Krampfhaft versuchte ich stark zu bleiben und nicht los zu schreien oder zu weinen, obwohl mein Körper sich förmlich unter meiner Anspannung elektrisch auflud und zu Zerreißen drohte. Vielleicht zwanzig Schritte von mir entfernt stand ein potenzieller Mörder und ich durfte nichts tun, außer dastehen und still bleiben, bis er eine angemessenere Situation fand, um mich kalt zu machen. Trotz aller Bemühungen entwich mir ein leises, verletztes Fiepen und der Chemieprof unterbrach sich verwirrt: "Alles gut mein Junge? Du siehst furchtbar blass aus!"
"Alles gut", piepste ich mit der Drohung im Hinterkopf, doch im selben Moment hörte ich auch die Kollegin rufen. "Herr Tjarks, hier entlang bitte! Es ist nicht mehr viel Zeit, dann muss ich wieder zurück zum Unterricht!"
"Oh, natürlich!", lächelte mein Verfolger von einer Sekunde auf die andere wieder strahlend und folgte seiner Begleitung, weg von mir, weit ans andere Ende des Flures. Dann brachen meine angestauten Emotionen auch schon aus mir heraus und ich weinte erneut, schüttelte mich und schniefte. Ich hielt das nicht mehr aus! Das nächste Mal würde mich nichts mehr retten können! Er würde mich alleine konfrontieren und dann war es aus! Dann würde er mich abschlachten! Ich zuckte sogar zusammen, als mir der Professor die Schulter tätschelte im Glauben, es wäre dieser Herr Tjarks, wie die Lehrerin ihn genannt hatte. Aber die Hand war ganz sanft und die Stimme weich: "Prüfungsstress, wie? Deswegen war schon gestern jemand bei mir gewesen! Ruhen Sie sich heute aus, machen Sie sich einen Früchtetee und streichen Sie für einen Tag den ganzen Stoff aus Ihrem Kopf! Sie haben immerhin noch drei Wochen zum Lernen, das wird schon!"
"D-danke...!", flüsterte ich, zu schwach für jede lautere Antwort. Wenn es für mich nur auch so einfach wäre, die Gedanken abschalten und plötzlich meinen Stalker wieder los zu sein! Aber das war nutzlos! Mein Verfolger war aus Fleisch und Blut und würde sich nicht einfach wegwünschen lassen!
Doch irgendetwas musste an den Worten des Mannes drangewesen sein, denn danach war Herr Tjarks gar nirgendwo mehr zu finden. Nicht dass ich ihn suchte, aber nicht nur er war plötzlich verschwunden, sondern auch das Gefühl, beobachtet zu werden, das sich seit gestern Abend in meinem Kopf pausenlos manifestiert hatte. Das eiskalte Augenpaar auf mir war weiter gedriftet und beinahe hätte ich aufgelacht vor Glück! Am Ende stellte sich doch alles nur als eine Halluzination heraus! Das wünschte ich mir jedenfalls sehnlichst, und dass mich so bald nicht wieder ein blonder, blauäugiger Mann schief ansah! Ich wusste nicht, ob ich diesen Terror noch einmal mehr überstanden hätte oder nicht!
Nach der letzten Stunde wartete immer noch kein Mörder vor der Schule auf mich, nirgendwo entdeckte ich ein Anzeichen meines Verfolgers. Seltsam. Ich würde meine Wachsamkeit zwar noch weiter aufrecht erhalten, aber für einen klitzekleinen Moment war ich glücklich, dass es vorerst ein Ende zu haben schien! Ich war sogar so erleichtert, dass ich beschloss, meinen üblichen Heimweg zu nehmen, anstatt des Chaos von heute früh in den ganzen Seitengassen. Alle paar Meter checkte ich meine Umgebung, aber noch immer war die Luft rein! Kein Herr Tjarks weit und breit. An der nächsten Kreuzung wieder umsehen, nirgendwo ein bekanntes Gesicht, sei es tatsächlich eine vertraute Person oder ein ähnlicher Wiedererkennungsmoment wie gestern mit dem Verfolger! Wer weiß, ob er das in der Schule heute überhaupt gewesen war. Ich meine, blonde Sidecuts waren keine absolute Seltenheit und ebenso wenig blaue Augen. Vielleicht hatte mir mein Hirn sogar durch den Stress einen gewaltigen Streich gespielt und dieser Gast hatte mich gar nicht so intensiv angestarrt, wie ich es wahrgenommen hatte! Und die Geste mit dem Finger auf den Lippen konnte ja erst recht ersponnen gewesen sein! Wie auch immer es wirklich vorhin abgelaufen war, das wichtigste war, dass ich noch lebte und mich bester Gesundheit erfreute, von den mentalen Rissen mal abgesehen! Aber hoffentlich würde ich heute wieder besser schlafen können als gestern...
Der Angriff kam so unerwartet, dass ich nicht die geringste Form der Gegenwehr aufbringen konnte. Ich spürte nur noch den kräftigen Klammergriff um meinen Oberkörper und die Hand, die mir gewaltsam aufs Gesicht gepresst wurde, zusammen mit einem ekelhaft riechenden Stofftuch. Erschrocken sog ich Luft ein, musste durch den widerlichen Lappen sofort husten und atmete noch ein weiteres Mal ungewollt ein, ehe der Druck auf meinem Mund verschwand und ich aufkeuchte. Jetzt war es soweit! Eine Sekunde der Unachtsamkeit kostete mich jetzt das Leben! Ich wurde losgelassen und stolperte zwei Schritte, ehe ich zusammenbrach. Alles drehte sich vor meinen Augen... Egal wie sehr ich mich dazu zwang... wachzubleiben und... mich zu konzentrieren...! Ich sah nur noch meinen Verfolger, wie er auf einen dunkel gekleideten Kerl hinter sich eindrosch, der mir eventuell zur Hilfe hatte eilen wollen, dann empfing mich ein bodenloses schwarzes Loch und ließ mich fallen, tiefer und tiefer, ohne Gedanken und ohne Gefühle, als schwebte ich stattdessen irgendwo hoch oben im Weltall.
Schwärze.
Stille.
Leere.
Unendlichkeit...
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Never Forget (#Tardy)
FanfictionArdian lebt ein ganz normales, ruhiges Leben, bis er eines Tages feststellen muss, dass ihn jemand verfolgt. Jemand, der ihm Drohungen zuschickt und ihn sogar tot sehen möchte! Als er schließlich entführt wird, muss er mit eigenen Augen sehen, dass...
