Das Messer

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Mein Plan ging auf. Den ganzen Rückweg schaute ich mich unauffällig um, aber die markanten hellblauen Augen und den blonden Haarschopf dazu sah ich nicht wieder! So ein Glück, er musste es aufgegeben haben!

"Vielen Dank, ab hier kann ich wieder alleine gehen!", verabschiedete ich meine Begleitung mit einem erleichterten Lächeln und legte die letzten hundert Meter selbstständig und ein wenig schneller als gewöhnlich zurück. Sicher war sicher! Aber als ich mich nochmal in der Haustür herumdrehte, war mir immer noch niemand gefolgt! Puhh, der Albtraum hatte damit wohl sein Ende!

"Ardian? Was machst du denn wieder hier? Musst du nicht schon lange in der Schule sein? Und wie sehen deine Arme aus?!" Meine Mutter hatte mich noch im Hausflur abgefangen und deutete jetzt auf die Risse in meinem Shirt, dann entdeckte sie auch noch die dazu passenden Löcher in meiner Hose. Dass ich blutete, schien sie dabei irgendwie vollständig zu übergehen. "Ich bin auf dem Weg gestürzt, zwei Mal. Und ein Fremder hat mich verfolgt, schau!", versuchte ich ihr zu erklären und zeigte mein Handgelenk vor, an dem noch immer die letzten Druckstellen seiner Hand sichtbar waren. Wahrscheinlich hatte ich in meiner Panik gar nicht realisiert, wie fest er tatsächlich zugedrückt hatte, dass es selbst jetzt noch rote Spuren zurück gelassen hatte. Mom seufzte. "Ach Ardy, darüber hatten wir doch schonmal gesprochen! Du musst vorsichtiger werden, die Klamotten waren neu und du kannst nicht jeden zweiten Tag mit Verbänden am ganzen Körper in die Schule gehen! Außerdem, wer soll dich denn verfolgt haben? Du bist doch nur ein Schüler, bestimmt hast du wieder zu viele James Bond Filme gesehen!"

Ihre Reaktion überraschte mich nicht. Sie nahm mich selten ernst und machte sich eher Sorgen um das, was ich kaputt gemacht hatte, anstatt um mich selbst. "Das hab ich mir aber nicht nur eingebildet!", nuschelte ich eingeschnappt, während ich in mein Zimmer ging, die verschlissenen Sachen gegen neue aus meinem Kleiderschrank eintauschte und dann im Bad nach Verbänden und Wundheilcreme suchte. Nach einiger Zeit kam meine Mutter dazu und half mir. "Wie kommst du darauf, dass man dich verfolgt hat?", fragte sie geduldig, aber auch mit einer spöttelnden Note. Säuerlich erzählte ich ihr, was genau passiert war, von meinem Zusammenstoß bis zu meiner Eskorte durch den älteren Mann, der mich vielleicht vor einer wirklichen Entführung bewahrt hatte. Doch Mom sah immer noch nicht überzeugt aus. "Wenn du sagst, dass er dir irgendwie bekannt vorkam, kann es ja sein, dass er dir nur etwas sagen wollte. Möglich wäre es ja. Aber wenn du ihn danach auch nicht noch einmal gesehen hast, wird es schon nicht wichtig gewesen sein, und erst recht keine Verfolgung!"

"Du verstehst das nicht!", seufzte ich dramatisch auf, "Du warst nicht mit dabei! Er hat mich verfolgt und hätte ich nicht um Hilfe gerufen, dann wäre ich heute eventuell gar nicht mehr nach Hause gekommen!" Meinem kleinen Ausbruch folgte Stille. Mom hielt pikiert ihren Mund und sah mir lieber kritisch dabei zu, wie ich nur in Unterwäsche auf dem Rand der Badewanne saß und Wunde um Wunde versorgte, bis nichts mehr blutete oder sich weiter infizieren konnte. Dann zog ich mich rasch wieder an und tapste Richtung Küche. Nach der Rennerei von eben konnte ich gut und gerne noch ein zweites Frühstück vertragen!

Doch während ich Cornflakes und Milch in eine Schüssel füllte und eher nebenbei durch das Fenster mir gegenüber schaute, zuckte ich so stark zusammen, dass die Hälfte davon auf den Boden schwappte. Das nahm ich aber gar nicht wahr. Mein Herz schlug mir wieder bis zum Hals, als ich mich noch wegducken wollte, aber es war zu spät. Der selbe Fremde wie vorhin hatte vor unserem Haus Stellung bezogen und bevor ich es hatte verhindern können, waren seine wachsamen Augen zu mir gehuscht. Er sah mich auch, das spürte ich. Ohne einmal zu blinzeln beobachtete er mich, wie ich in kalten Schweiß ausbrach und langsam rückwärts trippelte, bis die Küchenzeile mich stoppte. "M-mom?!", rief ich ängstlich und behielt gezwungenermaßen den Bürgersteig im Blick, auf dem mein Verfolger wartete. Sie musste ihn selbst sehen, um mir zu glauben, und so konnte er nicht einfach verschwinden und sich in Luft auflösen! Ein zweites Mal als schusseliges Kind hingestellt zu werden, wollte ich bestmöglich vermeiden. Es gab da draußen eine Gefahr für mich und diesmal mussten wir sie ernst nehmen!

Never Forget (#Tardy)Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt