Beinahe augenblicklich, als ich in die Innenstadt einbog, sah ich ihn. Blonder Sidecut, hellblaue Augen, die mich sofort fixierten, sobald ich in Sichtweite gekommen war. Fuck! Fuck!! Mit hämmernden Herzen verließ ich meinen üblichen Pfad und bog in eine Seitenstraße ein. Aus den Augenwinkeln konnte ich noch erkennen, dass er sich ebenfalls in Bewegung gesetzt hatte. Er folgte mir, und dieses Mal nicht mehr nur wie ein Stalker! Jetzt wollte er mich fangen! Und ich musste durchhalten, bis ich wieder in Sicherheit war!
Noch nie kam mir der Weg zur Schule länger vor. Ich rannte einfach nur und warf an jeder Kreuzung einen prüfenden Blick um mich. Meist sah ich den Typen noch weiter hinter mir laufen, doch es waren vor allem die Abschnitte, in denen er urplötzlich verschwand, die mir panische Angst einjagten! Wenn ich ihn nicht sah, konnte er quasi überall sein! Dass ich mein Tempo trotzdem durchhielt, grenzte an ein Wunder. Meine Lungen brannten, meine Füße schmerzten und meine Knie ächzten durch die Belastung zusätzlich zu den Wunden von gestern, doch ich wusste ganz genau, wollte ich leben, musste ich weiterlaufen! Noch weiter! Noch schneller!
Zweimal überwältigte mich beinahe die Hoffnungslosigkeit, als ich den Weg nicht mehr wusste, aber in beiden Situationen fand ich zum Glück bald wieder eine Stelle, die mir bekannter vorkam! Weiter! Weiter! Gleich musste ich da sein und ich glaubte bereits, das schwere Atmen des Mannes in meinem Nacken zu hören, als ich endlich das Schulgebäude von der entgegen gesetzten Richtung wie üblich ansteuerte. Noch nie war ich glücklicher gewesen, diesen Haufen roter Backsteine mit den drei separaten Satteldächern zu sehen! Ein Blick hinter mich offenbarte, wie knapp die Verfolgungsjagd ausgegangen war. Der blonde Mann starrte mich von der anderen Straßenseite aus heftig keuchend an, während ich schon die Treppen zum Eingang hochwetzte. Geschafft! Ich lebte noch! Ich... ich lebte noch...! Mir wurde kurz schwindelig und sobald sich die Türen hinter mir schlossen, ließ ich mich gegen die nächstbeste Wand sinken und holte etliche Male tief Luft. Jeden Tag würde ich dieses Katz und Maus Spiel nicht durchhalten... Vor allem nicht zweimal! Ich schluchzte leise und vergrub mein Gesicht in meinen Händen. Warum...? Was sollte ich so schlimmes getan haben, dass er mich tot sehen wollte...?
Bis zum Mittagessen konnte ich mich wieder beruhigen und sogar genug sammeln, dass ich der Stunde folgen konnte, ohne für mangende Konzentration gemaßregelt zu werden! Doch selbst Verwarnungen und andere Unmutsbekundungen der Lehrer waren mir heute recht. Hauptsache ich war sicher! Hauptsache mein Verfolger konnte mich nicht sehen oder ergreifen! Wenn ich während des Unterrichts aus dem Fenster gelunst hatte, war dort ebenfalls niemand gewesen, der mich von außerhalb beschattete! Entweder wusste er also nicht, wo und hoffentlich auch wie lang genau ich Schulstunden hatte, oder er hatte die Suche komplett abgebrochen! Das redete ich mir ein, solange ich konnte, doch als es dann in der Cafeteria Essen gab, wurde ich eines besseren belehrt...
Es war eher zufällig, dass ich beim Vorrücken aufschaute, doch es war auch meine Rettung, als ich die blonden Haarspitzen plötzlich in Gang vor mir entdeckte. Er sprach völlig unbekümmert mit einer unserer Lehrerinnen und nur die Tatsache, dass er mir den Rücken zugewendet hatte, war bisher wohl mein Segen gewesen. Denn er war es ganz sicher, hundert prozentig! Jetzt durfte er sich nur nicht zu mir herumdrehen und mich erkennen, falls er mich nicht eh schon lange entdeckt hatte und es mit einer Ablenkungstaktik versuchte! So ruhig und unauffällig wie mir möglich verließ ich meinen Platz in der Schlange und huschte zu den Treppen. Wohin dann? Toiletten? Nein, dort war ich gefangen, sollte er mir doch folgen! Ein Klassenraum? Wenn er leer war, hatte ich exakt das selbe Problem. Er musste mich nur einkesseln und schon nützten mir auch die Hindernisse wie Bänke und Stühle rein gar nichts mehr! Ins Lehrerzimmer! Genau, ich konnte zum Lehrerzimmer und mich so lange über irgendein Unterrichtsfach festquatschen, bis die nächste Stunde wieder anfing! Das würde zwar dauern und die betroffene Lehrkraft ihrer eigenen Pause berauben, aber direkt vor ihren Augen konnte man mich nicht wegschnappen! Das war mein Plan! Also schnell hoch in die dritte Etage und an dem Raum klopfen, während mir der Schweiß abwechselnd heiß und kalt die Stirn einrahmte. Kommt schon, irgendjemand musste doch da sein!
Ich hatte Glück, mein Chemielehrer öffnete mir und hastig äußerte ich meinen Wunsch um ein Gespräch, dabei stellte ich mich so, dass ich für den Notfall auch noch das Treppenhaus im Blick hatte.
Der alte Professor war sichtlich überrascht, dass ich so völlig unerwartet Interesse für sein Fach zeigte, wo ich doch all die Jahre zuvor ein so schweigsamer und langsamer Schüler gewesen war, aber gerade das schien meine Rettung zu sein, denn er redete und redete wie ein Wasserfall drauflos und ich nickte in passenden Momenten einfach. Was genau er sagte, ging jedoch wie auch im Unterricht spurlos an mir vorbei. Würde der Typ das ganze Schulhaus durchkämmen oder nicht? Kam er wohlmöglich gleich den Gang entlang? Das war das einzig wichtige, was meinen Kopf in diesem Moment füllte und wie befürchtet kam er nach etwa fünf Minuten tatsächlich noch immer in Begleitung der Lehrerin die Stufen nach oben gestapft. Hastig sah ich dem Professor wieder in die Augen, der gerade darüber philosophierte, mit welchen chemischen Komponenten wohl die Autos der Zukunft betrieben werden würden, doch es war zu spät. Ich konnte fühlen, wie der eiskalte Blick mich durchbohrte und innerlich erstarren ließ. Nicht zu ihm schauen. Jetzt bloß nicht zu ihm schauen! Doch ich konnte nicht gegen den Reflex ankämpfen! Beinahe mechanisch wendete ich mich ihm zu und erwiderte den Kontakt aus weit aufgerissenen, ängstlichen Rehäuglein. Der Fremde starrte, dann legte er langsam einen Finger auf seine Lippen. Kein Muckser, sonst war ich sofort dran!!
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Never Forget (#Tardy)
FanfictionArdian lebt ein ganz normales, ruhiges Leben, bis er eines Tages feststellen muss, dass ihn jemand verfolgt. Jemand, der ihm Drohungen zuschickt und ihn sogar tot sehen möchte! Als er schließlich entführt wird, muss er mit eigenen Augen sehen, dass...
