte sich unheimlich schwer an. Ich sagte mir selbst immer und immer wieder, dass es nur ein Traum gewesen war. Doch es hatte sich so real angefühlt. Zu real. Wie auch immer, ich war froh, dass es nur ein Traum gewesen war. Ich versuchte, es loszuwerden, als mein Albtraum Realität wurde.
Vor meinem Fenster stand ein Stuhl. Als ich meinen Blick über den Stuhl gleiten ließ, sah ich Fußabdrücke, die bereits begannen, zu verblassen. Die Fußabdrücke waren nicht das einzige, was verblasste. Das Blut sickerte langsam in den Fußboden ein.
Und dann waren die Fußabdrücke und das Blut verschwunden, gerade so, als hätten sie nie existiert.
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Hide And Seek
HorrorWie verwandelt sich deine Nacht von einem Versteckspiel mit deiner besten Freundin zum Mord an deinen Eltern? Wie kommt es, dass du dann auch noch zu ihren besten Freunden, Mr. und Mrs. Harmon geschickt wirst? Obwohl Emily und ihr Bruder diese Leute...