9. Kapitel

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1 Woche später
Die Sicht eines Unbekannten

Seit Tagen wiederholt sich alles für Melia wie in einer Schleife. Sie steht auf, sucht nach Lily, wundert sich, wo sie sein könnte und schläft dann wieder ein, völlig unbewusst, während sie wartet. Das ist ihr neuer Alltag geworden.

Es ist traurig, dass meine Schwester alles auf die lange Bank schiebt. Sie denkt, sie hätte die Kontrolle. Sie denkt, sie wäre diejenige, die das letzte Wort hat. Aber sie hat keinen Plan. Keinen Überblick. Ich bin derjenige, der die Fäden zieht. Ich bin stärker als sie. Ich bin tausendmal klüger als sie.

Und trotzdem höre ich auf sie. Warum nur?

Weil ich ihr einen Denkzettel verpassen werde. Sie wird sehen, was passiert, wenn sie sich mit mir anlegt.

Aber jetzt reicht es! Ab heute wird nach meinen Regeln gespielt, Schwesterchen. Melia, mach dich bereit. Dein Untergang kommt.

...

Melias Sicht

"Melia! Wo bleibst du nur? Melia!"

"Lily, bist du das?"

"Melia!"

"Lily, wo bist du? Komm doch raus aus deinem Versteck."

Stürmend renne ich durch die Wohnung, doch es gibt keine Spur von ihr. Wo kann sie nur sein? Zuerst ruft sie mich, dann versteckt sie sich – das ist wie ein Spiel aus unserer Kindheit, aber irgendwie beängstigend.

"Melia!"

Ein leises Lächeln schleicht sich auf meine Lippen.

„Hah, hab dich!"

Doch als ich mich umdrehe, ist niemand da. Ich könnte schwören, dass sie direkt hinter mir war. Vielleicht habe ich sie nur nicht gesehen. Wieder drehe ich mich um, doch ich sehe nichts.

"Melia."

Die Stimme ist näher, als zuvor. Etwas in mir zieht sich zusammen. Meine Haut wird kalt. Ich drehe mich noch einmal schnell um.

Und da ist sie nicht.

Gänsehaut.

Wie ist das möglich? Wie kann sie so nah bei mir sein und ich höre ihre Schritte nicht? Langsam versuche ich, mich umzudrehen – betone versuche.

„Scheiße", flüstere ich panisch. Ich kann mich nicht bewegen!

Meine Schweißtropfen rinnen mir die Stirn hinunter, meine Hände sind schweißnass. Ich will mich bewegen, aber mein Körper reagiert nicht. Sekunden dehnen sich wie Minuten, Minuten wie Jahre. Die Stimmen werden lauter, der Raum wird enger. Ich kann nicht entkommen, obwohl ich es so verzweifelt versuche.

„Melia!" von hier.

„Melia!" von da.

„Melia!" von dort.

Ich kann meinen Namen nicht mehr hören. Sie ruft mich aus allen Richtungen. Überall höre ich nur noch ihren Namen. Ihre Stimme wird lauter, schriller, wie eine endlose Klage. Ich halte mir die Ohren zu, doch es hilft nicht. Die Stimme dringt in meinen Kopf.

„MELIA!"

Es ist, als würde sie mir das Gehirn durchbohren. Ich halte es nicht mehr aus. So schmerzhaft und grauenvoll kann ihre Stimme sein. Ich will schreien, doch keine Worte kommen. Nur ein „Mmmpf", das nicht reicht, um das Elend zu beenden.

Ich will, dass es aufhört! Ich will einfach nur, dass es endet. Ich will nicht mehr hören, wie sie meinen Namen brüllt.

Die Stimmen werden immer lauter, immer näher.

„MELIA!"

Es wird unerträglich. Es fühlt sich an, als ob meine Ohren gleich platzen. Etwas läuft aus meinen Ohren – ich schwöre, es ist Blut.

„MELIA!"

Die Stimmen verschlingen mich, und ich spüre, wie ich mich immer mehr in mich selbst zurückziehe. Alles dreht sich. Ich kann mich immer noch nicht bewegen.

Mit jeder Minute, die vergeht, werde ich müder. Mein Körper wehrt sich nicht mehr. Ich versuche meine Augen offen zu halten, doch sie schließen sich von alleine. Ich will nicht schlafen. Ich darf nicht schlafen. Ich muss Lily finden. Ich muss sie finden. Ich muss suchen.

Aber der schwarze Nebel zieht mich in die Dunkelheit...

... Und dann wird alles still.

Das RitualWo Geschichten leben. Entdecke jetzt