Die gesamte Nacht über lag ich wach und starrte an die Zimmerdecke. Kyle war relativ schnell eingeschlafen, auch wenn er sich anfangs gewehrt hatte und wach bleiben wollte, bis ich einschlafen würde.
Kurz betrachtete ich sein Seitenprofil, sein markantes Kinn und die porenfreie, gebräunte Haut, bevor ich lächelnd den Kopf in meinem Nacken legte und an den Abend zurück achte.
Jacob hatte Kyle keinen Moment aus den Augen gelassen und beinahe tat es mir leid. Aber mir war bewusst, dass er sich verpflichtet fühlte und zum großen Teil aus reinem Spaß Kyle mit seinen Blicken durchbohrte.
Als ich immer noch nicht das geringste Anzeichen von Müdigkeit verspürte, schlug ich vorsichtig die Decke beiseite und tapste leise in die Küche. Dort füllte ich mir ein Glas mit Wasser und öffnete den Kühlschrank, um zu schauen, ob noch etwas von dem Abendessen übrig war.
Jacobs Mutter war eine unglaubliche Köchin. Sie stand manchmal stundenlang in der Küche und jedes Mal, wenn Liam bei Jacob gewesen war – egal, ob für einige Minuten oder Stunden - packte sie für mich eine Tupperdose mit Essen ein.
„Kannst du nicht schlafen?" Ich wandte mich ertappt zu Jacob, der im Türrahmen stand und zu mir blickte. Das Licht aus dem Kühlschrank erhellte sein Gesicht, auf welchem ein leichtes, müdes Lächeln lag. Ich schüttelte den Kopf und wandte mich wieder dem Kühlschrank zu, als Jacob über mich hinweg hineingriff und zwei Tupperdosen hinauszog.
Stumm sah ich dabei zu, wie er eine kleine Lampe an der Wand anknipste und zwei Gabeln aus der Schublade entnahm.
„Na komm, setz dich."
Ich schloss den Kühlschrank und setzte mich Jacob gegenüber an dem Tresen. Er öffnete vorsichtig die Deckel und schob das Essen dann zwischen uns, bevor er grinste.
„Es hat eine lange Zeit gedauert, bis meine Mom begriff, dass ich nachts immer die Reste aufesse." Ich grinste und konnte mir nur allzu gut vorstellen, wie sie von Zeit zu Zeit verdutzt vor leeren Dosen stand.
Schweigend stocherte ich mit meiner Gabel in dem Essen und stöhnte leise und genüsslich auf, als ich ein Stück von dem Auflauf in den Mund schob.
„Ich wünschte, deine Mom wäre unsere Mom."
Mein Blick sank und ich seufzte. Ich wusste nicht einmal, wo meine Eltern sich gerade genau befanden. Kanada. Toronto. Mehr nicht.
„Sie lieben dich trotzdem. Auch wenn du es jetzt gerade nicht glauben magst."
Ich nahm mir ein weiteres Stück auf die Gabel und betrachtete es.
„Mag sein, aber sie sind dieses Mal zu weit gegangen."
Dann stopfte ich es mir in den Mund und konzentrierte mich bloß auf das kauen und schlucken. Meine Eltern waren das letzte Thema, über welches ich sprechen wollte.
„Was läuft da zwischen dir und Kyle?" Nun grinste Jacob wieder und steckte sich gleich darauf ebenfalls eine Gabel voller Auflauf in den Mund.
Ich stockte und senkte meine Gabel. Was lief zwischen mir und Kyle?
Selbstverständlich hatte ich vorhin seine Hand am Flughafen genommen und wir schliefen auch gemeinsam in dem Bett im Gästezimmer. Aber wir waren nicht zusammen. Und ausgegangen waren wir auch noch nicht. Mir wurde bewusst, dass ich nicht einmal wusste, wann und wohin Kyle mit mir ausgehen wollte.
„Ich weiß es nicht", gab ich also ehrlich zu und zuckte frustriert mit meinen Schultern. „Anfangs konnte ich ihn absolut nicht leiden. Er ist fordernd und duldet keinen Widerspruch. Und dann dieses Grinsen. Er grinst andauernd."
Ich legte die Gabel beiseite und begann zu lächeln. „Aber er gibt mir auch Halt und hört mir zu. Und manchmal ist dieses Grinsen einfach nur schön." Dann sah ich zu Jacob, der ebenfalls die Gabel auf den Tisch gelegt hatte. Er schien nachdenklich und antwortete mir nicht, sodass ich einfach weiter in meinen Gedanken blieb.
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Liebes Tagebuch || #Wattys2015
Novela JuvenilDurch einen Autounfall verliert Lola Cane ihren Bruder. Innerhalb weniger Augenblicke bricht ihre Welt zusammen. Plötzlich sieht sie sich dem Leben gegenüber allein konfrontiert. Der Umzug in eine andere Stadt, eine neue Schule und ein neues Umfeld...
