Als die Schatten der Hütten immer länger wurden und sich die Sonne schlafen legte, als die Kerzen gelöscht wurden und die Nachtwächter der Stadt ihre Positionen einnahmen, dann war die Stunde der Gauner und Diebe erwacht. Auch so Yia.
Sie erhob sich von der kleinen Feuerstelle, in der Ecke ihres selbst zusammengezimmerten Unterschlupfs und löschte es. Schnell schlüpfte sie in ihre, schon etwas abgewetzten, Stiefel, auf jeder Seiten steckte, gut verborgen im Futter, ein kleines Messer. Man konnte schließlich nie wissen, wer einem begegnete. Schon gar nicht bei ihrem Job. Mit einer geschickten Bewegung steckte Yia sich ihre Haare mit kleinen nützlichen Klammern hoch, warf sich ihre schwarze Jacke um, die auch schon mal bessere Tage gesehen hatte, und schnappte sich noch ein Messer, das auf ihrem Nachttisch lag. Die Klinge wog leicht in ihrer Hand, verschaffte Yia ein Gefühl von Sicherheit in dieser ungerechten Welt.
Ein rascher Blick durch eine lose Latte in der Wand, versicherte ihr, dass die Luft rein war, bevor sie mit einem Fuß die, schief in den Angeln hängende, Tür aufstieß und hinaustrat. Die eisige Kälte schlug ihr entgegen, versuchte sie von ihrem Vorhaben zurück zuhalten. Der bissige Geruch von verbrannten Holz wurde von Verwestem abgelöst. Unauffällig bewegte Yia sich im Schatten, darauf bedacht, dass das Messer in ihrer Hand nicht unter dem hellen Licht des Mondes aufblitzte.
Die Gassen waren eng, gerade so breit, dass zwei dünne Personen nebeneinander passten. Der, mit Erde und Müll bedeckte unebene, Boden verbreitete einen modrigen Gestank und lockte allerlei grässliche Tiere an. Doch davon lies Yia sich nicht beeindrucken, genauso wenig wie von der kalten Luft, die ihren Atem sichtbar machte und kleine Wölkchen in der Luft formte.
Oft musste sie umdrehen und einen anderen Weg einschlagen, denn die Wachen des Königs achteten peinlichst genau darauf, dass sich niemand nach der Ausgangssperre draußen sehen lies. Doch Yia wusste von einigen Schlupflöchern, die selbst die besten Wachen nicht kannten. Das Wissen darüber hatte sich im Laufe der Jahre angesammelt und viele Verstecke hatte ihr auch ihr Vater gezeigt. Wenn es gar nicht mehr weiterging, nahm Yia den einfachsten Weg. Der über die Dächer. Komischerweise war noch niemand darauf gekommen auch dort Wachen aufzustellen. Anscheinend dachte man, die zusammengezimmerten Hütten würden eine Person darauf gar nicht halten. Yia musste schmunzeln, wie dumm die reichen Leute doch waren.
Dennoch wagte sich Yia nicht zu oft auf den Weg über der Erde. Zwielichtige Gestalten waren hier keine Seltenheit. Gestalten, die sich nicht einmal mehr ihren eigenen Unterschlupf bauen konnten, zu zerstört waren sie von Drogen und ihren eigenen verzweifelnden Gedanken.
Geschickt sprang sie auf leisen Sohlen von Dach zu Dach. Spürte den Wind, der ihr sanft durch ihre Haare strich, wie ein Vater seiner Tochter. Sie hüpfte über die Köpfe der Wachen hinweg. Mit versteinerte Miene starrten sie, im Schatten der dunklen Gassen unter ihr, in die Dunkelheit, versuchten sie mit ihren Blicken zu durchbrechen. Gedanken darüber zu machen, dass sie Yia hören würden, musste sie sich nicht. Die dicken Helme aus Metall und Leder dämpften gut, ließen deshalb auch leise Geräusche nicht hindurch.
Nach einer Weile wurden die Gassen breiter, formten sich schon fast zu Straßen und Yia bewegte sich nun wieder auf festem Boden weiter. Die zusammengezimmerten Unterschlupfe wichen kleinen Hütten aus festem Holz und der Weg war vereinzelt mit Kopfsteinpflaster gesäumt. Nun umschlangen Yias Finger das Messer fester, denn hier war die Gefahr noch einmal viel größer nächtlichen Rumstreichern zu begegnen. In den Slums gab es wenige Menschen, die ihre Energie auf nächtliche oder sogar rebellische Aktionen verschwendeten. Dort ging es nur ums Überleben, jeder für sich. Doch hier gab es Banden, die in der Nacht ihr Unwesen trieben und ihr Revier mit allen Mitteln verteidigten und ausweiteten wollten.
Öfters schon war Yia unbeabsichtigt in unangenehme Situationen hineingeraten. Sie konnte von Glück reden ohne größeren Schaden aus den Kämpfen herausgekommen zu sein. Yia hatte schon von Anderen gehört, denen es nicht so gut erging. Das angenehmste Ende war ein schneller Tod gewesen, mit einem Messer im Herzen. Yia war auch in einer Bande und das hatte ihr schon oft das Leben gerettet. Jedoch glaubte nicht jeder muskelbepackte Mann einem mageren, unscheinbaren siebzehn jährigen Mädchen, dass sie zu einer Bande gehörte und benutzte sie lieber für andere schmutzige Sachen, bevor er sie gnädigerweise umbrachte.
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Das vergessene Land
FantasiaEine Welt aus Ungerechtigkeit. Eine Welt aus Verrat. Und mitten drin Yia, die trotz ihrer Fähigkeit jedes Türschloss zu bewältigen, Schwierigkeiten hat, sich über Wasser zu halten. Doch plötzlich rutscht sie in eine Sache hinein, mit der sie ganz u...