Durch eine lange Röhre müssen wir jetzt ins Flugzeug. Es ist ganz still und am Ende der Röhre wartet die Fluggesellschaft. Ich bin noch nie geflogen! Im Urlaub waren wir auf Sylt, in Italien. Aber mit dem Auto. Es ist richtig spannend. Wir laufen im Flugzeug den Gang nach hinten entlang. Es ist enger als ich es mir vorgestellt hatte. Alle Leute suchen ihre Plätze, Taschen werden gehoben und Kinder jaulen, weil sie am Fenster sitzen möchten. Ich darf am Fenster sitzen. Alice neben mir und wieder neben ihr, ihr Vater. Direkt hinter mir am Fenster sitzt Jana und neben ihr Vivian und Alices Mutter. Unsere Taschen sind in den Fächern über unserem Kopf versteckt. Ich bin angeschnallt. Nach einigem Warten tut sich endlich was. Eine Stewardess stellt sich einige Meter vor uns in den Gang und macht die Sicherheitsbelehrung. Nach einer weiteren viertel Stunde: Endlich! Es geht los! Wir stehen schon mitten auf der Bahn. Das Flugzeug fährt an. Erst langsam und immer schneller. Richtig schnell! Schneller als in der Achterbahn! Die Flügel wackeln. Mir wird mulmig zumute. Es ist so krass. Und dann auf einmal! Wir stehen diagonal in der Luft. Richtig schnell! Der Flughafen und die Stadt werden immer kleiner. So ein unbeschreibliches Gefühl.
Jetzt sitzen wir schon seit einer halben Stunde im Flieger. Vorne im Gang werden einige Leute schon von den Stewardess bedient. Ich gucke aus dem Fenster. Man sieht nix. Wir befinden uns mitten in einer Wolke. Unter uns regnet es! „Soso? Soll ich lieber Tomatensaft oder Cola nehmen?“, fragt Ally. „Tomatensaft??? Spinnst du? Ich habe das mal probiert. Das ist so eklig.“ „Okay. Dann nehme ich Cola. Aber der Tomatensaft schmeckt im Flugzeug immer so gut.“ „Nein Ally. Nimm Cola.“ „Ich weiß nicht… Was nimmst du?“ „Auf jeden Fall kein Tomatensaft“, antworte ich. „Ne jetzt ehrlich. In der Luft schmeckt der viel besser.“ „Glaub mir Ally. Bei mir kommt es nicht an, ob ich ihn auf dem Erdboden oder in der Luft trinke. Er ist eklig.“ „Okay. Aber ich glaube ich nehme einen.“ „Wie du willst. Ich werde einen Kakao nehmen. Zuhause war es ganz schön kühl.“ „Soso! Wir fliegen jetzt ab in die Sonne. USA! Und dann eine halbe Woche auf einem Kreuzfahrtschiff in der Sonne am Pool brutzeln, mit Blick auf den Atlantik…“ „Ja! Genau deshalb gönne ich mir jetzt die letzte heiße Schokolade vor den nächsten drei Wochen.“ Ich habe eine Jeans und einen grob gestrickten Pulli an. Zuhause hatten wir zwölf Grad Celsius. Nicht gerade berauschend in den Sommerferien. Was hätte ich bloß gemacht, wenn ich nicht mit Allys Familie mitgekommen wär? Zuhause rumgammeln? Vielleicht mal Oma im Schwarzwald besuchen oder in der Schweiz wandern? Das hier ist tausendmal besser. Ich habe mein Konto geplündert und bin einmal groß shoppen gegangen. Ich habe einen neuen Bikini, einen Sonnenhut, zwei neue Hotpants, ein Sommerkleid und noch mehrere leichte Sommer T-Shirts. Perfekt! Ally hat einen seeeehr großen Koffer mit. Jana und Vivian jeweils zwei kleinere Koffer. Ich konnte Papa überreden, dass er mir seinen blauen XXL-Koffer borgt. Ich hatte Glück. Es hat alles hinein gepasst. Normalerweise reise ich nur mit kleinem Gepäck. Aber das ist mein erster richtiger Luxusuraub und den muss ich voll auskosten. Die Stewardess nähert sich uns. Jetzt werden kleine Snacks verteilt und später dann das richtige Menü. Schließlich fliegen wir irgendwie acht Stunden oder so… Auf meiner jetzt noch deutsche Zeit eingestellten Uhr haben wir fünf Minuten nach elf. „Guten Tag! Einen Müsliriegel oder Erdnüsse?“, fragt die Stewardess in blauer Uniform. „Ich hätte gerne einen Müsliriegel“, sagt Ally. „Ich auch“, füge ich hinzu. Allys Vater bestellt Erdnüsse. „Hier. Und was hätten Sie gerne zum Trinken?“ Ally und ihr Vater bestellen Tomatensaft, was ich überhaupt nicht nachvollziehen kann. Ich kriege einen warmen Kakao in einer weißen Tasse serviert. Der ist richtig heiß. „Ally. Ich muss aufs Klo. Kommst du mit?“, frage ich Ally. Ich bin nicht so die mutigste und bei ihr komme ich auch immer mit. Das ist aber meistens in einem Café oder in einem Restaurant. Nicht in einem Flugzeug. Ich habe keine Ahnung, wie die Toiletten hier aussehen und ich will auch nicht wissen, wo die ganzen Geschäfte hinkommen. Ich meine hier sind hunderte Leute. Die müssen bestimmt während des ganzen Fluges ein bis zweimal auf Klo. „Jana. Wir gehen aufs Klo.“ „Okay!“ Jana flüstert. Vivian, neben ihr schläft tief und fest und Jana möchte sie nicht wecken. Sie ist ganz in einer Modezeitschrift vertieft, die in den Sitzfächern stecken. Wir quetschen uns an Allys Vater vorbei und laufen zu den Toiletten. Wir kommen an kleinen Kindern, Ehepaaren, großen Familien, Jugendlichen, Rentnern und Leuten aller Art vorbei. Viele reden Englisch. Diese kommen bestimmt gerade vom Deutschlandurlaub wieder in die Heimat zurück. Ich finde es komisch, dass wenn man in den USA lebt, Urlaub in Deutschland macht. Egal. Ich gehe jetzt erstmal auf Toilette.
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