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Dicke Tropfen prasseln auf die Frontscheibe meines Wagens ein, während ich mir den Weg durch die einbrechende Dunkelheit zwischen all den Lichtern der Stadt bahne. Laute Partymusik dröhnt aus den Lautsprechern, die Scheiben sind beschlagen und das triste Grau dieses kühlen Aprilabends spiegelt die im Auto vorherrschende Euphorie so gar nicht wieder.
Leise summe ich die Melodie des Sommerhits mit und schiele hinüber zu Gina, die sich gerade im Spiegel den Lippenstift zu einem knallroten Kussmund nachzieht. Die aufgedonnerte Löwenmähne wippt im Takt ihrer Schultern, die in das funkelnde Schwarz ihres hautengen Cocktailkleids gehüllt sind. Ich wende den Blick von Gina ab und streiche mir durch die wallende Lockenpracht. Neben dieser Göttin fühle ich mich in meinem bauchfreien Hoodie und der hellblauen Boyfriend-Jeans viel zu leger.
Ich stöhne auf und sage, den Blick fest auf die Straße gerichtet: "Gina, Du siehst unglaublich aus. Wenn heute nicht jeder Kerl auf der Party ohnmächtig umfällt wenn er Dich sieht, fresse ich einen Besen!". Als Antwort wirft sie mir einen Luftkuss zu. "Du wolltest ja keins meiner Kleider ausprobieren!", antwortet sie vorsichtig, wohlwissend dass mich keine zehn Pferde in eines ihrer tief ausgeschnittenen, hautengen Kleider zwingen könnten. "Du siehst das hier", meine ich und zeige in einer weit ausholenden Geste meine Wenigkeit, "und das da," dabei zeige ich auf Gina, "und jetzt stell Dir dieses Kleid mal an mir vor. Ich bin ein Kleiderständer". Bei dieser Aussage schnaufe ich bockig. Aus den Augenwinkeln erkenne ich die Grimasse, welche Gina gerade zieht. "Quark mit Soße. Ich habe vielleicht Kurven, dafür würde sich jeder Designer darum reißen, wenn Du für ihn laufen würdest. Ich schwöre Dir, Dein Instagram würde so gut laufen, wenn Du mal anfangen würdest, selbstbewusst zu sein!". Ich parke den Wagen am Straßenrand, schalte die Lichter aus und drehe den Motor ab. Danach drehe ich mich langsam zu Gina und schaue sie genervt an. "Einfach mal selbstbewusst sein. Hörst Du Dir überhaupt zu? Als wäre das ein Knopf, den man einschalten könnte". Genervt verdrehe ich die Augen und greife zu meinem Gurt, als Gina meinen Unterarm greift. Sie sieht schuldbewusst aus. "Es tut mir Leid Emi, ich wollte nicht fies sein. Aber ich kenne Dich seit Jahren und Du bist so lustig und süß und nett. Und hübsch! Aber sobald Fremde dabei sind, wirst Du zur Salzsäule. Das macht mich wahnsinnig". Sie hält weiterhin meinen Arm und sieht mir direkt in die Augen. Natürlich weiß ich, was sie meint und es ist ja nicht so, als würde mir selbst nicht auffallen, wie verkorkst ich bin, sobald andere dabei sind. Dennoch tut es weh, dass sie das genau jetzt auf dem Weg zur Party anspricht. "Hör mal zu Gina", fahre ich sie in einem scharfen Ton an, "ich bin nicht Dein Sozialexperiment. Mir ist schon klar, dass ich introvertiert bin aber kannst Du es nicht mal sein lassen? Ich bin einfach nicht der Typ Frau, dem jeder Kerl hinterhergeiert!". Mein Blick richtet sich auf ihr extravagantes Outfit und bleibt nicht unbemerkt. "Na hör mal", giftet Gina zurück, "es ist ja nicht so, als wäre es Dir völlig egal, was andere von Dir halten. Und Du brauchst mich jetzt nicht deswegen schlechtzureden. Es macht mir Spaß, mich schön zu fühlen und zu flirten und das ist mein gutes Recht". Bei dieser harschen Antwort zucke ich zusammen. Niemals war es meine Absicht, Gina ein schlechtes Gefühl über ihre Freizügigkeit zu vermitteln. "So war das ja auch nicht gemeint. Aber es fällt mir einfach schwer mich so zu öffnen, das brauchst Du mir nicht noch so unter die Nase zu reiben..". Mein trauriger Versuch, die Wogen zu glätten scheint zu fruchten. Milde gestimmt antwortet Gina: "Das will ich ja auch gar nicht. Aber ich denke, manchmal brauchst Du einen Schubs in die richtige Richtung". Sanft lächelt sie mich an und greift meine Hand. Ich erwidere diese Geste. "Fein, aber bitte verwechsle Deinen kleinen Schubser nicht mit einem Arschtritt, meine Liebe". Unser einvernehmliches Kichern bestätigt die unausgesprochene Versöhnung. Gina atmet tief ein, schnappt sich ihre Handtasche aus dem Fußraum und grinst mich breit an: "Bereit für die Party?". Ich grinse zurück, zeige ihr den hochgestreckten Daumen und so sprinten wir durch den prasselnden Regen zu Jonathans Haustür.

Als Jonathan die schwere Holztür öffnet, strömt uns die aufgeheizte Stimmung nahezu entgegen. Laute Musik dröhnt aus dem Haus, der Geruch von verschwitzten Tanzenden hängt in der Luft. Erst jetzt wird mir das Ausmaß dieser kleinen Sommerparty bewusst und eine warme Woge der Aufregung durchströmt meine Magengegend.
"Wow, schön dass ihr da seid Mädels," grinst Jonathan uns entgegen. Seine aalglatten Haare sind zu einer schmierigen Gelfrisur frisiert, er trägt ein lockeres weißes Hemd und hält einen roten Pappbecher in der Hand. Zur Begrüßung umarmt er uns beide, wobei sein Blick an Gina hängenbleibt. "Wow Gina, Du siehst großartig aus! Du auch, Emi," zwinkert er mir zu. Das flüchtige Kompliment wirkt leicht aufgesetzt, erfüllt jedoch seinen Zweck.
"Na", scherzt Gina, "eine Gartenparty wird das hier wohl nicht". Sie kichert und versprüht eine angenehm sprudelnde und leichte Aura. Jonathan läuft rot an. "Ich glaube, das fällt wohl ins Wasser", antwortet er. Wir müssen alle drei über diesen seichten Witz lachen. Schließlich bittet er uns in das große Einfamilienhaus.
Die Party erinnert an einen amerikanischen Highschool-Film. Im Wohnzimmer ballert die Musik aus den Boxen, die Möbel wurden an die Seite geschoben und auf der improvisierten Tanzfläche reiben sich verschwitzte Körper im Takt eng aneinander. Auf den zahlreichen Sitzmöglichkeiten sitzen verschiedene bekannte und unbekannte Gesichter, teils in hitzige Diskussionen verwickelt.
Wir folgen Jonathan in die Küche, in welcher er uns einen Drink anbietet. Gina lässt sich bedienen, ich muss noch fahren und bitte um etwas Alkoholfreies.
Kurz darauf drängen wir uns in die Masse und werden stürmisch von den Bekannten aus unserem Jahrgang begrüßt.
Ich stehe schüchtern neben Gina, halte mich krampfhaft an meiner Cola fest und sauge diese Energie in mich auf, als sich eine Hand auf meine Schulter legt und ich erschrocken herumfahre. Ich schaue direkt in Chris' rote Sommerlocken. Er strahlt mich an. "Hey Emi, schön dass ihr da seid. Hey Gina!".
Zur Begrüßung umarmen wir Chris und der schelmische Blick von Gina bleibt von mir nicht unbemerkt.
"Jetzt kommt schon", kreischt Gina schließlich in die Gruppe, "lets get this party started!". Sie erhebt ihren Pappbecher wie eine Trophäe in die Luft und bewegt sich, ihre Hüften im Rhythmus der Musik wippend, in Richtung Tanzfläche. Jonathan folgt ihr willig, Chris und ich kommen etwas zögerlich hinterher.
Zwischen dem gedimmten Licht, der lauten Musik und dem steigenden Alkoholpegel der anderen Partygäste lockert sich die Stimmung allmählich und mir fällt es zunehmend leichter, den Stress der angespannten Situation abzuschütteln und mich von der Euphorie meiner Freunde anstecken zu lassen. Albern schäkern wir herum, denken uns verrückte Bewegungen auf und haben einfach nur Spaß. Immer wieder treffen sich die Blicke von Chris und mir, ich spüre eine kribbelnde Spannung in der Luft liegen.

Völlig erschöpft lassen wir uns auf die Gartencouch fallen. Gina liegt in Jonathans Armen, beide kichern über einen dämlichen Witz. Mit fortschreitender Nacht sind die beiden immer alberner geworden und kommen sich allmählich körperlich näher.
Chris und ich sitzen etwas angespannt nebenan und blicken in die tiefe, dunkle Nacht. Immer noch gießt es wie aus Eimern und die dicken Tropfen prasseln in einem lauten Trommelwirbel auf das Vordach der Veranda.
Eine kühle Brise streicht über meine Haut und lässt mich erschaudern.
"Willst Du meine Jacke haben?", höre ich den sanften Klang von Chris' Stimme neben mir. Etwas zu erschrocken wende ich mich ihm zu und bringe Chris ungewollt zum Lachen. Für den Bruchteil einer Sekunde mustere ich sein Gesicht eingehend und komme zu dem Schluss, dass Chris definitiv attraktiv ist. Ich unterbreche meinen Gedankengang und greife schnell nach der braunen Lederjacke, die er mir entgegenstreckt. "Lieb von Dir.. danke..", stammele ich verlegen. Als Antwort erhalte ich ein warmes Lächeln. Blut schießt in meine Ohren und ich fühle mich super unwohl. Chris scheint meine Nervosität wahrzunehmen, er wendet sich ab und lässt sich tief in die Couch sinken. "Hast Du noch andere Hobbys außer Deinem Pferd?", beginnt er eine leichte Unterhaltung und ich lasse mich dankbar darauf ein. Die nächsten Minuten reden wir über unsere Interessen und das lockere Gespräch entwickelt sich allmählich zu einer ernsthaft intensiven Unterhaltung. Ich beginne, Chris als Persönlichkeit zu erkennen und lausche ihm gebannt, als er von seiner Aktivität als Naturschützer berichtet. Anders als ich hat der schüchterne Kerl seinen Platz in der Gesellschaft nicht nur gefunden, sondern angenommen, und das respektiere ich sehr.
Ich spüre, wie es mir durch seine Ehrlichkeit zunehmend leichter fällt, mich zu öffnen und so kommen wir zu einem Punkt, an dem ich von meiner Sozialphobie beichte.
"Wow Emi, ich weiß gar nicht richtig, was ich dazu sagen soll.. ich möchte Dich weder in die Ecke drängen noch bemitleiden oder so.. Wäre es für Dich okay, es mir zu sagen falls ich etwas falsch mache oder Dir ein schlechtes Gefühl gebe?", bittet Chris mich. Seine Stimme ist fest und sein Blick aufrichtig - und ich in diesem Moment so unendlich erleichtert, wie gefasst und freundlich er reagiert. Meine Antwort ist zu einhundert Prozent aufrichtig: "Natürlich! Aber Du bist toll und gibst mir ohne jede Mühe das Gefühl, respektiert zu werden..". 
Chris streicht sich verlegen grinsend durchs Haar und ich drehe mich panisch weg. Habe ich das gerade ernsthaft laut ausgesprochen? Oh Gott, ich möchte sterben. Hier und jetzt will ich im Erdboden versinken und.. "Hey danke Emi. Ich finde es so bemerkenswert, wie Du die Welt siehst und das war gerade wirklich ein schönes Kompliment", unterbricht Chris meine wachsende Panikattacke, "und ich mag Dich wirklich".
Einen Moment sitzen wir einfach nur da und starren uns wortlos an, bevor ich aufspringe und zum anderen Sofa hechte. Zu meinem Erstaunen sind Jonathan und Gina nicht mehr dort. "Oh, wo sind denn die zwei hin?", frage ich mehr ins Nichts als direkt zu Chris gewandt. Dennoch kommt eine Antwort: "Die haben sich vorhin reingeschlichen, ich habe es auch kaum bemerkt".
Befangen und überwältigt von der Intensität dieser unangenehmen Situation winke ich Chris irgendwie seltsam zu, bevor ich ins Haus stürme um Gina zu suchen.
Das nervöse Kribbeln der Aufregung liegt zunehmend schwerer in meiner Magengrube. Wie in einem Urwald schlage ich mich durch die Menschenmasse, mein Blick schweift in jede Ecke des Hauses.
Halb gelähmt und voller Unwohlsein schlage ich schließlich die Badtür hinter mir zu und laufe direkt zum Waschbecken, um mir nasses Wasser ins Gesicht zu klatschen. Ich merke, wie schnell mein Herz rast und spüre förmlich das Blut durch meine Adern pulsieren. In dem Versuch, wieder Herrin der Lage zu werden, sortiere ich die Geschehnisse. Ich hatte eben eine großartige Unterhaltung mit einem tollen Typen, die darin geendet ist, dass ich panisch und wortlos die Flucht ergriffen hatte. Auf der Suche erfolglosen nach meiner betrunkenen Freundin bin ich einem leeren Bad gestrandet.
Beide Arme fest auf das Waschbecken gestemmt, starre ich in mein eigenes Spiegelbild. Stark hechelnd erwidere ich meinen Blick. Schwalle aus Panikschweiß, kaltem Leitungswasser und Makeup fließen über meine Haut.
Einige Minuten stehe ich so dort. Einige Minuten, bis sich mein Atem beruhigt und ich schließlich in die Realität zurückkehre. Das Rauschen in meinen Ohren legt sich und wird durch das tiefe Brummen der Lautsprecherboxen ersetzt. Ich löse mich aus meiner starren Position und beginne, mein Gesicht zu waschen. Ein letzter Blick in den Spiegel offenbart mein blankes, ungeschminktes Gesicht. Gefasst öffne ich die Tür und mache mich auf die Suche nach Gina. 

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⏰ Letzte Aktualisierung: Aug 28, 2021 ⏰

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